Es soll hinfort keine Zeit mehr sein…

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Es soll hinfort keine Zeit mehr sein…

"Es soll hinfort keine Zeit mehr sein, sondern in den Tagen, wenn der siebente Engel seine Stimme erheben und seine Posaune blasen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes…" (Offenbarung des Johannes) Abbildung: Ottheinrich-Bibel, Bayerische Staatsbibliothek (um 1530)

Die diesjährige Aufführung des „Quartetts auf das Ende der Zeit“ von Olivier Messiaen war die erste ohne den Initiator Albrecht Goetze, der mit vehementer Überzeugungskraft dafür gesorgt hat, dass aus dem vergessenen Niemandsland am Rande der Doppelstadt Görlitz / Zgorzelec ein europäischer Erinnerungsort wurde.

Der 1942 in Leipzig geborene Goetze, viele Jahre als Regisseur und Komponist vor allem in Hamburg und München tätig gewesen, er hatte 1996 eher zufällig von Messiaen gehört und dessen Musik als „inspirierend wie Jazz“ empfunden. Nachdem er zum ersten Mal dem „Quartett auf das Ende der Zeit“ begegnet war, ließ er sich aus Paris das Notenmaterial schicken und entdeckte darin den entscheidenden Hinweis: „Vollendet im Stalag VIII A 15. Januar 1941“. Er fuhr umgehend hin in dieses Görlitz, wo niemand etwas von Messiaen und dessen Musik gewusst hat. Irgendwer schickte ihn auf die polnische Seite, wo Goetze endlich fündig wurde. Im seinerzeitigen Görlitz-Moys, dem heutigen Stadtteil Ujazd von Zgorzelec, befand sich das Stammlager (Stalag) VIII A. Von Ende 1940 bis Anfang 1941 war der als Sanitäter zum Kriegsdienst gezogene Musiker und Komponist Olivier Messiaen dort interniert und vollendete an diesem Schreckensort sein berühmtes Quartett. Die ungewöhnliche Besetzung Violine, Violoncello, Klarinette und Klavier war der Tatsache geschuldet, dass gemeinsam mit Messiaen der Geiger Jean Le Boulaire, der Cellist Ètienne Pasquier, der Klarinettist Henri Akoka dort in Haft waren.

Unter unsäglichen Bedingungen entstand dieses Quartett und wurde vor etwa 400 Häftlingen in der sogenannten Kulturbaracke uraufgeführt. Was Messiaen inmitten all der Schrecken und Grausamkeiten gelang, veranlasste Goetze dazu, diesen Ort für „ebenso wichtig wie ägyptische Pyramiden oder Stonehenge“ zu halten. Er initiierte in unermüdlicher Kleinarbeit den Verein Meeting Point Music Messiaen, der inzwischen längst europaweit Anerkennung erfuhr und regelmäßig Jugend-Camps organisieren konnte, um das einstige Lager als Gedenkstätte zu etablieren. In absehbarer Zeit soll dort mitten im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck eine Begegnungsstätte internationaler Jugendkultur entstehen.  Albrecht Goetze hatte sich Ende 2012 aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen müssen. Das erstmals ohne ihn veranstaltete Gedenkkonzert am Dienstag bewies, dass sein bisheriges Engagement feste Grundlagen für die Zukunft geschaffen hat. Wieder ist ein Zelt am Rande des einstigen Stalag errichtet worden, wieder gab es einen Bus-Shuttle von Görlitz via Zgorzelec bis in dieses von der Gemeinde an den Meeting Point abgetretene Waldgebiet und zurück. Und wieder kamen Hunderte Menschen, um am Ort des Entstehens sowie der Uraufführung dem „Quartett auf das Ende der Zeit“ zu lauschen.

Erstmals war mit Jean-Rodolphe Kars ein enger Weggefährte Messiaens dabei, der vor dem Konzert mit einfühlsamen Worten zu faszinieren vermochte. Und erstmals musizierten die Geigerin Yuki Manuela Janke, seit dieser Spielzeit Erste Konzertmeisterin der Sächsischen Staatskapelle, Solocellist Isang Enders sowie die französischen Musiker Romain Guyot (Klarinette) und Roger Muraro (Klavier) dieses Quartett von Messiaen. Nach dem letzten der acht Sätze folgte beredtes Schweigen – und dann ein herzlicher Applaus.

17.01.2013Features, Rezensionen