„Der Weg nach unten ist der Weg nach oben“

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„Der Weg nach unten ist der Weg nach oben“

"Der Weg nach unten ist der Weg nach oben" – so der Titel eines in der nächsten Spielzeit aufgeführten Werks von Bernd Franke. Die Philharmoniker bleiben, hat man den Eindruck, in diesen Tagen kämpferisch, auch wenn die Zeitläufte das Orchester wie dereinst Väterchen Rhein seine Nixentöchter ordentlich von oben nach unten- und wieder zurückzwirbeln.

Die Philharmonie erkundet im nächsten Jahr neue Spielstätten. Der Lichtsaal des Albertinums (Foto: M. Borggreve) soll akustisch ertüchtigt werden und wird eine der Hauptspielstätten des Orchesters für große sinfonische Konzerte sein.

So will man dem befürchteten Abonnentenschwund, den das Orchester schon einmal – 2007, als der Kulturpalast aus Brandschutzgründen geschlossen war – erleiden musste, mit viel Energie und extra Service-Angeboten entgegentreten. Für schwankende Alt-Abonnenten sind zukünftig "a la carte"-Abos im Angebot: wer will, kann seine eigene Konzertreihe kreieren und kauft ermäßigte Karten etwa für alle Konzerte mit Ehrendirigent Kurt Masur oder für sämtliche Termine, die im Musikhochschulsaal etc. stattfinden. Eine neu erhältliche "Philharmoniecard" ermöglicht ähnlich der BahnCard pro Inhaber einen 20-Prozent-Rabatt auf die meisten Konzerte der Spielzeit zum Preis von 12,- Euro jährlich; für spontane Konzertbesuche ein wirklich verlockendes Häppchen.

Inhaltlich atmet die Spielzeit viel Beethoven: Kurt Masur wird – Gesundung vorausgesetzt – die ersten acht Beethoven-Sinfonien mit dem Orchester einspielen, wovon auch Konzertbesucher profitieren werden. Michael Sanderling hat sich für alle fünf Klavierkonzerte die Jungstars Alexej Gorlatch und Herbert Schuch eingeladen. Anne-Sophie Mutter spielt das Violinkonzert in der Frauenkirche. Und auch in anderen Konzerten findet man immer wieder Werke des Meisters eingestreut.

Reich mir die Hand, mein Christian: Philharmonie und Staatskapelle rücken künftig enger zusammen, wenn es nach Michael Sanderling geht (Foto: M. Borggreve)

Wirklich längst "überfällig" – ganz richtig, Michael Sanderling! – ist die geplante engere Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Ob sich tatsächlich Ideen verwirklichen lassen wie diese, in Zukunft eventuell einen gemeinsamen "Artist in Residence" einzuladen, sei dahingestellt. Aber die jahrelang fast unüberwindlich scheinende Wand zwischen den "Bürgerlichen" und den "Höfischen" gehört eindeutig eingerissen. Nicht zuletzt könnte das der Kapelle frisches Junghörerblut und der Philharmonie unvoreingenommen konzertlustige Interessenten zutreiben, die unter den Beschränkungen des limitierten Kartenangebots der Oper leiden. Wenn also Reinhard Goebel nächstes Jahr mit beiden Orchestern auftritt, könnte das der Beginn einer wunderbaren Klangkörperfreundschaft sein.

Trotzdem stehen der Philharmonie zahlenmäßig schmerzliche Einschnitte bevor. "Wir gehen realistischerweise davon aus, dass uns Abonnenten verloren gehen werden," warnte Rose am Mittwoch auf der Jahrespressekonferenz des Orchesters. Und dieser Verlust werde kein kleiner sein: mit erschreckenden 45 Prozent weniger Besuchern rechnet das Orchester in der nächsten Spielzeit; der Stadtrat hat diese Mindereinnahmen einkalkuliert.

Intendant Anselm Rose rechnet mit etwa 45 Prozent Besucherschwund (Foto: Marco Borggreve)

 

 

Die Gesamtkapazitäten der Konzerte und Spielstätten sind daher auch vorerst auf lediglich 60 Prozent des momentanen Zustands ausgelegt. Dabei sucht das Orchester den ungeliebten Saal im Kongresszentrum – aus mir vorerst undurchsichtigen "steuerlichen" Gründen – nur ein einziges Mal in der Spielzeit auf; die Messe wurde nach einer Probe gleich für akustisch unzureichend befunden und wird daher komplett gemieden. Heimstatt der Verwaltung wird das ehemalige Multiplex-Kino im Waldschlösschen-Areal; dort werden ab Herbst auch die Proben des Orchesters stattfinden. Und der Kartenvorverkauf zieht in die Weiße Gasse um, wenn sich die Pforten des Kulturpalasts schließen.

Dieses Datum – von manchen herbeigesehnt, von anderen verflucht – wird übrigens nicht mit Pomp und Circumstance gefeiert, etwa mit einem Tanztee auf dem berühmt-berüchtigten Kipp-Parkett. Lediglich einen "Flohmarkt" für diverse Überbleibsel des alten Palast-Inneren soll es im August geben, kündigte der Noch-Geschäftsführer der Konzert- und Kongressgesellschaft Dresden GmbH, Ulrich Finger, an. Die letzte Chance, eine dieser schönen Sonnen-Wandleuchten zu ergattern… Wolfgang Hänsch, save the date!

Foto: M. Morgenstern

Die Dresdner Philharmonie lädt herzlich ein zur Info-Soirée am Mittwoch, den 2. Mai 2012, um 20.00 Uhr im Festsaal des Kulturpalastes (Dauer ca. eine Stunde). Anselm Rose und Michael Sanderling werden die neuen Spielstätten des Orchesters sowie das Konzertprogramm und neue Formate der Saison 2012/13 vorstellen, die Musiker werden den Abend mit Musikausschnitten aus der kommenden Spielzeit abrunden. 2 Karten pro Person sind kostenlos im Besucherservice im Kulturpalast erhältlich. Solange der Vorrat reicht. Es besteht kein Sitzplatzanspruch.

02.05.2012Features