„Den Moment zulassen, das Gefühlte sein“

Interviews

„Den Moment zulassen, das Gefühlte sein“

Foto: Maria Funk

Frau Rudolph, wie fühlt es sich an, als Berlinerin das Gesicht der Dresdner Jazztage zu sein?

Natürlich ist es für mich eine Ehre, es – quasi als Covergirl – auf das Plakat geschafft zu haben. Man hätte ja auch einen großen internationalen Star wie Al Di Meola, der dieses Jahr auch dabei sein wird, auf die Plakate setzen können. Und ich habe schon beim Echo im vergangenen Jahr gespürt, dass die Dresdner besonders nah dran waren, mich gern als dazugehörig betrachten und feiern. Das freut mich besonders!

Sie dozieren seit 2003 an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber – wie verstehen Sie diesen Lehrauftrag?

Hauptsächlich unterrichte ich meine Studenten im Einzelunterricht und im Bandunterricht. Meine Aufgabe ist es, ihnen ein Feedback zu geben, aber auch, das gemeinsame Musizieren zu begleiten und individuell die Klangfarben und Bandbreite ihrer Stimmen zu schulen. Außerdem leite ich auch dazu an, eigene Songs zu komponieren, schlichte Vorträge sind eher selten an der Tagesordnung.

Ihr aktuelles Album „Salvador“ ist zuerst auf Französisch erschienen, da es sich um die Texte Henri Salvadors handelt. Dann erschien die deutsche Version , wie vermeiden Sie das Abdriften in die belächelten Gefilde der deutschen Kitsch-Texte?

Das geht nur, wenn und weil ich das selbst mache. Die Idee war, wunderbare französische Texte auch auf Deutsch verstehen zu können, was sich als sehr schwer erwies. Es ging darum, die Atmosphäre zu übertragen, trotzdem etwas Eigenes zu schreiben und dabei nicht wie viele deutsche Vorbilder zu klingen. Man stellte mir einige Texter zur Seite, die mir beim Übersetzen helfen sollten. Aber nach den ersten Texten stellte ich fest, dass dort versucht wurde, in einem Stil zu dichten, den es schon gibt. Ich bekam etwas, von dem man wusste, dass es schon funktioniert, das war aber nicht meins. Gerade in der deutschen Sprache , die ja lauter Kitschfallen birgt! Also war es wichtig, eine eigene Sprache zu finden, denn wenn ich solche schweren, triefenden, gewichtigen Bilder Henri Salvadors ins Deutsche übertrage, bin ich schon im Kitsch, das ist einfach eine andere Sprachebene. Also habe ich versucht, in den Bildern nicht dieses große Fass aufzumachen, sondern sozusagen im Intimen zu bleiben, als würde ich ganz einfach mit meinem Gegenüber erzählen. Es sollte nicht mehr erscheinen, als es eigentlich ist. Vergangene Woche stellten wir das Album in Paris vor. Jaqueline Salvador erwies uns die Ehre ihres Besuchs und war total begeistert. Sie sagte, sie hätte – ohne deutsch zu verstehen – auch in der deutschen Version das Gefühl gehabt, den Geist und die Atmosphäre der Musik Salvadors zu spüren. Es war mir auch sehr wichtig, dass eben an dieser Stelle kein Bruch entsteht.

Auf der Bühne wirken Sie sehr privat und versunken , als ob Sie ein wenig die Welt vergessen…

Das ist auch so, denn in dem Moment, wo man das kann, ist man ganz bei sich und bei der Musik. Dann tue ich nicht so als ob und bringe etwas exakt Vorgefertigtes dar, sondern ich erlebe es in dem Moment. Und in dem Moment, wo ich es erlebe, erlebt es mein Gegenüber auch. Die Musik und mein Erleben und so sind wir sozusagen eins. Diesen Moment zuzulassen, ist etwas, das ich meinen Studenten auch immer wieder vermitteln möchte. Durchlässig zu sein, nicht zu werten und nur das zu sein, in dem Moment, was man gerade fühlt. Auch wenn es das große Risiko des Scheiterns birgt, was man im Zweifelsfall akzeptieren muss. Aber Scheitern gibt es da eigentlich gar nicht. Es gibt da kein richtig oder falsch, es gibt nur das, was gerade ist.

Den Jazz-Echo bekamen Sie, weil Sie so gelungen verschiedene Stile wie afrikanische Musik, französisches Chanson und Bossa Nova mit Jazz verbinden, welche Richtung kommt als nächste?

Das weiß ich so genau noch gar nicht. Glücklicherweise ist das so schön offen und keine kopfgesteuerte Entscheidung. Es kommen auf jeden Fall eigene Songs. Diejenigen, die ich gerade geschrieben habe, befinden sich noch in einem Arbeitsprozess, da sind welche auf englisch, französisch und deutsch dabei. Ich entscheide das nicht geplant, sondern mache die Musik, die mich gerade anspricht. Die Inhalte entspringen mir selbst, meinem Leben oder der Kunst. Ich mache eben die Musik, die gerade herauswill. Manchmal kommt mir ein Refrain schneller in den Sinn, als ich ihn notieren kann. Dann kommt der Text so schnell wie die Musik und macht mir absolut keine Mühe. Noch ist da keine Linie drin, aber irgendwann schält sich aus diesen Liedern eben etwas Bestimmtes heraus, mal sehen, was es wird.

Das Konzert im Rahmen der Jazztage Dresden von Céline Rudolph findet am 14. November 2011 in der Comödie Dresden statt.

17.10.2011Interviews