Gnadenlos getrieben

Rezensionen

Gnadenlos getrieben

Eine kurzweilige Reise war das zu ausgewählten musikalischen "Bildern einer Ausstellung…" (Foto: Klaus Gigga)

Das Publikum war sich nach dem Konzert einig: solche kurzweiligen Vermittlungs-Abende braucht Dresden viel öfter! Statt unter "Genussdruck" durch alle Räume des musikgeschichtlichen Museums zu hetzen, konzentrierte sich der Cellist Jan Vogler im samstäglichen TONLAGEN-Konzert auf einige wenige Bilder, erfasste und durchdrang sie, und erreichte dadurch bleibende, tiefe Eindrücke bei denen, die ihm auf seiner Hörreise folgten. Miniaturen von Witold Lutosławski und György Kurtág standen auf dem Zettel, wurden von Vogler in gut verständlichen Moderationen erläutert und erklangen zwei-, ja dreimal hintereinander. So wurde es möglich, den Intentionen des Komponisten, aber auch der Auslegung des Interpreten hinterherzuhören, gar verschiedene Musizieransätze zu vergleichen. Das "eS-A-C-H-E-Re"-Tonschema der gleichnamigen Variation spielte der Cellist vor, und gab seine Deutung des Kurtágschen "Schattens" zum Besten. Durchweht wurden die modernen Stücke von Ausschnitten der Cello-Solosuiten von Johann Sebastian Bach. Klug fand Vogler musikalische Anschlüsse und zeigte Parallelen und Rückbezüge in Artikulation und Tonbehandlung anschaulich auf; auch wenn seine sehr nüchterne, auch auf Taktschwerpunkten völlig vibratolose Interpretation der Bach-Sätze zunächst für heutige Ohren etwas distanziert klang.

In dieser didaktisch gelungenen Art auf das Hauptwerk des Abends hingeführt, gelang es problemlos, Steve Reichs mordsschweren "Cello Counterpoint" mitzuverfolgen. Das Solocello muss hier sieben unbarmherzigen Kollegen vom Zuspielband in verschiedenen, polyrhythmisch vertrackten Strukturen Paroli bieten. Und nun spielte die Aufregung Vogler, der das Werk auf Wunsch der Festivalleitung neu einstudiert hatte, mehrfach Streiche. Bei leichten Unsicherheiten beschleunigte er unbewusst das Tempo und kam so außer Tritt, bis unisono-Akzente der Cellisten vom Band ihn wieder auf Kurs brachten. So erinnerte Dresdens Erstaufführung von "Cello Counterpoint" an Reichs frühe Werke, in denen der Komponist mit Phasenverschiebungen verschiedener Stimmen experimentiert. Dass die traumwandlerische interpretatorische Sicherheit, die bei einem derart komplexen Werk unbedingt vonnöten ist, von einem Solisten-Intendanten in Doppelfunktion in kurzer Frist kaum zu erreichen ist, war zu befürchten. Hier behält Vogler mit Hellerau also eine Rechnung offen. Zum nächsten Festivaljahrgang also noch einmal mit acht glänzend präparierten Live-Celli? Jetzt, da wir einmal so herrlich neugierig gemacht sind…

Eine Textfassung des Artikels ist am 10. Oktober in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

11.10.2011Rezensionen