Spannende Begegnungen

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Spannende Begegnungen

Käuflich ist zumindest die neue CD des Dresdner Kammerchors, die dieser Tage erscheint.

Hans-Christoph Rademann, ich habe ein bisschen in der Jahresbroschüre des Kammerchors herumgeschnuppert. Für die kommende Spielzeit plant der Chor außergewöhnliche Projekte; darunter eine Tournee auf die Insel Taiwan. Können Taiwanesen mit europäischer Chormusik etwas anfangen?

Ehrlich gesagt, kenne ich mich in der taiwanesischen Kultur noch gar nicht so genau aus. Die Verbindung mit dem dortigen Taipei Male Choir entstand, weil sich der Chorleiter für unsere Arbeit interessierte. Das Konzert ist sozusagen ein kleiner sächsischer Kulturexport. Das wird ein Experiment. Aber die Neugier auf Dresdner Barockmusik – wir musizieren dort Zelenka und Pisendel – ist jedenfalls enorm. Finanziell wird unsere Reise vom Goethe-Institut unterstützt. In der Organisation solcher Dinge ist unser Chorbüro fürchterlich fit; mithilfe des neuen Teams ist der Chor gerade dabei, ganz spannende Kapitel aufzuschlagen.

Der Dresdner Kammerchor versteht sich in Taiwan als Sachsens Botschafter (Grafik: PR)

Sicher ebenso aufregend werden Gastspiele kurz vor Weihnachten in Zürich beziehungsweise am Neujahrstag in Budapest; Sie geben die Leitung an den renommierten Dirigenten Ádám Fischer ab…

Das ist wirklich eine exklusive Sache, die sicher Zeugnis von der Qualität des Chores ablegt. In den vergangenen Jahren hatten wir in Dresden die leidliche Diskussion, was denn nun das Besondere am Kammerchor sei? Wir haben uns da oft rechtfertigen müssen. Aber Gastspiele wie diese zeigen die ausgezeichnete Reputation, die der Chor

Kulturexport Pisendel…

außerhalb bereits genießt. Und auch die über 5.000 Besucher, die wir in der letzten Konzertsaison bei unseren Auftritten in Dresden begrüßen durften, haben – so hoffe ich – gute Erinnerungen an uns. Die Verbindung zu Fischer kam übrigens über Riccardo Chailly zustande, mit dem mittelfristig Auftritte in Salzburg geplant sind.

Der Prophet tritt aber auch im eigenen Land auf… Zum Beispiel bei den Musikfestspielen.

Im Mai 2012 singt der Chor Messen von Leoš Janáček und Anton Bruckner. Wenn Sie die Saison überblicken, ist das schon eine immense stilistische Vielseitigkeit zwischen Heinrich Schütz und Heinz Holliger. Diesen Anspruch sollte ein professionelles Ensemble, das wir – bis auf die Bezahlung – ja sind, doch haben! Die Brucknersche e-Moll-Messe ist dabei eines der schönsten Stücke, das ich kenne; es hat eine wunderbare Klangfülle, und ist nicht zuletzt für die Soprane mit seinen extremen Höhen definitiv eine Herausforderung. Wenn wir über Sinnlichkeit sprechen, dann setzt diese Messe ganz bestimmt Gipfelgefühle.

Ein Stichwort sollte noch fallen: die "Kostprobe". Wer soll da auf den Geschmack kommen?

Mit den "Kostproben", die im November und dann im Februar und Mai 2012 stattfinden, wollen wir auf unsere Zuhörer ein bisschen zugehen. Die Art der Präsentation "wir hier – und ihr dort" gefällt mir nicht, das hat sicher keine Zukunft. Wenn wir uns ein leidenschaftliches Publikum heranbilden wollen, müssen uns die Leute auch kennenlernen dürfen.

"Die Leute sollen uns auch kennenlernen dürfen…" (Foto: F. Cendelin)

Mit den "Kostproben" können wir Menschen für uns interessieren, sie sehen, wie unser nächstes Programm allmählich entsteht, vielleicht noch nicht ganz fertig ist. Ich werde dabei auch meine eigenen Eindrücke schildern, Dinge, die mir auffallen, aus der Musik heraus erklären, auch mal emotionale Gedanken äußern. Das könnten spannende Begegnungen werden.

Am Sonntag steht nun erst einmal Bachs h-Moll-Messe auf dem Programm. Ein Werk, das in Dresden nicht oft aufgeführt wird, oder täusche ich mich?

Nein, Sie haben recht, und wir sind auch besonders glücklich, dass wir das Werk nach Auftritten bei der Bachwoche in Ansbach und dem Bachfest in Wetzlar nun auch in Dresden aufführen können. Nicht zuletzt macht die Förderpolitik Aufführungen von Stücken wie diesem – hinter die Solisten tritt ein achtstimmiger Chor und ein reich besetztes Orchester – eher rar. Ich selbst habe es einige Jahre nicht gespielt. Was mich an der h-Moll-Messe fasziniert, sind die musikalischen Linien: in den Verästelungen der Polyphonie, in den fugierten Stücken im alten Musikstil entstehen unglaubliche Dinge. Wir können da 2011 nur eine Momentaufnahme liefern; das Werk ist für die Mitwirkenden und die Zuschauer jedes Mal ein völlig neues Werk, glaube ich. Die Beschäftigung mit dieser Messe ist unerschöpflich.

Und Schütz? Werkeln Sie weiter fleißig an einem Denkmal für Ihn?

Oh ja! Diese Gesamteinspielung ist eine unglaubliche Bereicherung für alle Beteiligten. Schütz‘ Musik ist so nah am Leben, kann so viel über unsere heutige Zeit erzählen. Die ständige Gegenwart des Todes zum Beispiel ist doch keineswegs nur eine Erfahrung des 17. Jahrhunderts. Und wenn man dann die „Musikalischen Exequien“ hernimmt oder ein Werk wie „Ich hab mein Sach Gott heimgestellt“, dann berührt das ganz unmittelbar. Neben drastischen Bedrohungsszenarien sendet Schütz sehr viel Trost aus mit seiner Musik. In den nächsten Tagen erscheint unsere neue CD – hören Sie sich da nur mal den schlichten Choral „O meine Seel, warum bist Du betrübet“ an. Das ist eine echte Entdeckung.

"Der Chor schlägt in der nächsten Spielzeit spannende Kapitel auf…"

Eröffnungskonzert der Saison 2011/12

JOHANN SEBASTIAN BACH – h-Moll-Messe

Johanna Winkel | Sopran
Wiebke Lehmkuhl | Alt
Daniel Johannsen | Tenor
Jochen Kupfer | Bass

Dresdner Kammerchor
Dresdner Barockorchester
Hans-Christoph Rademann | Dirigent

25.09.2011
19:00 Uhr
Annenkirche Dresden

21.09.2011Interviews