Leuben und leuben lassen

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Leuben und leuben lassen

An der Staatsoperette Dresden dreht sich das Personalkarussell: Der Chefdirigent Ernst Theis, der Chefdramaturg André Meyer, der Ballettchef Winfried Schneider, aber auch andere Mitarbeiter wie etwa Kapellmeister Wolfram Tetzner haben ihren Abschied angekündigt. Die Gründe sind ganz verschieden.

Für den Chefdirigenten, den Chefdramaturgen und den Ballettchef müssen demnächst Nachfolger gefunden werden (Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert)

Für einige der Künstler haben sich reizvolle Möglichkeiten an anderen Häusern ergeben. Der langjährige Ballettdirektor, Chefchoreograf und Hausregisseur Winfried Schneider etwa hat seinen festen Vertrag deshalb gelöst. Er wird Dresden über Gastverträge verbunden bleiben. Oder André Meyer: Er wurde kürzlich als Leitender Musikdramaturg an die Oper Halle verpflichtet. Dass sich jemand wie Meyer nach sechs Jahren Operette und Musical mal wieder mit Wagner beschäftigen wolle, sagt Operettenintendant Wolfgang Schaller, verstehe er gut. Er sehe darin nicht zuletzt die Chance, neue Handschriften, neue Impulse in das Leubener Haus hineinzutragen.

Schwieriger Spagat

"Wie in einer geistigen Geiselhaft" (Foto: René Gaens)

Bei Chefdirigent Ernst Theis dagegen liegen die Dinge wohl nicht so einfach. Der Dirigent geht den schwierigen Schritt in die Freiberuflichkeit, weil er die künstlerische Richtung des Hauses zuletzt nicht mehr vollständig mittragen konnte. „Wie in einer geistigen Geiselhaft“ habe er sich seit geraumer Zeit in Leuben gefühlt, bekennt er. Sein ursprünglich formuliertes Ziel, das Haus mit einem neuen Kunstanspruch auszustatten, der das Genre Operette in die Gegenwart holen könnte, sieht er als nicht erreicht an. Und bekennt nachdenklich: „Subjektiv ist mir die Freiheit des künstlerischen Denkens und Handelns wichtiger, als ein Vertrag nach 2013 um des Vertrags willen.“ Der von Ernst Theis formulierte Zwiespalt zwischen dem angestrebten künstlerischem Anspruch und der am Haus gepflegten Orientierung auf die Publikumsgunst ist nicht wegzudiskutieren. Anspruchsvolle wissenschaftliche Konferenzen hier, quietschvergnügt-sorglose Musical-Inszenierungen da – ist dieser Spagat glaubhaft? Ein Hörer, der durch die unter Theis gemachten exemplarischen Einspielungen von Radiomusiken aus den Anfängen des Mediums auf das Haus aufmerksam wird und dann etwa die biedere Weihnachtsshow besucht, dürfte verwirrt sein. Anspruchsvolle Pläne wurden in den letzten Jahren am Haus gewälzt, um das Genre zu entstauben. Aber das, was allabendlich auf der kleinen Bühne zu sehen ist, spricht zu großen Teilen eine völlig andere Sprache. Allerdings muss man sagen: Gerade diese Stücke kommen an – die Kasse brummt.

Die finanzielle Stabilität des Hauses ist Intendant Schaller wichtig, eine solide Außenwirkung auch – da fällt es vielleicht schwer, Gastregisseure einzelne Inszenierungen auch einmal gegen den verordneten Strich bürsten zu lassen. Er habe eben versucht, für das Haus zu finden, was seinen Möglichkeiten angemessen ist, verteidigt der Intendant auch die Regiearbeiten, die Kritiker jüngst als verstaubt, krachledern, schaumgebremst oder schlicht zu heimelig scholten.

Alter Chef – neues Team

Solche Flops aus Sicht der Fachleute waren in dieser Spielzeit „Der Zigeunerbaron“ und „Der Graf von Luxemburg“, was

Inszenierungen am Leubener Haus werden von Kritikern oft gescholten; zwischen Kitsch und Klamotte fühlt sich das Stammpublikum jedoch durchaus wohl, die Zahlen stimmen. (Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert)

der Publikumsresonanz keinen Abbruch tat. Wolfgang Schaller dazu: Jeder müsse wissen, wo er wohne. Und er und sein Team würden nun mal in Leuben wohnen. Ob diese Argumentation jedoch den von allen herbeigesehnten Umzug beschleunigen hilft, ist fraglich. Schließlich sollten es zuerst und vor allem künstlerische Aspekte sein, die die Kulturpolitiker ermutigen, sich für den Neubau mit aller Kraft einzusetzen. Vielleicht platzt aber in der Dresdner Innenstadt der künstlerische Knoten, und das Genre wird einer Generalüberholung ohne Tabus unterzogen? Die Frage, welches Publikum, welche Altersschichten die Staatsoperette Dresden eigentlich wie ansprechen möchte, wird ein neues Team um den alten Intendanten zu klären haben. Der Vertrag von Wolfgang Schaller ist gerade bis 2018 verlängert worden.

Eine Textfassung des Artikels ist am 18. Juli 2011 in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

18.07.2011Features