Was will der Graf in Radebeul?

Allgemein

Was will der Graf in Radebeul?

Dieser Graf wird das Theater nicht retten. Er muss ja sehen, wie er selber klar kommt, dieser liebenswerte Hallodri, dem das Geld nur so aus den Händen flattert. Wenn Guido Hackhausen als Titelheld mit markigem Spitzenton die Faschingsszene unter roten Mohnblüten betritt, ist er mal wieder pleite. Das ändert sich rasch. Ein nicht mehr ganz taufrischer Fürst aus Russland, Michael König, stolpert auf Freiersfüßen. Pech nur, dass sein junges Objekt der Begierde von ihren Fans an der Pariser Oper zwar gefeiert wird wie eine Königin, rein menschlich aber keinen Tropfen blaues Blut in ihren Adern hat. Die Primadonna der Anna Erxleben muss geadelt werden. Sie wird verheiratet auf Zeit, die Scheidung nach drei Monaten gehört zum Ehevertrag ebenso wie die Bedingung, dass sich die „Brautleute“ nicht sehen dürfen. Zwecks Ringwechsel reicht man sich die Hände unter einem Wandschirm. Das lässt sich der Russenfürst was kosten. Und richtig, wir ahnen wer die 500000 Frances bekommt. So ist der Juxgraf wieder flüssig, verheiratet dazu, das Fest geht weiter. Champagner für alle. An den Landesbühnen muss hingegen gespart werden. Die Gläser bleiben leer und die offenen alten Sektflaschen, die gleich kistenweise angeschleppt werden, könnten aus dem nächstgelegenen Container für Grünglas sein.

Alles wird gut in der Operette, die „Eheleute“ verlieben sich natürlich ineinander und würden am liebsten auf der Stelle heiraten, wenn sie nicht schon verheiratet wären. Da kommt, wie kann es anders sein, als deus ex machina, mit eisigen Winterstürmen Silke Richter als russische Gräfin auf der Suche nach ihrem Verlobten hereingeschneit. Man ahnt es, nicht dem Luxemburger stellt sie nach sondern für den russischen Spätabenteurer schnappt die Falle zu. Nichts steht dem jungen Glück im Wege, aller guten Dinge sind drei, ein junger Maler und sein Model, Andreas Petzoldt und Judith Hoffmann, trauen sich auch und der Kunstmarkt wird um eine Venus reicher sein. Oh welche Lust!

Foto: Martin Krok

Das ist ein Operettenspaß von Franz Lehár wie er im Buche steht. Den könnte man als Unsinn abtun, wie der Meister selbst befürchtete, wäre da eben nicht die Musik mit ihren so charmant vorüber schwebenden Passagen, mit den so unterschiedlich weit ausschwingenden Walzerdrehungen, manch aufgetrumpfter Polkaexotik, immer geschickt gesetzt und instrumentiert, die den ungelenken Text auch nicht pfiffiger aber erträglicher machen könnte. Was die Erträglichkeit dieser Landesbühnenproduktion allerdings ausmacht wird die Geduld arg strapaziert. Bald gewinnt man den Eindruck, hier habe die heiße Nadel regiert. Das Orchester unter der Leitung von Hans-Peter Preu hat diesmal keine Sternstunde. Der Klang ist dumpf, dann wieder kommen Sänger nicht dagegen an, man vermisst Feinheit, Eleganz und ein Bouquet von betörendem Parfüm ebenso wie den wilden Überschwung jener Gesellschaft auf der Flucht vor sich selbst.
Für den Fasching in Stefan Wiels praktikablem Einheitsraum mit Bar, Toilettentüren und riesigen Spiegelwänden, steckt Ella Späte das Amüsiervolk in Tierkostüme. Männer als Frösche, Füchse, alte Kater Frauen als Enten, Küken, Käfer usw. Das ist zwar nicht sehr originell, wäre aber immerhin ein Angebot für die Regie, daraus einen schrägen Spaß zu machen. Fehlanzeige. Auch der Choreograf Steffen Fuchs, der mehrfach gezeigt hat, dass er es vermag mit Humor und Augenzwinkern intelligente Brüche zu setzten, bleibt eher vorsichtig, er muss es vermutlich, denn zu tanzen fällt dem betulichen Ensemble nicht leicht.

Komisch ist dann im zweiten Akt, auf einem Kostümball, dass genau dieselben Typen jetzt als wandelnde Barockbauten auftreten, sich aber kaum anders bewegen als zuvor. Auch hier kann oder will Horst O. Kupich aus solchem Angebot keine Ideen für seine Regie finden. Dann gehen die Lichter aus. Heizungsausfall, Wintereinbruch von russischen Dimensionen, Kerzenlicht. Ein Licht geht aber immer noch nicht auf, es sei denn man hält es für einen Kunstblitz, dass die „Bauwerke“ abgelegt werden, die Damen vor der Toilettentür Schlange stehen, in leichter Hocke trippeln und ein Chorist die unvermeidliche Klopapierrolle nach sich zieht. Wo bleibt eigentlich die pinkelnde Choristin?

Weitere Aufführungen in Radebeul: 28.01., 17.03., 05.05.

Eine Textfassung des Artikels ist am 17. Januar in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

27.01.2011Allgemein