Herbstkorrespondenz: Andere Zeiten, anderes Spiel

Rezensionen

Herbstkorrespondenz: Andere Zeiten, anderes Spiel

Nach der Uraufführung 1977 im Apollosaal der Staatoper unter den Linden, in der Regie von Peter Konwitschny, wurde Friedrich Goldmanns Opernfantasie mit dem Text von Thomas Körner nach dem Stück "Der Engländer& quot; von Jacob Michael Reinhold Lenz Jacob Michael Reinhild Lenz in der DDR nicht mehr gespielt.

Goldmann, der im letzten Jahr verstarb, hatte in Dresden und Berlin studiert, aber schon als junger Mann, bevor die Mauer das verhinderte, die Möglichkeiten genutzt sich bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik zu informieren und nahm an einem Kompositionskurs bei Karl-Heinz Stockhausen teil.

Seine Opernfantasie nach Lenz wollte nicht so ganz in die sozialistische Musiktheaterlandschaft passen. Zudem enthielt auch die Inszenierung etliche deutliche Anspielungen auf die Gegenwart. Handelte es sich doch in der Oper um die Revolte einer jungen Generation gegen Verordnungen und Zwänge die von der Generation ihrer Vorgesetzten und Väter ausgeht. Um dieser totalen Anpassung zu entgehen setzten nicht wenige ihr Leben aufs Spiel, worauf wohl 1977 eine zutiefst erschütternde Szene anspielte, wenn so wie bei einbrechender Dunkelheit wenige Meter weiter an der Berliner Mauer das erbarmungslose, kalte Licht der Suchscheinwerfer im Apollo-Saales jeden Winkel überfallartig erhellte.

Das kammermusikalische Stück behandelt einen Konflikt zwischen Individuum und Autorität, die persönliche Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn ist Bild für die Mechanismen solcher gesellschaftlichen Zwänge.

Der Engländer Robert Hot will seiner Geliebten nahe sein, seinem Vater und vor allem dessen Karriereplänen mit ihm, fern. Auch durch extreme Revolte, der Sohn lässt sich als Deserteur verhaften und zum Tode verurteilen, kann er der Übermacht des Vaters und dessen Plänen nicht entkommen. Nur in einer wilden, so listigen wie absurden Aktion mit Täuschungen, Verkleidungen und der Vortäuschung eines Selbstmordes, kann Hot mit seiner Geliebten, einer Prinzessin in ähnlicher Situation, entkommen. „Behaltet euren Himmel für euch!“, ist Beider Motto, mit dem der vermeintliche Tote in ein neues Leben springt.

Im Konzerthaus Berlin, im Werner-Otto-Saal, in der Regie von Henriette Sehmsdorf, mit dem modern art ensemble unter der Leitung von Ferenc Gábor wurde das Werk jetzt in stimmiger Studioatmosphäre wieder aufgeführt. Das Premierenpublikum war begeistert.

Fotos (2): Henriette Sehmsdorf

Anspielungen auf die Werkgeschichte werden weitestgehend vermieden, bzw. ergeben sich dezent. So wird ein großes rotes Tuch, das man gerne für eine Fahne halten kann, aus einem Grab oder einem Verlies gezogen und am Ende, wenn ein Kinderchor zum ironischen Schlussgesang eingespielt wird, erscheint als Handpuppe der Sandmann. Sonst aber überzeugt die Regie grundsätzlich durch ausgefeiltes aber keinesfalls bis zur Erstarrung überexaktes, clowneskes Spiel der Menschen als fremdgesteuerte Puppen an unsichtbaren Fäden.

Sehr eindrücklich das stumme Vorspiel, wenn Friedemann Büttner als Soldat Robert Hot sich in die militärische Gangart zwingt und dabei seinem Körper immer wieder richtungweisende Gewalt antut.
Die Prinzessin erscheint als weiblicher Clown, in mancherlei Gestalt, dazu zunächst in einem unerreichbar hohen Goldrahmen und Hots Vater, überzeugend in Gesang und Spiel Nicholas Isherwood, der den Sohn mit List und Gewalt zurückgewinnen will, ist ein richtiger „Rückwärtsgänger“, der sich dem eigenen Sohn mit abgewandtem Gesicht nähert.
Die Bühne von Stefan Bleidorn ist Podest mit kleinem Hügel in der Mitte, der Verlies und Grab sein kann, Fluchtpunkt, Versteck, Ruhepunkt und Lustmatte. Hier kommt keiner aus seinen Bahnen, es sei denn um den Preis der Selbstverletzung, gespielt oder echt.

Das dezent farbliche Spiel der von Sarah Rolke eingekleideten Menschenpuppen, weiß die Jungen, in Rot die ältere Generation, hat auch schon etwas von der Melancholie einer verlorenen Generation wie sie später Georg Büchner, mit Bezug auf Lenz, in seiner tragischen Komödie „Leonce und Lena“ weiter führen wird. Darin findet sich dann auch am ehesten ein Bezug zur Gegenwart, zu einer Generation die sich lediglich in scheinbare Auflehnung begibt, für die auch die Widerstände weniger klar zutage treten als 1977 in der DDR.

Friedrich Goldmanns Musik für ein Kammerensemble mit Bläsern, Bass, Elektronik und Zuspielungen, bewegt sich ironisch, heiter aber auch verstörend kleinteilig, mit fragmentarischen Formen von der Barockmusik bis hin zu rockigen Passagen und zitiert auch mal den linientreuen Lobgesang strammer Genossen. So ganz ungewöhnlich ist daher die Verwendung von Maultrommeln und einer Art Drehleier, mit der Hot sein Ständchen für die Geliebte begleitet, dem er aber die knarzigen Töne einer Ratsche entlockt, am Ende gar nicht. Überhaupt erschließt sich diese für heutige Hörgewohnheiten sparsame Musik mit gebrochener Melodik erst im Ganzen, wenn sich ihre Klangverweigerung oder ihre Fragilität in der Rückschau auf das sonderbare Spiel der menschlichen Puppen als kluge Korrespondenz erweist. Das so spielfreudige wie charmante Ensemble kommt weitestgehend mit den ungewöhnlichen Anforderungen in den knappen Gesangspartien zurecht. Die stimmliche Glanzleistung bietet Gloria Rehm als Prinzessin, flott und scheinbar mühelos bewegt sie sich in obersten Sopranregionen.

Insgesamt ein so ungewöhnliches wie aber auch gewöhnungsbedürftiges Hörerlebnis, in kluger Korrespondenz zur Musik, ein feinsinnig eingefädeltes Puppenspiel mit wohl nur scheinbar gutem Ausgang.

Weitere Aufführungen: 17., 18., 19. September

Eine Textfassung des Artikels ist am 14. September in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

13.09.2010Rezensionen