„Placebo gibt es bei mir nicht“ – Steinway-Cheftechniker Stefan Knüpfer im Gespräch über große Künstler, Stichsägen und lockere Schrauben

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„Placebo gibt es bei mir nicht“ – Steinway-Cheftechniker Stefan Knüpfer im Gespräch über große Künstler, Stichsägen und lockere Schrauben

„Der Ton atmet nicht.“ Solcherart Satz ist einer der häufigsten, die der Meisterstimmer und Cheftechniker von Steinway & Sons Stefan Knüpfer in seinem beruflichen Alltag hört. Das richtige Instrument mit der ihm eigenen Farbe und Charakter des Klangs, nach den Vorstellungen der Virtuosen zu finden, nach ihren Visionen zu vervollkommnen und letztlich so auf der Bühne zum Klingen zu bringen, erfordert vom Klaviertechniker technische und physische Fähigkeiten, psychologisches Einfühlungsvermögen, grenzenlose Geduld und ans Manische gehende Leidenschaft zur Perfektion – bei den Großen des Fachs.

"Wenn er sagt: »Das ist wuhndärbarr – (Pause) – Frage!« – dann kann ich mich warm anziehen…" (Fotos: PR)

Der Kino-Dokumentarfilm Pianomania von Robert Cibis und Lilian Frank behandelt erstmalig das Beziehungsthema Gerät-Konzertflügel und Mensch-Künstler. Therapeut bei der „Suche nach perfektem Klang“ ist im Film als Protagonist Stefan Knüpfer, Cheftechniker von Steinway Österreich in Wien. Als dramaturgischer Handlungsstrang zieht sich durch die Dokumentation eine Einspielung von Johann Sebastian Bachs ‚Kunst der Fuge‘ im Wiener Konzerthaus durch Pierre-Laurent Aimard (53). Wie kaum ein anderer Pianist arbeitet dieser am Klang des Klaviers: „Ich brauche für jede Fuge einen anderen Flügel“. Mit Lang Lang (28) und Alfred Brendel (79) in weiteren Episoden sind die Passionen berühmter Pianisten dreier Generationen im Spiel. Etliche weitere Klavierkünstler kommen vor und auch das Duo einer Klassik-Kabarett-Show, für die Knüpfer einen ‚zweibeinigen‘ Flügel und noch mehr an Scherzen in seiner Wiener Werkstatt bastelt.

Bei zweieinhalb Jahren Produktionszeit mit 280 Drehstunden und Tonaufnahme auf bis zu 90 Tonspuren ist der Film für eine Dokumentation sehr aufwendig produziert. Dem Schnitt mit deutlichen Längen einiger Einstellungen und einer merklich springenden Bildregie ist das Wahlproblem anzumerken, das aus der Überfülle des Rohmaterials kommt. Die Tonmischung bringt bei adäquater Wiedergabe das Hörerlebnis des Films zu hohem Genuss; in leisen Passagen ist zu hören, wie ein auslaufender Ton aushaucht oder abbricht. Der Cutterin gelang schöne Visualisierungen musikalischer Zwischenpassagen in Rhythmus, Sequenz und Fluss. Hinreißend und großartig verdient die Dokumentation Pianomania als Prädikat, wie sie die Liebe bis zu Besessenheit an perfekter Musik beschreibt. Der Film erhielt 2009 in Locarno den Preis der ‚Semaine de la Critique‘ und den Golden Gate Award beim San Francisco International Film Festival und weitere Auszeichnungen, Nominierungen und viele Einladungen zu Festivals.

Die Premiere von Pianomania in Berlin bot Peter Bäumler Gelegenheit zu einem Gespräch mit Stefan Knüpfer.

Die Idee zu diesem Film entstand, als Sie zu Tisch mit Lilian Frank und Robert Cibis die Gesellschaft mit Pointen aus Ihrem Berufsalltag unterhielten …

Ich war gleich begeistert, weil ich spürte, dass dieser Film eine Botschaft übermitteln wird, die lautet, dass es zu viele ungepflegte Konzertflügel gibt, und dass die Pianisten gute Konzerte auf schlechten Instrumenten spielen müssen, was sie glatt überfordert.

War es schwierig die Künstler, große Namen darunter, zu gewinnen und so lange für Dreharbeiten bei der Stange zu halten? Die Drehs gingen über lange Zeit.

Das fragen Sie besser die Produzenten, doch weiß ich, dass alle, auch Star Lang Lang, von der Grundidee, die ich gerade ansprach, angetan waren und diesen Film unterstützen. Sicherlich hat auch eine Rolle gespielt, dass ich als Protagonist im Film, ihnen gut bekannt bin und dass wir bei realer Arbeit Flügel zu perfektionieren filmisch mit zurückhaltenden Mitteln beobachtet wurden, dass nichts inszeniert worden ist. An schlechten Instrumenten hätte sich das Konzept ohnehin nicht umsetzen lassen.

Haben Sie so etwas wie ein inneres Gehör?

Das Wort ‚Inneres‘ finde ich sehr schön, doch es ist nicht das Hören, sondern ein Gefühl; ich fühle einen Ton. Doch erst muss ich mit dem Pianisten darüber kommunizieren was er meint.

Ich fand sehr schön, wie Sie mit den Händen umschreiben…

Die Sprache spielt die geringste Rolle, denn selbst mit Muttersprachlern hat man immense Probleme, wenn man den Gedankenaustausch rein sprachlich führt. Es sind oftmals eine Körperspannung, eine Handbewegung, ein Hauchen welche zur Kommunikation führen. Erst wenn ich genau verstanden habe, was der Künstler will, kann ich überlegen, manchmal auch errechnen, wie ich diese Einstellung bekomme. Denn es ist eine Kombination von vielen Schrauben, Keilen und weiteren Justiermöglichkeiten die ein Instrument zum Optimieren bietet.

Sie bezeichneten das auch mit „Herumstochern“. Verstecken Sie dahinter Ihre Betriebsgeheimnisse? Wo es doch technisch um Anschlagshöhe, Hammerabstand, Filzdichte wie um Schwebungen, Obertöne also Mechanik und Physik geht. Oder ist tatsächlich mehr Psychologie als Handwerk und Technik dabei – vielleicht ein wenig Placebo, die Staubhäufchen auf dem Resonanzboden etwa?

"Placebo gibt es bei mir nicht." (Foto: Stefan Olah)

Nein. Wenn ich eines hasse, dann wäre es Placebo beziehungsweise Fake. Das ist es nicht und gibt es nicht bei mir. Würden doch auch meine Pianisten mitkriegen, ob ich etwas nur so ansage und mit dem Hebel herumtue oder es genau umsetze. Und dass ich wenig zur Technik sage im Film, er wenig des Handwerks zeigt, das liegt daran, dass es kein klaviertechnischer Film werden sollte. Verheimlicht habe ich nichts, alles ist auf den vielen Drehmetern zu sehen, aus denen der Film geschnitten ist.

Und wenn wir mit einem Tennisball an einer Heimwerker-Stichsäge den Resonanzboden eines lange unbespielten Klaviers wieder zum Schwingen und das Instrument zum Klingen bringen – was der Film zeigt – dann ist auch das keine Zauberei auch wenn das Ergebnis zauberhaft ist.

Hat Sie die manchmal nörglerische Suche nach Perfektion nicht schon mal an den Rand Ihrer Nervenkraft – im Film verdrehen Sie schon mal die Augen – gebracht?

Nein nie, denn ich habe keine Situation erlebt, in der Pianist etwas hörte, was ich nicht hätte nachvollziehen können. Und wenn dann noch ein Einspruch kommt und noch einer, dann setze ich das um und stimme nach. Ich urteile nicht über Wünsche. Die so weit gehen, dass Einer den Flügel "Nummer 109" und nur diesen, ein Anderer die "Nummer 245" für sein Konzert verlangt.

Nach dem Publikum für Pianomania gefragt: Es gibt Leute, die Klangunterschiede der Konzertflügel schon beim ersten Hören merken und solche die es nicht erkennen. Für welche Zielgruppe sehen Sie den Film gemacht?

Robert Cibis ist gelungen, meine ich, ein breites, wirklich sehr breites Publikum anzusprechen. Dass der Klavierversierte gerne mehr Technik hätte und andere lieber mehr Lacher, das ist verständlich; aber ich glaube, der Film unterhält ein breites, an klassischer Musik interessiertes Publikum. Wichtig ist, dass am Ende erkennbar wird, wie Tonstärke „laut und leise“ allein nicht Ziel eines guten Tones sind und dass wir gerade in der heutigen Zeit hinter der Oberflächlichkeit immerwährenden Hörens von Tönen und Klängen eine verborgene, viel größere Tiefe des Klangereignisses Ton erkennen sollten.

 

PIANOMANIA
Dokumentarfilm von Lilian Frank und Robert Cibis, Produktion Wildart Film Wien und Oval Filmemacher Berlin.
2009 Österreich/Deutschland
Länge 94 Minuten, Ton Dolby Digital
Bundestart am 9. September 2010,
in Dresden Voraufführung 8.9.2010 20 Uhr im KIF – Kino in der Fabrik

08.09.2010Interviews