Raum für Neues

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Raum für Neues

Die Tänzerinnen Simone Model und Johanna Roggan sind am vergangenen Wochenende in Hellerau, Madrid, Norköpping und in Telc gewesen. Genauer gesagt, sie waren am Freitag, am Samstag und am Sonntag jeweils an diesen vier Orten in Deutschland, Spanien, Schweden und Tschechien präsent und haben in europaweiten Performances mitgewirkt.

Ihre Aktion, während der sie freilich nur virtuell quer durch Europa geeilt sind, führte sie in persona drei Abende lang ins Gebäudeensemble Deutsche Werkstätten Hellerau vor die Tore von Dresden und war Bestandteil des EU-Projektes „European Tele-Plateaus“ der Trans-Media-Akademie Hellerau. Es fand damit nach zwei Jahren seinen einstweiligen Abschluss; der Auftakt erfolgte bereits zur Cynet-Art 2008. Vom Trans-Media-Labor aus waren die beiden – original nur auf dem hiesigen Tanzboden sichtbar – per audiovisueller Computertechnik mit den Partnerstädten verbunden, wo das Publikum zeitgleich von ihrem tatsächlichen Tanz nur Klänge und Farbspektren wahrnehmen konnte. Umgekehrt erlebten die Zuschauer in der Gartenstadt die gleichzeitig mitwirkenden Tänzerinnen und Tänzer der angeschlossenen Institutionen als farbige Linien, Wellen, Flächen sowie als klingende Höhen und Tiefen.

Wenn aus Körperbewegung hörbarer Ton und aus Ton sichtbare Farben werden … (Fotos: M. Ernst)

Das Geheimnis dahinter ist, wie schon zur vorigen Cynet-Art bestens erprobt, die Vernetzung theatralischer Räume, aus denen Computerprogramme Bewegung, Distanz und Nähe in Farbe, Fläche und Klang übersetzen. Die Ergebnisse sind oftmals viel zu kurz, um sich auf die Entsprechung von Geste und Ton, von Körper- und Formsprache eingehend konzentrieren zu können. Die beiden Performances währen insgesamt nicht mal eine Stunde – und doch faszinieren sie, üben die Sogwirkung des Unbekannten und Überraschenden aus. Die Oberhoheit lag diesmal in Händen der Partner von Madrid – sichtbar geworden durch einen virtuellen Tanzteppich mit städtischem Draufblick – und Prag. Just zum Jahrestag der Aberkennung des Welterbetitels von Dresden zogen die Macher aus der tschechischen Hauptstadt ins südöstliche Telc, einem Städtchen, das wegen seines geschlossenen Stadtkerns auf der Unesco-Liste verzeichnet ist. Und wohl auch bleiben wird.

Eine Textfassung des Artikels ist am 28. Juni in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

30.06.2010Rezensionen