Der wollte doch nur spielen – Nigel Kennedy in Dresden

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Der wollte doch nur spielen – Nigel Kennedy in Dresden

Der schief lächelnde gesetzlose Bandit, dessen Guarneri den Kolophoniumstaub mehrerer Jahre ertragen muss, inmitten eines Orchesters, das die Launen seines Brotgebers erträgt und ihn mit maschineller Exaktheit begleitet: Michael Endes schlimmster Albtraum wird von der Wirklichkeit des Nigel Kennedy übertroffen. Der Punk, der die Klassikwelt eine Generation vor Pop-Prinzessin Vanessa Mae und Modezar David Garrett durcheinanderschüttelte und schon mal mitten im Stück "Astooon Villaaaaa" grölt, hatte die Anarchie zur persönlichen Marke gemacht. Es waren und sind die Äußerlichkeiten, die Nigel Kennedys Konzerte dominieren, vom Springerstiefel bis zur Geigenbogenjonglage. Musikalisch von ihm neues zu erwarten hieße dieser Tage jedoch, die Ohren vor der Wirklichkeit zu verschließen. Kennedy ist ein Recycler, eine müde Marionette des Marktes geworden. Sucht man seinen Namen auf Youtube, findet man Jahre alte Konzerte, in denen er in genau denselben Klamotten genau dieselben Stücke spielt und davor und danach genau dieselben Witzchen macht. Nur gesundheitlich sieht der Mann da noch bedeutend besser aus.

Es muss denn ein schmerzliches Eingeständnis für die inzwischen mehrheitlich grauhaarigen Fans des britischen Geigers sein: Nigel Kennedy ist alt geworden, sein Geigenspiel hat jegliche Vitalität eingebüßt. Auf Tour geht er aber immer noch, mittlerweile in einer gesponsorten Spitzenklasselimousine und mit "Meisterwerken von Johann Sebastian Bach und Duke Ellington". Von der im Programmheft abgedruckten Werkfolge – Bachkonzerte und der Duke im anregenden Wechselspiel – ist bei seinem Konzert im Kulturpalast nicht viel geblieben. Offenbar hat das Konzept nicht funktioniert. So gibt es nun vor der Pause einzelne Klassik-Satzhäppchen, danach seichten Jazz, und die guten alten E-Geigen-Schocker als Dreingabe für das begeistert applaudierende Publikum (die ersten Kritiker sind längst gegangen). Begleitet wird Kennedy vom "Orchestra of Life", einem ohren- und augenfällig weniger nach musikalischer, sondern eher nach Körbchengröße gecasteten Ensemble, dem mit Lizzie Ball eine blasse Konzertmeisterin vorsteht, die sich beim Spiel puppenhaft bewegt und die Gesten des Solisten – Daumen nach oben, Fäuste gegeneinander – merklich verschämt erwidert. Zwischendurch knutscht sich der Solist hemmungslos durch sein junges Ensemble. Klar, es ist eine ironische Geste, zwinker zwinker. Aber dieser Tage kommt sie irgendwie schief an.

Und die Musik? Sie entbehrt jeder stilistischen Logik, ist munter gegen den Strich gebürstet. Von den ersten drei Tönen des aufstrebenden Durakkords in Bachs Violinkonzert E-Dur BWV 1042 spielt er zwei raspelkurz, den dritten butterweich. Jeder Schlusston ist durch ein Schlagzeug verstärkt. Was früher charakteristisch klang, ist zur Manieriertheit geworden. Kennedy mixt und arrangiert wild drauflos, zerreißt Phrasen, zersägt Melodien. Und kann doch den ganzen Abend lang eins nicht verbergen: Anarchie und Orchesterspiel, das sind zwei Dinge, die einfach nicht gut zusammengehen. Abgesehen davon: mit dieser geigerischen Technik würde heute kein Student mehr die Aufnahmeprüfung an der Hochschule bestehen.

Bittere Bilanz des Abends in Kennedys eigenen Worten, während eines vermasselten Solos leise zu seinen Musikern: "That was dreadful", das war zum Gotterbarmen. Immerhin, den obligatorischen Fußball kickt er auch in Dresden gut gelaunt ins Publikum. Allein: er zielt zu hoch, der Ball landet im Rang. Und dort sitzt: niemand.

 

Eine Textfassung des Artikels ist am 26. April in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen (Fotos: PR).

Tourplan:
30.04.2010 Mannheim Rosengarten
02.05.2010 Nürnberg Meistersingerhalle
17.07.2010 Freiburg Sektkellerei
24.07.2010 Hamburg Museum der Arbeit
25.07.2010 Neumünster Holstenhalle

30.04.2010Rezensionen