Doch mehr als ein Ausflug: Thomas Quasthoff singt Soul, Pop & Blues

Rezensionen

Doch mehr als ein Ausflug: Thomas Quasthoff singt Soul, Pop & Blues

"Es ist einfach irgendwie alles nicht echt … Quasthoff bewegt sich umsichtig, ist zu allen freundlich und bemüht sich, in dieser Musik keine schmutzigen Fußabdrücke zu hinterlassen. Noch das letzte ‘Doodle-de-bap’ klingt, als sei es wochenlang geübt und dann mit einem konzentrierten Blick auf den Mann am Mischpult eingesungen worden", schrieb ich vor drei Jahren über Quasthoffs "Jazz Album". Mit dem neuen Programm "Tell it like it is" knüpft der Sänger anfangs nahtlos an dieses Album an. Schon beim ersten Titel sind die leichten Beklemmungen wieder da: Quasthoff singt zu "clean", sein Englisch ist zu weich, die stimmlosen Zischlaute in peace, so, whistle etc. sind allesamt vornehm stimmhaft, und man wundert sich: was soll das sein, ein "whizzle man"? So versenden sich die ersten paar Songs, ohne tiefere Eindrücke zu hinterlassen.

Wäre das nicht Quasthoff gewesen, sondern irgendein "noname" – die meisten jazzerfahrenen Zuhörer wären wohl in der Pause gegangen (Fotos: Matthias Creutziger)

Klar, Quasthoff hat eine professionelle Muggenmannschaft um sich versammelt; stimmiger noch als die des Jazz-Albums. Frank Chastenier bearbeitet akustische und elektrische Tasteninstrumente in traumhafter Manier. Bruno Müller (Gitarre) weiß zu jedem Stil, jedem Genre das passende Riff einzuwerfen. Dieter Ilg spielt den Bass, als wäre es die einzige evolutionäre Bestimmung der menschlichen Hände, diese vier Saiten zu greifen, zu schlagen, zu zupfen. Und Wolfgang Haffner bedient das Schlagzeug – in Schlips und Kragen – in einer Selbstverständlichkeit, die nicht nur dem Sänger immer wieder gute Laune macht. So geht das bis zur Pause. Die Songs werden von Moderationen begleitet – nun ja. Quasthoff witzelt über den sächsischen Dialekt, verbeugt sich vor den Dresdnern, die die "rechtsradikalen Menschen" am Marschieren hinderten. Und schätzt die Anzahl der Protestierenden gleich mal euphorisch auf knapp 150.000 – soviel müssten nämlich je 5 Euro löhnen, um die Million Dollar zusammenzukratzen, die für einen Gastauftritt von Stevie Wonder nötig gewesen wären. Ja, was Zahlen angeht, sind Sachsen manchmal pingelig.

Von 0 auf 100: plötzlich passte alles…

Und dann passiert plötzlich etwas in der ausverkauften Semperoper. Dann singt Quasthoff ein verträumtes "Imagine", dass einem auf einmal ein dicker Kloß im Hals sitzt. Dann stimmt er trocken Randy Newmans Skandalhit "Short people" an, dass man leise lachen muss mit ihm, nicht über diesen "Zwergi" (so darf ihn nur sein Bruder nennen) zwischen diesen ernsten Jazzern da vorn. Dann flippen alle richtig aus bei "Have a little faith in me" (John Hiatt). Und plötzlich ist alles höfliche, gewollte, therapeutische, inszenierte, berechnete in der Musik wie weggeblasen! Plötzlich lachen die fünf auf der Bühne sich zu, die Improvisationen werden lockerer, gewagter; und mit einem Mal schmeißt Wolfgang Haffner die Stöcke hinter sich und spielt mit kleinen bunten Quietschhämmerchen weiter. Tosender Applaus! Das Publikum taut auf. Und Quasthoff "hat den Saal", auf einmal klappt es, die Stimmung ist da, die Aura ist da, das Karma stimmt. So kann es was werden mit dem zweiten nicht-klassischen Album. Richtig schade, dass es wieder ein Studio-Album werden soll. Der Mitschnitt des zweiten Teils dieses Abends in der Semperoper – ich würde ihn mir gern mal wieder auf Platte anhören.

16.02.2010Rezensionen