Und was kommt bei Ihnen dieses Jahr auf den Weihnachtsplattenteller? Die große »Musik in Dresden« CD-Empfehlungsliste

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Und was kommt bei Ihnen dieses Jahr auf den Weihnachtsplattenteller? Die große »Musik in Dresden« CD-Empfehlungsliste

Was schenke ich denn nur der lieben Cousine? Eine schöne CD, ein Gruß aus Dresden soll es dieses Weihnachten also sein, soweit haben Sie sich schon durchringen können. Und jetzt? Hilft »Musik in Dresden« weiter. Dieses Jahr mit der individuellen Empfehlung für jedes Alter, jeden Typ und jeden Musikgeschmack – solange es Klassik ist…

Wir haben einige Platten mit Dresdner Künstlern von SONY, Berlin Classics, Warner, Querstand und Hänssler quergehört und die besten und die schlimmsten im folgenden kurz beschrieben. Ist die CD bei Amazon.de gelistet, hilft ein Klick auf das jeweilige Cover – und Sie werden weitergeleitet, können sofort bestellen und sich dann dem nächsten Geschenk zuwenden. Was könnte Tante Margrit gefallen? Ein Kaschmirschal? Oder ein Qi-Gong-Massagegutschein? Das ist dann nicht mehr unser Problem. Frohe Weihnachten!

Für die, die einmal pro Jahr in die Kirche gehen. Vielleicht lockt ja die neue CD-Reihe des Kreuzchors, in der die Gesänge der allsamstäglichen Vespern zusammengestellt werden sollen, all jene, öfter mal in die Kreuzkirche zu pilgern. Die erste CD der Reihe, "Uns ist ein Kind geboren", versammelt sächsische Komponisten wie Samuel Rüling, Johann Caspar Horn, Sethus Calvisius, Samuel Seidel oder Thomas Popelius. Die neue "Cappella Sagittariana Dresden", seit 2006 mit Philharmonikern des ehemaligen Ensembles "Alte Musik Dresden", begleitet den Chor kundig. Die DVD mit den neuen Folgen der Dokusoap "Engel, Bengel und Musik" gibt übrigens Einblicke in Proben und Aufnahmen in der Lukaskirche, die im März stattfanden.

  

 

Für zartbesaitete Tanten, zum Träumen. Vladimir Malakhov, Tänzer und seit 2004 Intendant des Staatsballetts Berlin, stellt auf dieser CD seine sehr persönliche Auswahl von Ballettmusik, Sinfonik und Oper vor. Die Sächsische Staatskapelle ist mit einem irisierenden Walkürenritt vertreten.

PS: Fortgeschrittene wagen sich eventuell an den Aktbildband des Tänzers.

 

Für den Stadtrat. "Ein Feuerwerk der guten Laune", dargeboten von der Dresdner Philharmonie – was wäre besser geeignet für die Umrahmung eines möglichst feurigen Jahresausklangs für die Stadtverordneten. Was hatten die Räte dieses Jahr in Sachen Kultur und Erbe aber auch zu kämpfen. Vergessen wir die Sache mit der Brücke besser schnell – aber auf die Diskussion um Kulturpalast oder Konzerthaus wird noch zurückzukommen sein. "Konzerthaus bauen" forderten die Kollegen der FDP auf ihren gelben Plakaten naßforsch – nur, um kurz vor Weihnachten einen kläglichen Rückzieher zu machen. Der Slogan vertrug sich offenbar doch schlecht mit anderen Forderungen (u.a.: "Steuern runter").
Die Philharmonie wird’s freuen. Und so wiegen wir uns denn alle selig in Dvoraks "Slawischem Tanz" Nr. 2, schmunzeln innerlich über Johann Strauß (Sohn) und seinen "Kaiserwalzer" und genießen auch die Zugabe von Papa, den Radetzkymarsch. Rumms, rumms, rummsrummsrumms. Das Kulturpalastpublikum klatscht dazu im Takt.
Dieses Silvester wandert die Philharmonie übrigens schon einmal prophylaktisch aus: die Musiker feiern das neue Jahr auf einer China-Tournee.

 

Für die christlich/esoterisch angehauchte Cousine mit Karrierewunsch. Sie ist dem David-Garrett-Fieber inzwischen hoffentlich entwachsen. Was nun? Die beiden sympathischen Herren auf dem in Richtung Bling-Bling gebürsteten Cover (unbedingt Coffee-Table-geeignet) springen da gern in die Bresche. Der links im Nadelstreifenanzug ist schon etwas älter (die abgebildete Armbanduhr verrät die Gehaltsklasse – oh la la, leider schon verheiratet) und ein weltbekannter Cellist. Der rechte, 1980 geboren, hat einen träumerischen Blick und flinke Hände. Er ist der Pianist, hat den Markt mit einer piratesken Einspielung der Goldberg-Variationen von hinten aufgerollt und wurde sofort vom Major Label unter Vertrag genommen. Gemeinsam interpretieren die beiden Gambensonaten und schlichte Duo-Bearbeitungen von Choralvorspielen von Johann Sebastian Bach. Herr Gott, nun schleuß den Himmel auf, aber mal ein bisschen plötzlich! Wir haben heute Abend noch einen Termin im Nagelstudio, und die Augenbrauen müssen auch noch gezupft werden.

 

Für den Adventskaffeetisch der armen Bergmannstochter. "Jauchzet, frohlocket" – der Räuchermann schmaucht sein honig-harzduftendes Kerzchen, der Stollen ist angeschnitten (pass doch auf, der Zucker fällt runter!), und der kleine Bruder spielt mit den Apfelsinenschalen und spritzt damit ein funkelndes Tischfeuerwerk über die Kerzenflamme. "Wollen wir nicht etwas singen?". Ach, lieber die CD "Vom Himmel hoch" (Berlin Classics Basic) einlegen. "Das klassische Weihnachtskonzert" bietet sie laut Untertitel. Von Scheidt bis Reger, von Güttlers Virtuosi Saxoniae über den Thomanerchor bis zu Kreuzchor, Dresdner Philharmonie; Peter Schreiers "O Jesulein zart" mit Harfenbegleitung darf da nicht fehlen. Dass kein CD-Beiheft beigelegt ist – egal, bei Kerzenschein kann man eh nichts erkennen, und Papi hat die Brille sowieso verlegt. Dass der Thomanerchor (über Aufnahmejahr und Dirigent schweigt man sich da lieber aus) bei "In dulci jubilo" fast einen Halbton absinkt – wen störts. Der Stollen ist schön feucht, und die Familie ist wieder mal versammelt. Noch jemand Kaffee?

 

Für die Gleichberechtigung – das politisch korrekte Geschenk für alle Gelegenheiten. Durchs Jahr mit dem Vocal Consort Dresden – das ist ein Vergnügen, vom ersten "süßen gold’nen Frühlingstag", durch laue Sommerabende und linde Herbsttage hindurch. Auf der CD "Abschied vom Walde" sind fünfundzwanzig Lieder der Geschwister Fanny Hensel und Felix Mendelssohn versammelt. Unterhaltsames Spiel für lange Adventabende: raten, wer welches Lied geschrieben hat. Es ist tatsächlich ganz schön schwierig; die Bemerkung des Pianisten Ignaz Moscheles, Fanny sei "mit Recht ein guter Musiker zu nennen", spricht Bände. Den Vergleich mit dem jüngeren Brüderchen braucht sie jedenfalls nicht zu scheuen. 

 

 

Für Omas Adventskaffeekränzchen. Die gute alte Zeit. Mit dem Thomanerchor unter Kurt Thomas (Thomaskantor von 1957 bis 1960!) und seinem Nachfolger Erhard Mauersberger, mit dem Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger und Peter Schreier in Bachs Kantate "Nun komm, der Heiden Heiland" (Aufnahme mit dem Neuen Bachischen Collegium Musicum unter "IM Johannes", Hans-Joachim Rotzsch). Für 3,97 Euro können Traudel, Helga und Inge noch einmal in Erinnerungen schwelgen. Ach, in der DDR war doch nicht alles schlecht. Halleluja!

 

Für die gesellige abendliche Runde der emeritierten Professoren. Dr. Freud und Dr. Jung, pardon, Prof. Ludwig Güttler und Prof. Peter Gülke, beleuchten im gemeinsamen Fachsimpeln die psychologischen Hintergründe des Bachschen Weihnachtsoratoriums und überbieten sich gegenseitig im Ausdeuten der darin enthaltenen Botschaften. Wer sich vor sympathisch angesächselten Fachbegriffen wie Rekreation oder Kontrafaktur, vor ausgedehnten Tonarteninterpretationen und Analysen des Parodieverfahrens nicht fürchtet, wird dieses "Werk der Imperative" (Jauchzet! Frohlocket! Preiset! Rühmet! Lasset das Zagen, Verbannet die Klage!) ganz neu kennenlernen.

 

Für den international aufgestellten Investor, der "Silicon Saxony" retten soll. Golden glänzt diese edle Scheibe. Von fern könnte man sie mit dem letzten AMD-Wafer verwechseln; mit 8,95 Euro ist sie unvergleichlich günstiger. Und golden prangt – neben dem Titel "Christmas Concertos" – auch der Name aller Namen auf dem Cover: LUDWIG GÜTTLER. Dass er nur in zwei Werken als Trompetensolist zu hören ist, mag man verschmerzen. Roland Straumer (Erster Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle) führt die Virtuosi Saxoniae in den meisten restlichen "Weihnachtskonzerten" gefühlvoll an; seine Violine zirpt salbungsvoll, wenn auch nicht immer perfekt in der Intonation. Die Aufnahmen entstanden 1988 im Studio Lukaskirche, die Platte ging damals in den Wendewirren unter. Warum ausgerechnet sie als Referenzaufnahme gelten soll, erschließt sich mir nicht; stilistisch agiert das Ensemble absolut zurückhaltend, fast steril. In der Aussteuerung fehlen irritierenderweise die Mitten, und auch in der Höhe klingts manchmal so wattebauschgedämpft, als hätte jemand mit der Rauschunterdrückung übertrieben.

 

 

Für frisch verliebte Dresden-Touristen. 2007 heiratete der Startrompeter zum dritten Mal; die CD ist seiner Frau Juliane gewidmet. In der Frauenkirche, für deren Wiederaufbau Güttler maßgeblich stritt und in aller Welt mit zahllosen Konzerten propagierte, begleitet ihn der langjährige Freund Friedrich Kircheis an der Orgel. Die langen Nachhallzeiten der leeren Kirche (Güttler: "Der Raum ist ein Sturkopf") sind stimmungsvoll, geben der Aufnahme aber auch etwas melancholisches – und überdecken zudem die ganz leichten spielerischen Nachlässigkeiten beider Interpreten gnädig. Die meist sehr festlichen Sonaten, Choralvorspiele und Konzerte von Buxtehude, Krebs, Langlais oder Purcell sind definitiv weihnachtstauglich.  

 

 

Für langfristig Planende. Zu Weihnachten schon an Ostern denken: mit einer Aufnahme von Rudolf Mauersbergers "Lukaspassion" der Singakademie unter Ekkehard Klemm. Gut geputzte Sängerstimmen, ein blitzender Altarchor mit ehemaligen Kruzianern und dem Akademie-Kinderchor. Das Werk ist eine Entdeckung – und die CD eine achtunggebietende Referenz für die Singakademie.

 

 

Für die, die eigentlich schon alles haben. Die, die schon alles haben, sind natürlich die größte Herausforderung für den Schenkenden. Knacken kann man sie vielleicht noch mit der opulenten Fritz-Busch-Edition der Edition Staatskapelle Dresden, die dieses Jahr einen ECHO Klassik verliehen bekam.
In den Worten von Sir Colin Davis, der unter dem Dirigenten in Glyndebourne spielte: "Sein Stock war sehr kurz, aber seine Augen haben oft geblitzt." Und die Musiker schrien nach den ersten Konzerten mit dem Ausnahmedirigenten: "Dableiben! Wiederkommen!". Fritz Busch dirigierte die Kapelle dann von 1923 bis 1932, als es in seinem Tagebuch hieß: "aus", und nur noch die Emigration blieb. Busch ging nach Buenos Aires, später nach New York. Einladungen nach Deutschland lehnt er ab, kehrte erst kurz vor seinem Tod zurück.
Ein einhundertneunzigseitiges Beiheft lädt zum Schmökern über Buschs Dresdner Jahre; eine anderthalbstündige Dokumentation auf DVD (Sprecher: u.a. Friedrich Wilhelm Junge) rundet das hochinteressante Paket ab.

Foto "Kerzen": bratscher | photocase.de

12.12.2009Neue Aufnahmen