Uraufführung von »UT-OP.er« in der Hochspannungshalle der TU

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Uraufführung von »UT-OP.er« in der Hochspannungshalle der TU

Mit dem spartenübergreifenden Musiktheaterprojekt »UT-OP.er oder Das ewige Jetzt« schickt das künstlerische Team um den Komponisten Alexander Strauch, Regisseurin/Stückschreiberin Martina Veh und Bühnen- und Kostümbildnerin Kristina Siegel seine Zuschauer auf eine bilderreiche Reise. Inspiriert durch Thomas Morus’ Buch »Utopia« entwickelte und inszenierte Martina Veh ein interdisziplinäres Musiktheaterstück, dass sich mit der Thematik des Umbruchs und Wandels und den neuen Impulsen und Kräften, die aus dem Verlust der »großen Utopien« entstehen beschäftigt. 
Das Spannungsfeld von Raum, Musik und Bewegung tritt in einen Dialog mit dem Protagonisten Raphael Hythlopday, dem »Paddler im Unsinn«, der anhand des Buches Utopia, lesend, singend das Geschehen in ein räumliches und zeitliches Verhältnis setzt. Die Partie des Hythlopday wird von dem englischen Countertenor und Bayerischen Kammersänger Christopher Robson gesungen.

Räume werden durchmessen, verschiedenartig in ihrer Zeit. Die Wegstrecke lädt ein zur Auseinandersetzung mit scheinbar opponierenden Topoi wie Realität und Wunsch, Rausch und Kollaps, dem Einzelnen und der Gesellschaft, Innen und Außen des eigenen Ichs; es spannt sich ein Bogen zwischen Vergangenheit und Zukunft – eine Reise auf der Suche nach Utopie.

Um der Inszenierung einen passenden Rahmen zu geben, zieht die semper kleine szene für die Aufführung von »UT-OP.er« in die utopisch anmutende Atmosphäre der Hochspannungshalle der Technischen Universität Dresden. Die Komposition von Alexander Strauchs geht eine ganz bewusste Verbindung mit dem Spielort ein, dessen Eigenheiten – wie etwa ein wahrnehmbarer, elektrischer Spannungsgrundton der Halle – für die musikalische Kreation besonders genutzt werden. 

Uraufführung: »UT-OP.er oder Das ewige Jetzt«
frei nach »Utopia« von Thomas Morus aus dem Jahr 1516
23. Oktober 20 Uhr
weitere Aufführungen 24. I 25. I 28. Oktober  und 1. November 2009 jeweils 20 Uhr  
Auftragswerk der Sächsischen Staatsoper Dresden

eine Kooperation mit der TU Dresden Hochspannungshalle der TU, Mommsenstraße 10
Das Musiktheaterprojekt »UT-OP.er« findet im Rahmen von »KlangNetz Dresden« statt.

Tickets (9 Euro) an den Tageskassen der Semperoper in der Schinkelwache oder an der Abendkasse in der Hochspannungshalle
 
 

Foto: Matthias Creutziger

Plot

Der Protagonist bekommt einen Auftrag von Thomas Morus. Er soll jenen Menschen auffinden, dessen Tatsachenbericht über einen ihm bekannten fernen Ort »Utopia« Morus in seinem gleichlautenden Buch niederschrieb, um vor Herausgabe des Werkes dessen Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Der Beauftragte macht sich auf die Suche. Er gerät dabei in eine Zeitmaschine, an einen Unort der Gegenwart, einen Transit-Raum. Mit Hilfe des Buches, das dem Auftrag beiliegt, versucht er sich zu versichern, dass er auf der richtigen Fährte ist.

Dem Suchenden – im Jetzt angekommen – widerfahren seltsame Dinge, und er begegnet heutigen Menschen. Ahnend, dass er direkt in Utopia gelandet ist, keiner nur angenehmen Welt, verzweifelt er und bricht zusammen. 
Im zweiten Teil des Stückes blicken wir in die Innenwelt des Protagonisten. Es vermischen sich seine innersten Bilder und Phantasien, Realitäten und Ängste. Eine Innenansicht einer heutigen Welt. Die Menschen bewegen sich anders. Die Zeit ist nicht mehr sortierbar. 

Der Beauftragte findet am Ende heraus, dass er selbst der Gesuchte ist, Raphael Hythloday, der «Paddler im Unsinn» und dass er selbst in Utopia angelangt ist, einem ewigen Jetzt und dass es an ihm liegt, das Buch umzuschreiben, neu zu schreiben oder zu vernichten. Vielleicht kommt etwas Neues. Er gibt den Auftrag ans Publikum weiter.

Raum und Bühne

Ein so außergewöhnlicher Raum, wie die bislang von der Semperoper nicht als Spielort genutzte Hochspannungshalle der TU Dresden mit seinen großdimensionierten, elektronischen Prüfanlagen, bestimmt und fordert die Ausformulierung des Bühnenbildes.

Dieses zeigt sich als (ver)wandelnder Ort, der ein intensives Verhältnis zwischen sich, seinen Hochspannungsmaschinen, den Darstellern und den Zuschauern definieren wird. So, wie die Lichtdramaturgie eine zentrale Rolle spielt, um den Raum immer neu zu definieren, wird auch die Bühnenlandschaft selbst immer wieder an anderen Orten bespielt und erhält im Stückverlauf einen immer anderen Focus, der zudem unterschiedliche Zeitebenen behauptet.

Musik und Raum

Alexander Strauchs Komposition geht eine ganz bewusste Verbindung mit dem Spielort ein, dessen Eigenheiten – wie etwa ein wahrnehmbarer, elektrischer Spannungsgrundton der Halle – für die musikalische Kreation besonders genutzt werden. 

Der Komponist äußert sich folgendermaßen zu seinem Werk: »Das Thema UTOPIA fordert eigentlich zum Erfinden einer ›Neuen Musik‹ heraus. Mir geht es aber nicht nur um den Gedanken des ›Neuen‹ in Bezug auf Utopia. Es steht vielmehr die Auswirkung des Morus’schen Entwurfs, wie in der weiteren Neuzeit und Neuesten Zeit Menschen und Systeme UTOPIA förmlich auffassen und neu- bzw. unverdaut wieder ausspuckten.

Es stellt sich die Frage, was die Grundbedürfnisse des Menschen sind, um eine menschenwürdige und selbstbestimmte Existenz führen zu können. Im übertragenen Sinne: Wie erfüllt meine Musik menschliche Bedürfnisse? Es geht einmal ganz ›konventionell‹ darum, dem Hörer ein sinnliches Erlebnis zu geben, ihn vielleicht sogar in manchen Erwartungshaltungen erst einmal zu saturieren. Dann werden allmählich diese Erartungen aufgezeigt, hinterfragt, entschlackt, verändert. Letztlich wird der Hörer zwar auf sich selbst zurückgeworfen, dennoch wird hoffentlich ein anderer Weg zu den eignen menschlichen Grundbedürfnissen eingeschlagen.

Dafür setze ich die obertongebundene Differenzharmonik, mit der ich von der Historie bis heute ›switchen‹ kann, ähnlich der szenischen Grundkonstellation, alle Ergebnisse aus einem schnellen, an immer neuen Stellen einhaltenden ›Handlungskaleidoskop‹ zu erreichen.

Die mikrotongenaue Differenztonharmonik ist dabei so was, wie das ›weiße Rauschen‹ einerseits bzw. ein ›Vakuum‹ andererseits.«   
 
Martina Veh

Die Regisseurin Martina Veh, studierte Regie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding, nach Abschluß eines Architekturstudiums an der Technischen Universität München.

Sie lehrte von 2003 bis 2006 das Fach szenische Gestaltung für Sänger an der Franz Liszt Akademie/Hochschule für Musik in Budapest. Ihre vielseitigen Projekte führen Sie nach Budapest (u.a. »Cardillac«, P. Hindemith; »Don Giovanni«, »Mozartiada«, eine 10-stündige Mozart-Performance für das Frühlingsfestival Budapest; »Giulio Cesare«, G.F.Haendel), in die Schweiz (»elektra.de« nach sophokles) und verschiedene Städte in Deutschland im Bereich Musiktheater (u.a. »La Traviata«, G. Verdi; Madama Butterfly, G. Puccini; »Tod im Grandhotel« Neue Musik junger Komponisten von A. Strauch, A. Scartazzini, L. Hurt, A. Stahl; »applausus«, J. Haydn; »Amadis die Grecia«, P. Torri; »Natascha Ungeheuer«, H.W. Henze und Texte von H. Müller und P.P.Pasolini), im Bereich Sprechtheater (u.a. »Der Sturm«, W. Shakespeare, »Effi Briest«, P.M. Grühn; »Der Feuervogel« D. Böttger; »Die wundersame Schustersfrau«, F. García Lorca; »Calderòn«, P.P.Pasolini; »Ladies Night«, Sinclair&McCarten) und  im Bereich Tanz-Theater/Performance (u.a. »Corporalità«, Tanz-Musiktheaterexperiment; »Unschärfe« artionale München; sowie Arbeiten mit dem Revuechor »Philhomoniker«).
 
Alexander Strauch

Alexander Strauch (* 22.12.1971 in München), Kind von Opernsängern. Kompositionsstudien bei Hans Jürgen von Bose, Hans Zender und Isabel Mundry an den Musikhochschulen in München und Frankfurt am Main. Aufträge u.a. des Münchener Kammerorchester, des Prinzregententheaters München, der Bayerischen Staatsoper, der Jungen Deutschen Philharmonie, der Fredener Musiktage. Kurator für Musiknächte im Haus der Kunst und das ADEvantgarde-Festival. Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Bamberg (2001), der Pariser Cité des Arts (2005), Musikförderpreis der Stadt München (2003), Finalist der Opernwerkstatt Kammeroper Rheinsberg (2005). Ausstrahlungen durch Deutschlandradio und Bayerischen Rundfunk. Zusammenarbeiten der Freien Theaterszene u.a. mit Christina Ruf (realprodukt) und Manfred Killer (i-camp München). Dirigierte u.a. piano possibile, den Revuechor Philhomoniker  und Kammerensembles der Bayerischen Staatsoper. Wichtigste Musiktheater: »Narrow Rooms« (1996, Prinzregententheater München), »Uwe&Elisabeth oder Beau Rivage« (2001, ADEvantarde-Festival), »Joe&Max, boxoper in memoriam  J.Louis&M.Schmeling« (2005, i-camp München), »communityoper« (2005, Bayerforum München), »Morbus Teutonicus« (2005, Kammeroper Rheinsberg), »Who the fuck is Jager Gracchus, nach F.Kafka« (2009, i-camp München), »UT.OP-er« (2009, Kleine Szene der Semperoper Dresden).

21.10.2009Allgemein