In wunderbarer Frische – Cantus Cölln brillierte in der Frauenkirche mit Motetten und frühen Kantaten Bachs

Rezensionen

In wunderbarer Frische – Cantus Cölln brillierte in der Frauenkirche mit Motetten und frühen Kantaten Bachs

Unser Bild von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist maßgeblich geprägt von jenem Haußmann-Gemälde von 1746, das den Leipziger Thomaskantor als 61-jährige Autorität zeigt. In einer Mischung aus Strenge und Gelassenheit scheint er uns distanziert zu mustern. Doch vergessen wir nicht, dass Meilensteine wie die Brandenburgischen Konzerte oder die Sonaten und Partiten für Solovioline von einem weitaus jüngeren Bach stammen. Auch in der Vokalmusik sind ihm beizeiten bedeutende Würfe gelungen.

Das Ensemble Cantus Cölln, das mit acht Sängern und zwölf Instrumentalisten zum MDR-Musiksommer nach Dresden gereist war, brachte in die Frauenkirche je drei Motetten und Kantaten mit, die Bachs früh ausgereifte Meisterschaft eindrucksvoll belegen. Dirigent Konrad Junghänel, der zuletzt mit Cantus Cölln eine Referenz-Aufnahme zu Heinrich Schütz eingespielt hat (Harmonia mundi), zeigt auch bei Bachs Vokalwerken eine klare, kundige Handschrift. Er besetzt die Chorstimmen solistisch, reduziert Begleitung auf ein Minimum. So wahrt er einen von schlanker Tongebung und Transparenz geprägten Grundklang, über dem sich die Botschaft der Gesänge in feiner Sinnlichkeit und doch unaufdringlich entfalten kann. Der Fokus auf Wesentliches setzt einen Zauber frei, der vielleicht gerade wegen der dezenten Art tief und unwiderstehlich in die Seele fährt. So kündete der lange Schlussbeifall des höchst aufmerksamen Publikums in der leider nur mäßig gefüllten Frauenkirche von Ergriffenheit, Freude und Dankbarkeit. Nicht immer gehen die Leute mit einem so feinen Lächeln hinaus.

Dabei unterscheiden sich diese Stücke sehr. Mit der musikalisch höchst abwechslungsreichen Kantate „Christ lag in Todesbanden“, vermutet die Forschung, bewarb sich Bach 18-jährig für die Organistenstelle in Mühlhausen. Der Sinfonia folgt eine siebensätzige Kaskade origineller Einfälle: Die hochklassige, homogene Sängerschar hatte hier partiell Gelegenheit, auch individuell zu brillieren. So kreiste das Sopran-Alt-Duett von Johanna Koslowsky und Elisabeth Popien im dritten Satz in suggestivem Ostinato um sich selbst, und im fünften Satz verflochten sich die beiden sehr gut harmonierenden Frauenstimmen mit dem Bass Markus Flaigs und dem Tenor Hans Jörg Mammels zu einer elastisch schwingenden Vokalgirlande: grandios, Charisma hoch vier! Man ahnt, dass Bach die Stelle erhielt.

Die doppelchörige Motette „Komm Jesu, komm“ hingegen, vom Meister mehr als zwei Jahrzehnte später in Leipzig als Begräbnisgesang komponiert, animierte Cantus Cölln zu straff gebundenem, kompakt wirkendem Ensemblegesang erster Güte, von silbrigen Violinen, warmen Oboen und einer kräftig atmenden Basso-continuo-Gruppe aus Cello, Violone, Truhenorgel und Fagott kongenial begleitet. Bach in wunderbarer Frische!

Eine Textfassung des Artikels ist am 31. August in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

 Hörtipp:

Bachs Motetten BWV 225-230 mit Cantus Cölln 

03.09.2009Rezensionen