„Vineta-Exerzitien“. Gedanken von Alexander Keuk zu einem neuen Werk für den Dresdner Kammerchor

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„Vineta-Exerzitien“. Gedanken von Alexander Keuk zu einem neuen Werk für den Dresdner Kammerchor

"als ob mich Engel riefen / in die alte Wunderstadt" – der Komponist Alexander Keuk

Seit nunmehr 14 Jahren singe ich im Dresdner Kammerchor und engagiere mich für dieses einzigartige Ensemble auch jenseits der Probenarbeit. Dem Zustandekommen der "1. Dresdner Chorwerkstatt" geht eine lange Vorbereitungsphase voraus, die auch musikalischer Art ist: gerade in den letzten Jahren hat der Dresdner Kammerchor sich auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik profiliert und höchst anspruchsvolle Chorwerke u.a. von Alfred Schnittke, Olivier Messiaen aufgeführt. Konstant wird Musik des 20. Jahrhunderts (Schönberg, Bussotti, Pärt, Boyd u.a.) in a-cappella-Programme integriert und erst der 2005 durchgeführte Kompositionswettbewerb zeigte Sängern wie Publikum nicht nur, wie wertvoll zeitgenössische Musik sein kann, sondern wieviel Spaß sie überdies macht.

So war es eine besondere Ehre für mich, zur 1. Dresdner Chorwerkstatt ein neues Werk für den Dresdner Kammerchor zu komponieren. Der Auftrag beinhaltete, einen der weltlichen Texte, die Johannes Brahms für seine Chorwerke verwendet hatte, erneut zu vertonen. Die Wahl auf "Vineta" von Wilhelm Müller fiel spontan und aus dem Bauch heraus, das Stück zählt zu den kongenialsten Gedichtvertonungen von Johannes Brahms und ist dabei doch ein ganz klassisch behandeltes variiertes Strophenlied. Die Auswahl war insofern fatal, da ich mich vom bereits in Jugendjahren eingesogenen Dreier-Wiege-Rhythmus des Chores kaum lösen konnte, hinterher auch nicht mehr wollte.

Schneller ging da schon die Loslösung vom Texthintergrund, denn die romantisch-poetische Verklärung einer versunkenen Stadt mag zwar Anlass genug für die geschmackvolle Vertonung von Brahms gewesen sein, aber die nüchterne Betrachtung auf archäologische Streitereien des 20. Jahrhunderts, wo denn das sagenhafte "Vineta" nun genau gelegen haben mag – die Mutmaßungen schwanken die halbe deutsche Ostseeküste vom Darß bis zur polnischen Grenze entlang – interessierten mich herzlich wenig. Das Desinteresse an sagenhaften versunkenen Städten lenkte mich auf eine andere Schiene: zu betrachten, was ist. Ein Blick in die Tiefen des Meeres gelingt nicht; nicht umsonst ist die Tiefsee von Natur aus menschenfeindlich gestaltet. Und doch können wir leidenschaftlich tauchen (selbst wasser-los), uns an der Faszination von Meer, Tieren und Pflanzen berauschen und ab und an sehen wir genauer hin.

Nichts anderes sind die "Vineta-Exerzitien", Exerzitien sind Übungen in der Betrachtung, in der Besinnung. Möglicherweise ist dieses Vineta ein Chor-Aquarium der positiven Art, ein hermetischer Gegenwarts-Raum, der aber nicht ohne Vergangenheit auskommt (Meer und Töne gab es immer, allein "Wunderstädte" wohl eher nicht). So entstehen und vergehen hier wellenartig einige Klanglandschaften, manche gehen auch im Wortsinne unter. Was bleibt, ist freudig erlebte Gegenwart, ohne Rückkehr (no return). Vineta bleibt: ein poetischer Ort.

Alexander Keuk

14.01.2009Features