Der neue Mann, die neue Welt, das alte Dresden – Anmerkungen zu Jan Voglers Visionen für die Dresdner Musikfestspiele

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Der neue Mann, die neue Welt, das alte Dresden – Anmerkungen zu Jan Voglers Visionen für die Dresdner Musikfestspiele

Er will in die erste Liga. Das Dresdner Potenzial, die seit der „Wende“ von 1989 zwanzig Jahre lang erblühende Stadt, die musikalischen Traditionen, das touristische

Ansehen – da müsste es doch möglich sein, ein Musikfestival zu etablieren, das international bekannt ist und etwa den Rang der Festspiele von Luzern oder Edinburgh einnimmt.

Immerhin: Jan Vogler, der musikalische Weltbürger, präsentiert zur Pressekonferenz in der engen und akustisch ungünstigen Hauskapelle des Taschenbergpalais ein Festspielprogramm, das an den Glanz längst vergangener Jahre der Dresdner Musikfestspiele erinnert. Mit einem Etat von 2,1 Millionen Euro und zusätzlichen 300 000 Euro Sponsorenleistungen präsentiert er 41 Veranstaltungen, die sich hören und sehen lassen können. Sympathisch ist, dass es keine Klagen über zu wenig Geld gibt, keine Drohgebärden oder revoluzzerhafte Statements in Richtung Kulturpolitik, so allgemein wie wirkungslos. Nein, der neue Mann hat Stil, er hat Charme und ist ein Virtuose aus dem Violoncello, jenem Instrument, dem man ja bekanntlich die verführerischsten Töne entlocken kann.

Also auf in die erste Liga. Nehmen wir einmal Luzern und sein Festival als Beispiel. Hervorgegangen aus den Musikwochen, die es seit 1938 gibt, ist das Festival in der malerischen Stadt am Vierwaldstätter See inzwischen mit seinen Osterveranstaltungen, dem fast einen ganzen Monat langen Sommerfestival und dem Pianofestival im November nahezu das ganze Jahr über präsent.
Kurz nachdem Jan Vogler seine Dresdner Perspektiven präsentierte, fand auch in Luzern eine Pressekonferenz statt. Im Namen des Stiftungsrates wurde mitgeteilt, dass der Vertrag von Intendant Michael Haefliger bis Ende 2015 verlängert wurde. Haefliger, u.a. an der New Yorker Juilliard School zum Geiger ausgebildet, Sohn des berühmten Tenors Ernst Haefliger, drei Jahre älter als Jan Vogler, hatte im vergangenen Jahr in Zürich einen renommierten Schweizer Tourismuspreis erhalten. Die Laudatorin bescheinigte ihm im Opernhaus der Stadt, das selbst der begnadetste Tourismus-Fachmann bei ihm noch etwas lernen könnte.

In neun Jahren Luzerner Festspielintendanz ist es ihm gelungen, die Auslastung auf über 90 % zu steigern. Der Anteil internationaler Besucher stieg von ca. 5 % beim Amtsantritt 1999 auf 16 % in diesem Jahr. Das Festivalbudget wuchs in dieser Zeit von ca. 8,7 Millionen Euro (14 Mio CHF) auf derzeit knapp 15 Millionen Euro (24 Mio CHF). In Haefligers Zeit fällt die Eröffnung des akustisch und architektonisch hochgelobten Kultur- und Kongresszentrums von Jean Nouvel. Bis 2015 wird er auch noch die Eröffnung des Salle Modulable erleben, einem Veranstaltungszentrum, das nach Ideen von Patrice Chéreau für Musiktheater, experimentelle Musik, Kammermusik, interdisziplinäre Projekte, Forschung und Lehre konzipiert ist und das in der Saison 2012/2013 fertig gestellt sein soll. Haefliger konnte die internationale Akzeptanz Luzerns sicher auch dadurch erhöhen, dass die beiden aus dem Festival hervorgegangenen Spitzenklangkörper, das Lucerne Festival Orchestra mit Claudio Abbado und die Lucerne Festival Academy mit Pierre Boulez, in seinen Auslandresidenzen Rom, Tokyo, New York oder Wien beste Werbeträger sind.

So nach dem Motto „Wer Ohren hat, der höre…“ könnte man Jan Voglers Visionen und Assoziationen im Hinblick auf die zu erobernde Liga schon verstehen. Und die Verantwortlichen in Sachen Kultur und Finanzen, in Stadt und Land, haben da bisher noch nicht widersprochen. Der neue Dresdner Intendant will in fünf Jahren den internationalen Anteil der Besucher von derzeit 5 % auf 30 % steigern, verjüngen möchte er das Publikum auch und durch den Abbau von oft noch zu streng gehüteten Genregrenzen möchte er neue Publikumsgruppen gewinnen. Das sollte, so wie sich das neue Programm inhaltlich präsentiert, möglich sein. Ein Chef als Sympathieträger ist allemal gut. Die so unsinnliche wie kommunikationsfeindliche Wirkung der steif gelenkten Pressekonferenz aber konnte selbst Jan Vogler mit Freundlichkeit, Optimismus und Charme nicht überstrahlen. Er wirkte auf dem gestrengen Podium etwa so einsam wie sein Cello im menschenleeren Metrowagon, einem Foto, mit dem man das Publikum für Voglers neue Welt der Musikfestspiele gewinnen will.

Aller Anfang ist schwer, die neue Welt nach Dresden zu bringen allemal. Man muss es probieren. Und beim Probieren am Cello, so Vogler, kämen ihm ohnehin die besten Gedanken.

Boris Michael Gruhl

05.09.2008Allgemein