Der Tod tanzt im Schützengraben

Wie soll das möglich sein: eine Tanzproduktion für Kinder und Familien nach Akram Khans so verstörendem wie zutiefst berührendem Solo »XENOS«, bei dem es um die Schicksale einsamer Kolonialsoldaten im Grauen des Ersten Weltkrieges geht? Diese Frage stellte sich selbst Sue Buckmeister, als Choreografin und Regisseurin verantwortlich für diese Adaption. Unter dem Titel »Chotto Xenos« sollte die deutsche Erstaufführung stattfinden, zehn Uhr vormittags, in Hellerau. Hier war im April 2018 auch die Erstaufführung von »XENOS« über die Bühne gegangen, damals noch in der Verantwortung des Intendanten Dieter Jaenicke. Ihm gelang es immer wieder, bedeutende Kompanien des zeitgenössischen Tanzgeschehens bei gänzlich unterschiedlichen Ansprüchen und ästhetischen Ausrichtungen nach Dresden zu bringen. 

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Aber, große Enttäuschung, sie sind nicht da, die Kinder. Nun, nicht ganz, zwei Familien sind gekommen. Aber neunzig (!) für Dresdner Schülerinnen und Schüler reservierte Plätze blieben leer. Die Lehrkraft einer Dresdner Oberschule hatte vergessen, die Vorstellung in den Lehrplan einzutragen. Das kann passieren – aber warum, die Frage stellt sich doch ernsthaft, gibt es keine freundliche Begrüßung seitens der Leitung dieser Dresdner Institution europäischen Ranges, bei der dieses Missverständnis geklärt, den Künstlern herzlich gedankt wird, wenn sie nun trotzdem mit vollem Einsatz diese so außergewöhnliche Bearbeitung aufführen?

In »Chotto Xenos« wird aus Spiel bitterer Ernst. Wie ein Kind faltet der in Ndola, Sambia geborene Tänzer Kennedy Junior Muntagna die Hände zur Pistole, schießt in die Luft. Bald wird er die richtige Waffe in der Hand halten und anonyme Befehle aus dem Schalltrichter eines alten Grammophons entgegennehmen. Schon steht er im verfolgenden Lichtstrahl des Trichters, der sich zum Suchscheinwerfer wandelt, inmitten einer grausamen Kriegslandschaft in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges. 

Und immer wieder dieser tänzerische Widerstand, dieses kindhafte Spiel, so absurd wie tragikomisch, wenn Kennedy Junior Muntagna die Gasmaske zur spielerischen Handpuppe werden lässt, als schmiegte sich das geliebte Hündchen an das hier in Wahrheit aller Liebe beraubten Kindes.

Aber »Chotto Xenos« schildert nicht nur die Grausamkeit das Krieges. Hier geht es auch um die abgrundtiefe Einsamkeit eines jungen Menschen, missbraucht durch eine Kolonialpolitik, die bis heute immer noch zu oft unter den Teppich der Geschichte gekehrt wird. Und doch ist Kennedy Junior Muntanga letztlich kein Rächer, kein Ankläger. Er ist ein Erzähler, er spricht uns an, er spricht mit uns. Er erinnert uns daran, dass es keine Gegenwart, keine Zukunft gibt auf den brüchigen Fundamenten des Vergessens. Er zeigt nicht auf uns. Er tanzt auf uns zu. 

Den Namen dieses Künstlers erfährt man auf Nachfrage. Programmzettel, bislang wegen Corona nicht ausgehändigt, fallen jetzt der Nachhaltigkeit zum Opfer. An der Tür klebe ja ein Zettel mit einem Code, den könne man abfotografieren. Aber sind für die Rolle des Fremden zwei Besetzungen angegeben. Das fühlt sich dann doch – natürlich auf ganz andere Weise – so richtig fremd an.