„Mit den Augen hören und mit den Ohren sehen“

Interviews

„Mit den Augen hören und mit den Ohren sehen“

Das Mammutprojekt der Gesamteinspielung aller Werke von Heinrich Schütz ist abgeschlossen: Im Juni 2019 erschien die letzte der insgesamt 20 CD-Folgen. Seit 2006 haben Hans-Christoph Rademann und der Dresdner Kammerchor an diesem Projekt gearbeitet. Die musikalische Beschäftigung mit Schütz begann freilich schon viel früher – der Dresdner Hofkapellmeister begleitet den Chor und seinen künstlerischen Leiter bereits seit der Ensemblegründung. Agnes Böhm im Gespräch mit Hans-Christoph Rademann.

Das erste Mal Schütz mit dem Dresdner Kammerchor – wie und wann war das?

Schütz‘ Musik gehörte zu den ersten Werken, die wir schon kurz nach der Entstehung des Dresdner Kammerchores aufgeführt haben. Denn durch das Singen im Dresdner Kreuzchor war ich ja bereits so stark mit Schütz verbunden, dass es mir ein inneres Bedürfnis war, seine Werke aufzuführen. Nun hatte ich den Chor, mit dem ich alles etwas filigraner und schlanker singen lassen konnte, als dies im kompakten Klang mit über 120 Knaben möglich war. Ich war mir absolut sicher, dass man diese Musik flexibel und vom Wort aus gestalten sollte.

Bist du damals in Dresden auf Widerstand gestoßen mit deiner anderen Auffassung von Schütz?

Nein, tatsächlich gar nicht. Auf der Suche nach meinem persönlichen Interpretationsstil war ich damals im ständigen Austausch mit Prof. Wolfram Steude, dem großen Schütz-Forscher und Interpreten, der zu dieser Zeit die Cappella Sagittariana leitete und für das Heinrich-Schütz-Archiv an der Hochschule für Musik verantwortlich war. Wir haben sehr viel darüber diskutiert, wie Schütz umzusetzen sei. Nach meinen Konzerten hat er mich immer intensiv kritisiert; und er hat mir auch Aufgaben übertragen, wie zum Beispiel eine Rundfunkaufnahme für das damalige Radio der DDR, die ich mit Studenten durchgeführt habe. Da war ich auch zum ersten Mal richtig gefordert: für mich als ganz jungen Dirigierstudenten war eine Rundfunkaufnahme damals eine riesige Herausforderung.

Du hattest also den Eindruck, es gibt da eine Lücke – einen Bedarf, die Musik von Schütz so aufzuführen, wie du das dann getan hast, mit den Anregungen von Prof. Steude: mit genauem Blick auf Schütz‘ eigene Vorstellung des Musizierens und auf die Bedingungen seiner Zeit …

Das hat mich immer interessiert. Und wenn man so will, war ich auch überzeugt davon, dass man einen Chor mit Schütz sehr verbessern kann. Interessanterweise haben mir das auch andere führende Interpreten bestätigt, wie zum Beispiel erst kürzlich John Eliot Gardiner. Wir sind uns einig, dass Chöre enorm von der Beschäftigung mit Heinrich Schütz profitieren.

Wie sehr haben dich andere Schütz-Interpreten beeinflusst – am Anfang und auch heute?

Ich habe immer versucht, meinen unabhängigen Stil beim Chorleiten und Dirigieren zu entwickeln. Das ist im Grunde bis heute so geblieben. Das heißt nicht, dass ich mich nicht für andere Interpreten interessiert habe. Mir war aber von Anfang an instinktiv klar: Authentizität in die Arbeit einbringen kann ich nur, wenn ich nicht Vorbildern in dem Sinne nacheifere.

Wann wurde dir dann klar, dass du das Thema Schütz zu „deinem“ Thema machen wolltest?

Wir hatten ja intensive Erfahrungen im Konzert und bei Wettbewerben gesammelt. Dabei hatte ich auch immer Werke von Schütz oder anderen „alten Meistern“ im Programm. Mitte der 90er Jahre haben wir unsere ersten CDs mit gemischten Programmen aus verschiedenen Epochen aufgenommen – damals noch beim Label raumklang. Diese Einspielungen „Chormusik aus vier Jahrhunderten“ waren sehr erfolgreiche CDs, mit denen wir viel Aufmerksamkeit erregt haben. Und nachdem wir 1997 den Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf gewonnen hatten, sprach mich Günter Graulich vom Label Carus an. Daraufhin begann eine intensive Zusammenarbeit. In rascher Folge haben wir lauter wunderbare Werke von Heinichen, Zelenka, Bach, Händel, Schein und Reger aufgenommen und dann kam ab 2006 Heinrich Schütz. Aus der ersten Produktion, der „Geistlichen Chor-Music“, ergab sich die Idee, das Gesamtwerk von Schütz weltweit erstmalig einzuspielen.

Zum Ende hin gab es ja noch einmal sorgenvolle Momente wegen der Finanzierung …

Ja, die Frage der Wirtschaftlichkeit spielt bei einem solchen Unternehmen freilich auch immer eine Rolle. Dass wir tatsächlich die Ziellinie erreicht haben, gelang nur dank vieler Förderer und Unterstützer. Das Ehepaar Michaela und Michael Wirtz hat hier als Privatspender ganz maßgeblich mitgeholfen. Wichtig waren auch unsere Radio-Kooperationspartner MDR und Deutschlandfunk Kultur. Verschiedene Stiftungen und Veranstaltungspartner, wie z.B. die Bachwoche Ansbach mit ihrem Intendanten Andreas Bomba oder das Heinrich Schütz Musikfest haben das Projekt ebenfalls unterstützt. Für all das bin ich zutiefst dankbar.

Wie hat sich die Beschäftigung mit Schütz auf den Chor ausgewirkt? Was hat sich getan in diesen Jahren der Gesamteinspielung?

In den über zehn Jahren der musikalischen Arbeit ist aus allen Beteiligten eine große „Schütz-Familie“ geworden. Die Gesamteinspielung war insofern auch ein pädagogisches Projekt, als dass SängerInnen, die in der Anfangszeit noch feste Mitglieder des Dresdner Kammerchores waren, später großartige solistische Aufgaben übernehmen konnten. Zudem haben sie sich inzwischen zu hervorragenden Solisten entwickelt. Das wurde nicht zuletzt deshalb möglich, weil sie im Schütz-Projekt besonders gefordert waren und somit gefördert wurden. Hier zu nennen sind Felix Schwandtke, Isabel Schicketanz, Tobias Mäthger, Stefan Kunath, Martin Schicketanz und David Erler.

Insgesamt war mir die Stabilität der Besetzung besonders wichtig, um kontinuierlich auf dem gewachsenen Verständnis dieser Musik aufbauen zu können. Das betrifft sowohl die Solisten und Chorbesetzungen als auch das Orchester mit dem Continuo, das ebenfalls ein sehr konstanter Faktor war.

Was ist die Essenz von Schütz‘ Werk für dich?

Es ist eine musikalische Bilderbibel, eine klingende Lesung. Das Werk stellt klar, was Musik überhaupt ist: Sie fügt den Worten das Unsagbare hinzu und erklärt Dinge, ohne dass man darüber diskutieren muss oder kann. Schütz ist ein Ausleuchter des Wortes. Besonders schön finde ich bei Schütz, dass nicht nur der Intellekt eine Rolle spielt, sondern sehr stark auch die Emotion und das Körperliche. Man sieht quasi mit dem Körper. Oder anders: Wenn man Schütz zu hören gelernt hat, kann man mit den Ohren sehen und mit den Augen hören. Denn man trägt unendlich viele Assoziationen in sich. Ich sehe zum Beispiel einfach nur eine Landschaft vor mir, die an ein Werk von Schütz erinnert, und die Musik wird im inneren Ohr abgerufen. Die Welt, wie sie ist, in ihrer wunderschönen Anmutung, ist in seine Musik eingebracht. Das gibt es in dieser Form bei wenigen Komponisten.

Auch die Synthese zwischen unterschiedlichen Stilen und Traditionen, dem Stile Nuovo aus dem italienischen Raum und dem Umgang mit dem deutschen Wort, tritt in mustergültiger Weise bei Schütz zu Tage und war letztendlich maßstabsetzend für die gesamte Musikgeschichte im deutschsprachigen Raum nach Schütz.

Natürlich hat es auch hohen Reiz für mich – mehr humorvoll – sagen zu können: ich habe jetzt die einzig wahre Schütz-Biografie gelesen, indem ich alle Stücke musiziert habe. Dadurch habe ich auch sehr viel über den Komponisten erfahren. Über seine Gemütszustände und darüber, was in ihm vorgegangen ist. Was mich sehr berührt und jederzeit fasziniert hat: Immer, wenn von Kindern die Rede ist, schlägt er einen eigentümlichen, ganz feinen, sanften Ton an – wie ein leichtes Vibrieren im Hintergrund.

Ist es denn heute überhaupt noch zeitgemäß, Schütz zu hören und Schütz aufzuführen?

Selbstverständlich, ebenso wie es zeitgemäß ist, die Bibel zu lesen und sich darüber Gedanken zu machen. Es ist sogar sehr wichtig. Um Dinge zu hinterfragen, die heute geschehen, um Orientierung zu finden, um seinen Kopf klar zu kriegen, auch um einfach etwas Schönes zu erleben, halte ich das Anhören der Werke von Heinrich Schütz für etwas ganz Wunderbares. Und das nicht nur für Menschen, die gläubig sind, sondern auch für Menschen, die nicht an Gott glauben.

(Foto: Anspielprobe zu einem Konzert der „Psalmen Davids“ in der Stiftskirche Stuttgart 2016. Credit: Holger Schneider)

12.07.2019Interviews