»Don Giovanni« in Pieschen

Rezensionen

»Don Giovanni« in Pieschen

Das junge Dresdner Off-Opernteam »szene12« verlegt Mozarts Welttheater im Ballsaal des Zentralwerkes e.V. aus dem Spanien in der Mitte des 17. Jahrhunderts nach Dresden-Pieschen in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Das gelingt grandios.

Tolle Begrüßung: Mann könne sitzen, liegen oder stehen, wo man wolle in diesem Pieschner Ballsaal mit seinem morbiden Charme. Es gibt natürlich Podeste, auf denen auch die meisten der zahlreichen Premierenbesucher Platz nehmen. Andere, mutigere, setzen oder legen sich auf die Rasenflächen der Bühnenbildinstallationen von René Fußhöller. Wieder andere zieht es gleich an die Bar, die auch geöffnet bleibt und im Verlauf der Aufführung immer wieder zum Fluchtpunkt für die getriebenen, fliehenden, erschöpften, verliebten oder enttäuschten, einfach nur mal ausruhenden Bühnenhelden wird. Und Maxi Büchner als taffe Barfrau weiß genau, wie sie zuhört ohne hinzuhören, wieviele Prozente gerade nötig sind; ein Blick genügt, und sie greift zur richtigen Flasche. Später wird sie es sein, die als einzige dem Verführer Don Giovanni, hier vielleicht besser nur Giovanni, die kalte Schulter zeigt, auch wenn er noch so betörend mit seinem Ständchen, das ja eigentlich der Elvira gilt, um sie wirbt.

Alle anderen Personen dieses in deutscher Übersetzung gesungenen Drama giocosa, Tragödie und Komödie zugleich, in der ironisch gebrochener Scherz mit hintergründigem Ernst sich so verführerisch mischt, beziehen eigentlich ihre Kraft, ihre An- und Umtriebe, ihren Widerstand und nicht zuletzt auch ihre Sehnsüchte doch nur im Gegenüber mit diesem Verführer. Der wird am Ende selbst ein Verführter seiner unstillbaren Lüste erotischer Erfahrungen sein. Hier stirbt Giovanni nicht am Druck der kalten Hand eines steinernen Gastes, des Komturs, den Timo Hanning mit beindruckend seriösen, gut grundiertem Bass zu singen weiß. Nein, der Pieschner Giovanni wird erschossen. Könnte sogar sein, dass sich der Schuss versehentlich löst, denn es ist ja jene Donna Anna, die sich zu Beginn der Oper gar nicht so ungern in maskierter Unkenntlichkeit überraschen ließ und ebenso überrascht zu sein schien wie der flotte Giovanni, als plötzlich der Papa, der Herr Komtur, die beiden überraschte. Wie überhaupt hier, wie auf einem Pieschner Spielplatz, viel mit falschen Pistolen hantiert wird, drückt auch Giovanni ab. Kein Knall, aber Theaterblut; lächelnd geht der Komtur ab nach theatralem Umfallen, bei dem er sogar sein Schlüsselbund verliert. Also kann es am Ende auch nicht sein Geist sein, den Giovanni zum fröhlichen Pizza-Essen einlädt. Hier ist alles so echt wie die unechten Pistolen, bis auf eine, was ja immer wieder mal vorkommen soll, auch in Pieschen. Und dann ist doch alles ganz echt.

Foto: Rene Fußhöller

Sie könnten alle von nebenan sein, die sich hier mehr oder weniger zufällig in diesem Ballsaal treffen, wo bis vor kurzem noch Möbel und Teppiche verkauft wurden. Und wenn sie sich dann auch immer wieder zu den Zuschauenden setzen, oder diese bei ihren Platzwechseln ihnen begegnen, dann ist gar nicht immer so schnell auszumachen, wer denn da so herrlich singt. Das machen auch die Kostüme von Antonia Kamp aus, die schon jeweils charakterisierend, auf die Personen bezogenen, auch mal grell übertrieben sind, aber dennoch den Abstand zwischen denen, die da singen und denen, die es sich nur nicht zutrauen, ihren Tönen freien Lauf zu lassen.

Und wie es Regisseur Toni Burghard Friedrich vermag, diesen Sängerdarstellerinnen und -darstellern, auch bei allem bezaubernden Charme der Unvollkommenheit, je das individuelle Maß der Freiheit zu gewähren, ganz fern von jedem üblichen Operngestus, von Pathos ganz zu schweigen, das bringt dann die um so größere Überraschung: wenn diese Menschen plötzlich neben uns stehen oder sitzen und mit ihrem Gesang Töne in den Alltag bringen, die ja nicht von dieser Welt sein können, sie aber für den Augenblick erträglicher machen. Selten vernimmt man Operngesang in solcher Natürlichkeit und immer wieder als Mittel des Ausdrucks, wenn die gesprochenen Worte nicht ausreichen.

So nimmt man Sheldon Baxter in der Titelpartie seine Lebensphilosophie einfach ab, dass jede Art von Treue zu einer Frau eben für ihn Untreue allen anderen gegenüber bedeuten würde. Kein sogenannter Kavalierbariton; ein singender Typ, dem der körperliche Drang die Töne diktiert im Einklang mit oftmals tänzerischem Gestus, bei dem das Herz dann eben nicht nur oben links in der Brust schlägt, sondern viel weiter unten pocht. Dabei weiß er viele Facetten zum Klingen zu bringen, ungestümen Aufbruch in der sogenannten Champagner-Arie, verführerisch auf der Zielgeraden, wenn er Zerlina bittet, ihm die Hand zu reichen, was sie auch gerne tut. Den BH trägt sie ja ohnehin schon überm T-Shirt. Aber da ist auch widerständige Ironie im Finale und letzter Aufbruch ins tödliche Abenteuer, eigentlich ein »Liebestod«, nur nicht so mild und  leise. Lächelnd aber schon.

Sein Kumpel, mal mehr, mal weniger Freund, aber eigentlich doch verlässlich, Leporello, ist Meinhardt Möbius mit gar nicht buffoneskem Bass, eher jugendlicher, auch jungenhafter Charakterisierungskunst, der sich gesanglich und in spielerischer Natürlichkeit bestens zu behaupten weiß. Johanna Knauth als Donna Anna weiß ihren seelischen Widersprüchen überzeugenden, gesanglichen Ausdruck zu geben mit herrlich jugendlichem, klar und sicher geführtem Sopran. Einer von den vielen Höhepunkten dieses Abends ist ihre berührende Interpretation der zweiten Arie, dazu im intensiven, darstellerischen Dialog mit dem Tenor Jonas Finger als Don Ottavio. Dass er ihr Bräutigam sei, sagt das Libretto; in Wahrheit steht er auf verlorenem Posten neben ihr. Aber diese bittere Erkenntnis singt er sich gewissermaßen von sich, grandios mit jugendlich, lyrischem Tenor in der ersten Arie, mit den dramaturgisch klug gesetzten Koloraturen in der anspruchsvollen zweiten. Eine höchst hoffnungsvolle Leistung.

Stöckelnd und aufgedreht, hier auch dramaturgisch überzeugend mit den Schärfen der Übertreibung, Julia Pietrusewicz in der Partie der von Giovanni verlassenen Elvira. Sie gibt nicht auf, tobt mit ihrem Rollkoffer durch den Ballsaal, als gelte es immer wieder auf den gerade ausfahrenden Zug noch aufzuspringen. Selbstbewusst, mit klarem lyrischem Sopran, ist Karolina Jędrzejczyk eine Zerlina, die den Augenblick mit Giovanni zu genießen weiß, aber auch wie sie ihren total verunsicherten Bräutigam Masetto bei der Stange zu halten weiß. Felix Rohleder wird gesanglich und darstellerisch seiner tragikomischen Figur in nachlässig sitzendender Jogginghose mit Brille überzeugend gerecht und weiß doch auch den kleinen Zipfel des Glücks zu erhaschen, wenn er nachdem er von Giovanni, den er trotz Brille nicht erkennt und für Leporello hält, verprügelt wird und es dann versteht, die tröstenden Hände Zerlinas sicher nicht nur dahin zu lenken, wo es weh tut.

Ein tolles Ensemble, immer stärker im Verlauf des Abends in der Freiheit des individuellen, total ungekünstelten Spiels, nicht zuletzt im Zusammenspiel dank der umsichtigen musikalischen Leitung von Matthew Lynch, was bei der Weite der szenischen Aktionen schon eine Herausforderung bedeutet, die aber gemeistert wird. Matthew Lynch hat auch die Bearbeitung der Partitur für das so munter wie sensibel musizierende, international besetzte Kammerorchester erstellt, die sich hier bewährt ebenso wie das musikalisch grundierte Spiels des kleinen Chores.

Keine Ouvertüre: das Spiel beginnt im fließenden Übergang und führt mit einer feinsinnigen Improvisation des Flötisten Matthew Higham zu einer Choreografie von Cecilia Lerg und Alexej C. Bernard in die Pause. Gute Gelegenheit, die Installation von Miriam Schröder und Raiko Sánchez anzusehen, wie auch die Filme von Nils Neuer, die man im Verlauf des Spieles gar nicht extra beachten kann. Aber gut eingefügt als Assoziationen zum gastgebenden Zentralwerk e.V. anzunehmen, als Ort des Zusammenspiels der Künste. Am Ende auch kein Schlussgesang, denn der letzte Schuss ist auch der Startschuss für eine angeregte, fröhliche Feier, ganz im Sinne des Titels »Don Giovanni – Ein Fest«. Ein Fest für alle, Oper für alle, auch ohne Schminke, Schmuck und teure Klamotten.

Weitere Aufführungen: 24., 25., 28., 31.08., 1.09., jeweils 20.00 Uhr,
Zentralwerk e.v., Riesaer Straße 32, 01127 Dresden

24.08.2018Rezensionen