Ein ganz normaler Job

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Ein ganz normaler Job

Foto: PR

Matthias Liebich beschreibt seinen Werdegang als „klassische Tour“: im Alter von sechs Jahren begann er mit dem Klavierunterricht. Durch einen Werbeflyer im Briefkasten wurde der Achtjährige dann auf die Kapellknaben aufmerksam und war so begeistert von der Idee, dass er sofort beitrat. Eine musikalische Laufbahn stand dann im Alter von vierzehn so gut wie fest für ihn. Nach einer Lehre zum Orgelbauer absolvierte er das Studium zum Kapellmeister, Komponisten und Dirigenten an der Dresdner Musikhochschule. Nach vier Jahren als Dirigent am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen und weiteren zehn an den Landesbühnen Sachsen ist er nun seit zwanzig Jahren bei den Dresdner Kapellknaben.

Die Kapellknaben stehen in der über 300jährigen Tradition der katholischen Kirchenmusik in Dresden. An Sonntagen und kirchlichen Feiertagen sind sie für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Kathedrale verantwortlich. Darüber hinaus wirken sie an Aufführungen an der Semperoper, der Sächsischen Staatsoperette und anderen Bühnen mit. Die Knaben werden im Kapellknabeninstitut ausgebildet, das auch ein eigenes Internat unterhält. Chorproben, Stimmbildung und Instrumentalunterricht gehören zum regelmäßigen Tagesablauf. Für Matthias Liebich gibt es trotzdem kaum Unterschiede zwischen den Kapellknaben und anderen gleichaltrigen Jungen aus Dresden. Den einzigen Unterschied sieht er darin, dass sie sich einem bestimmten Hobby verschrieben haben und dieses schon fast professionell praktizieren. „Das Besondere und Schöne an dem Hobby ist, dass das Einstudierte jeden Sonntag an die Menschen in der Kathedrale weitergegeben wird. Dadurch geben die Jungen nicht nur ihre Zeit, sondern bekommen auch etwas zurück.“

So wie die Jungen „ganz normal“ sind, ist Liebich es auch. Eingeschränkt fühlt er sich durch seine Arbeit kaum. Es bleibt genug Zeit für Familie, Garten, Joggen und Sauna. Auch private Reisen unternimmt er, wann immer es die Zeit zulässt. Nur für das intensive Musikhören reicht diese dann nicht mehr, sodass es meist beim MDR-Kultur-hören oder „chill-out“-Musik bleibt. Man bekommt den Eindruck, als hätte er einen ganz normalen Job. Wenn er in wenigen Jahren in den Ruhestand geht, wird sich in seinem Leben also gar nicht so viel ändern. Deshalb verschwendet er im Moment auch noch nicht allzu viele Gedanken daran. Fest steht, dass die Musik weiterhin Teil seines Lebens bleiben wird, beim Orgelspielen oder im persönlichen Kontakt mit Kollegen. Auch vom Kreuzchor lässt sich der Kantor nicht aus der Ruhe bringen. Er sieht in ihm keine Konkurrenz, weil es zu viele Unterschiede zwischen den Chören gibt. Vielmehr betont er die gute Zusammenarbeit mit Roderich Kreile. Der „übermächtige Betrieb“ Kreuzchor wird von der Stadt mitfinanziert, die Kapellknaben durch das Bistum Dresden-Meißen, was zu ganz unterschiedlichen Ausgangsbedingungen führt. Die Kapellknaben singen hauptsächlich für die Kirche und setzen einen geringeren Fokus auf Konzerte.

Vielleicht liegt es daran, dass es Matthias Liebich geistliche Dinge nicht als Event bezeichnen möchte. Auffällig ist auf jeden Fall, dass die Kapellknaben wenig PR und Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die Einleitung eines Prozesses in diese Richtung ist aber geplant. Natürlich nicht in der Größenordnung des Kreuzchores. Wichtig ist ihm, dass Management- bzw. Werbestrategien langsam und mit viel Bedacht auf die Jungen geplant werden. „Wir müssen immer wissen, was wir tun. Wir haben Kinder, die ja auch etwas lernen und zurückbekommen sollen. Mir liegen die Jungen am Herzen und ich möchte nicht, dass sie unter der Werbung leiden, ich möchte sie ja nicht ausbeuten.“

Auch in seinen letzten Arbeitsjahren möchte er weiter für den Erhalt der Kapellknaben kämpfen. Es gibt genug Anfechtungen von außen und innen, und die Proben werden durch die wachsenden schulischen Verpflichtungen schwieriger. Liebichs Ziel ist es nach wie vor, die langjährige Tradition weiterzuführen. Denn dass man mehr als ein bis zwei Proben in der Woche stattfinden lassen kann, macht die Chöre natürlich auch leistungsstark und ist mit Blick auf andere Bundesländer in keinem Fall selbstverständlich. Die große Dichte an Knabenchören in Mitteldeutschland ist einzigartig; Liebich hofft, dass sich immer Personen finden werden, die sich für deren Erhalt einsetzen. „Diese Chöre sind nach wie vor besonders. Die Stimme des Knaben hat einfach einen schönen Klang, den die Leute immer noch gerne hören. Vielleicht liegt es an der Klarheit und Reinheit. Mädchen können dies auf jeden Fall nicht aufbringen. Und das ist eine Feststellung, keine Wertung.“

Beim Thema Kulturhauptstadt 2025 ist der Domkantor zuversichtlich. Damit Dresden dies wird, müssen für Liebich aber einige politische Dinge aus dem Weg geräumt werden. Die kulturellen Gegebenheiten sind allemal vorhanden. Vor allem sollten Erneuerungen von Bühnen wie der Operette und des Kraftwerks öffentlicher gemacht werden. Dann wird auch bekannt werden, dass es auch noch Orte gibt, an denen kulturelle Einrichtungen nicht nur abgebaut werden. „Wenn man das zeigt, hat Dresden definitiv eine Chance!“

Vera Fiedler

Zum Tag der offenen Tür bei den Dresdner Kapellknaben am 1. April 2017 laden der KMD Matthias Liebich und der 1. Vorsitzende der Vereins der Freunde der Dresdner Kapellknaben, Jens Daniel Schubert, herzlich ein, eine öffentliche Chorprobe zu erleben, mit Internatsschülern das Haus und die Freizeitmöglichkeiten kennenzulernen, im Instrumentalunterricht zu hospitieren und sich bei Erziehern, Institutsleiter und Eltern von Kapellknaben zu informieren.

22.03.2017Interviews