Was gibts da noch zu lernen?

Rezensionen

Was gibts da noch zu lernen?

In den Dresdner Abenden der Philharmonie, die Wolfgang Hentrich leitet, gab es bisher stets Interessantes. Am 15. Abend im Hygiene-Museum hörte man anfangs Mozarts Divertimento in B-Dur (KV 137) von 1772. Dann erklang dessen Violinkonzert Nr.4 in D-Dur von 1775. Dieses Werk aus den Salzburger Jahren entstand, als der Komponist selbst Konzertmeister in der Hofkapelle seiner Heimatstadt war und sich die Violinkonzerte (fünf an der Zahl) zum eigenen Musizieren schrieb. Mozart war damals 19 Jahre alt.

An diesem Abend interpretierte es die vierzehnjährige Spanierin María Duenas. Sie kommt aus Granada, fiel dort schon durch ihre Begabung auf, so dass man sie bald zum Studium an die Hochschule nach Dresden schickte. Mit zwölf Jahren wurde sie aufgenommen – und seit 2o16 studiert sie in Wien bei Prof. Boris Kuschnir. Nachdem man sie nun im Konzert hören konnte, fragt man sich: was gibt’s da noch zu lernen? Duenas ist technisch perfekt, beherrscht die Ausdruckgestaltung, spielt mit faszinierender Sicherheit und mit einer tonlichen Sauberkeit, die man nur noch bei Henryk Szerynk so hören konnte. Da sie auch komponiert, war klar, dass sie die anspruchsvollen und stilistisch treffenden Kadenzen selbst erfand. Und überhaupt konnte man nur atemlos der kleinen Virtuosin lauschen, die so klar und deutlich und mit Spaß auch an Dialogen mit dem Orchester spielte. Das war phänomenal! Natürlich tosender Beifall und ein Virtuosenstück von Eugéne Ysaye als Zugabe. Dem Orchester hätte man etwas mehr Zurückhaltung gewünscht (Bläser!). Sofort schloss sich ohne Pause »Apollon  Musagéte« für Streichorchester von Igor Strawinsky an. Das Werk – eine Ballettmusik für die damals (1927) berühmte Djaghilew-Truppe in Paris – zeigte die Philharmonie-Streicher in bester Form. Man ahnte die tänzerischen Bewegungen, die die Musik zu unterstreichen, ja zu tragen hat. Die Variationen, die Soli der Tänzer, waren genauso fiktiv zu verfolgen, wie die Variationen des thematischen Materials. Soli, Duos, Quartette lockerten das vielfach gegliederte Klanggeschehen auf, das sich in einer Schlussverklärung apotheotisch aufhebt.

Strawinsky beabsichtigte, „den polyphonen Stil der weiten Linie“ zu erreichen, „bei der das melodische Prinzip im Mittelpunkt steht“, also eine vollendete Polyphonie. Die Aufführung des Philharmonischen Kammerorchesters unter Wolfgang Hentrich vermittelte genau das. Es war ein anhaltendes Eintauchen in den Klang des Streichorchesters mit vielen Nuancen. Begeisterter Beifall am Schluss für die Interpretation und das Werk, das so selten gespielt wird.

10.02.2017Rezensionen