Herb, von aggressiver Deutlichkeit

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Herb, von aggressiver Deutlichkeit

Foto: Nikolaj Lund

Das Januar-Konzert der Philharmonie im Schauspielhaus war »Dream of the song« überschrieben. Aber so traumhaft war es nicht. Es war mit Werken von Bartok und Mendelssohn gar etwas herb, ja von aggressiver Deutlichkeit. Bela Bartoks »Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta« von 1936 zeigte sich als eine Komposition, die geprägt ist von Widerstand und Angst vor dem Aufstieg des Faschismus in Europa. Seine ungarische Heimat war schon seit Anfang der 1920er Jahre durch Admiral Horthy zu einer antidemokratischen Republik geworden. Der Komponist ließ von da an keine seiner Werke in Ungarn mehr aufführen. Und als in Italien und Deutschland mit Mussolini und Hitler faschistische Diktatoren hervortraten und Goebbels ab 1934 und vor allem 1938 eine Ausstellung »Entartete Kunst« in Düsseldorf organisierte und dort  auch Komponisten wie Schönberg, Berg und Webern u.a. genannt wurden, schrieb Bartok einen Beschwerdebrief und verlangte, dass auch dort sein Name zu stehen habe. Er mied diese Länder. Die »Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta« wurde dann auch im Schweizer Basel uraufgeführt. Sie ist ein aggressives Werk, ein Bekenntnis.

Die Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz vom Erfurter Theater übernahm die Aufführung und ging den Klang- ,ja Ausdrucksbildern Bartoks mit Akribie nach. Fasste den 1. Satz mit jener chromatischen, engmaschigen Thematik, die der Komponist schon von seiner Oper »Herzog Blaubarts Burg« an dort anwandte,wo Negatives, Böses, Störendes zum Ausdruck kommen soll. In einer Fächerfuge baut sich in stetigem Crescendo eine dynamische Vision an aggressivem Widerstand auf, der verschärft im 2. Satz losbricht. Im 3. Satz wird die Anfangsthematik aufgenommen, aber erhält im pastoral klanglichen Umfeld eine Wendung ins Diatonische, so dass hier folkloristische, ungarische Motive möglich werden, die im letzten Satz mit Tanzmotiven zu einer hymnisch befreienden Form die Wandlung vollenden. Von Chromatik zu Diatonik entfaltet sich hier jenes Beethovensche per aspera ad astra. Die Gastdirigentin erfasste die einzelnen Klangbilder mit leidenschaftlicher Gestaltungskraft, so dass eine tief beeindruckende Wirkung entstand, der man sich kaum entziehen konnte.

Das Motto des Konzerts »Dream of the song« erhielt hier eine ganz andere Aussage als in dem Werk, das als deutsche Erstaufführung mit dem Artist in Residence Bejun Metha erklang. Der Countertenor hat  schon mehrfach mit der Philharmonie musiziert, so auch hier mit klarer Stimme, die mit den Klängen des Orchesters von vier Hörnern, zwei Oboen, Streichern und Schlagzeug eindrucksvoll verschmolz. Zugrunde lagen mittelalterliche spanische Gedichte und solche von Garcia Lorca. Klangfreudig entfaltete sich das Werk in sechs ineinander verwobenen Sätzen, so dass es schwierig war, den Texten in klanglicher Ausdeutung nachzukommen, so nahm man das Werk mehr als differenziertes Kontinuum auf. Zehn Sängerinnen des MDR Rundfunkchores unterstützten die zarten Visionen. Die Dirigentin, die mit ganzkörperlichem Einsatz und weit ausladender Gestik engagiert die musikalische Gestaltung initiierte, beendete den Konzertabend mit der etwa herb geratenen »Schottischen Sinfonie« von Felix Mendelssohn Bartholdy.

16.01.2017Rezensionen