Ein Pfingstgeschenk

Kolumnen

Ein Pfingstgeschenk

IMG_0083Von wegen, „Pfingsten sind die Geschenke am Geringsten“, wie Bertolt Brecht witzig reimte und fortfuhr dass hingenen „Ostern und Weihnachten etwas einbrachten“. Für mich hat das Pfingstfest einiges gebracht. Ich hatte es etwas vorverlegt und war am letzten Freitag nach Wroclaw gefahren, Dresdens älteste Partnerstadt seit 1959. Europäische Kulturhauptstadt Europas 2016. Künstlerisch gesehen weht der europäische Geist kräftig durch die polnische Nachbarstadt, die man von Dresden aus jetzt wieder mit direkten Zugverbindungen erreicht. Politisch gesehen, na ja, da weht der Geist im Nachbarland weniger europäisch. Darauf bezog sich auch klar und prägnant Dresdens zweite Bürgermeisterin Annekathrin Klepsch in ihren Grußwort zur Eröffnung einer außergewöhnlichen Ausstellung aus Dresden an einem außergewöhnlichen Ort in Wroclaw. In den Räumen einer ehemaligen Brauerei präsentiert in einer groß dimensionierten Ausstellung Dresden, noch bis zum 31. Juli, unter dem Titel »OSTRALE weht ODER« mehr als 80 Künstlerinnen, Künstler und Gruppen mit ihren Werken.

Diese Dresdner Präsentation ganz unterschiedlicher, sicher auch kontrovers zu betrachtender und zu akzeptierender Beiträge sieht die Kulturbürgermeisterin in ihrem Grußwort aber auch als Anlass zu betonen, dass in Zeiten, in welchen man Tendenzen der offiziellen Politik des Nachbarlandes aufmerksam und besorgt verfolge, es die Aufgabe der Künste ist Horizonte zu weiten um die Ideen eines solidarischen Europas nicht zu gefährden oder gar aufzugeben. Wroclaw in Polen, Kulturhauptstadt Europas, das gilt es ernst zu nehmen, dieses Jahr mit seinen Möglichkeiten biete beste Anlässe.

Anregungen, über Identitäten, Toleranz, Zwischenmenschlichkeit und Offenheit nachzudenken, bietet diese Ausstellung aus Dresden in reichem Maße. Allein schon der Ort mit seinen Besonderheiten verbindet Vergangenes und Gegenwärtiges und weist in die Zukunft. So fragt Frank Herrmann in seiner Installation „Wundermaschine“ ob es uns gelingen wird den „Tanz der Rivalen irgendwann nur noch als belustigendes Relikt zu betrachten“, oder ob er immer wieder von Neuem beginne. Ein spukhaftes Spiel mit Machtstrukturen und Ideologien, mit Werten in der Kunst bietet die Installation der Künstlergruppe „Modern Trust“ an besonderem Ort, denn erstmals werden die Becken genutzt, in denen einst das Bier gärte. Jetzt wirft der Besucher einen Blick in die Tiefe der Architektur und wandert gewissermaßen durch ein Labyrinth der Kunstideen. Was hier beispielhaft genannt sein kann steht stellvertretend für das weite Spektrum, in dem die Dresdner so gut wie alle Facetten zeitgenössischer, bildender Kunst präsentieren.

Dann geht es aus der Kulturbrauerei als angesagtem Ort der alternativen Kunstszene ins Zentrum der Stadt in die „Hochkultur“. Gleich hinterm Opernhaus besticht das neu entstandene Nationale Forum der Musik, ein Konzerthaus in phantastischer Architektur mit hochgelobter Akustik. Am 25. Mai gastiert hier das London Symphony Orchestra mit dem Dirigenten Antonio Pappano und fünf Tag später dirigiert Semyon Bychkov die Wiener Philharmoniker. Neben einem Kammermusiksaal gibt es als weitere Aufführungsorte den roten und den schwarzen Saal für besondere Formate, die nicht nur der Musik vorbehalten sind. Ich gehe in den schwarzen Saal. Mich interessiert das Gastspiel des Anarchy Dance Theatre aus Taiwan mit der Choreografie »Second Body« von Jeff Chieh-hua Hsieh.

Ich gebe zu, mit etwas Skepsis, denn zu oft wurde ich enttäuscht bei der angeblichen Verbindung des Tanzes mit Videozuspielungen oder Projektionen. Diesmal werde ich nicht enttäuscht, im Gegenteil, dem künstlerischen Geist, der hier weht kann und will ich mich nicht entziehen und am Ende bedauere ich dass die nächsten Aufführungen dieser Company in Moskau und in Paris stattfinden.

In einer so raffinierten wie kunstvollen Zusammenführung aus beindruckenden Sounds, wahrhaft artifiziellen Lichtinstallationen und kraftvoller, dennoch stets sensibler Körpersprache der Tänzerin Shao-chin Hung entsteht ein dynamisches Gesamtkunstwerk. Und wenn nach gut 45 Minuten das Licht erlischt, der Klang verebbt, die Tänzerin ihre Bewegungsintensionen zum Anfang zurückführt und zurückkehrt in die Stille, dann ist man um eine spirituelle Erfahrung kraft der Konzentration und der Fantasie reicher, erschaffen durch diese außergewöhnliche Choreografie eines vergänglichen Gesamtkunstwerkes, dessen Erlebnis von lang anhaltender intensiver und assoziationsreicher Nachwirkung ist.

Ein wenig kann ich diese Nachwirkung noch intensivieren, denn ich darf am nächsten Vormittag als Gast dabei sein, wenn der Choreograf Jeff Chieh-hua Hsieh mit hochmotivierten jungen Leuten aus Wroclaw in einem zweistündigen Workshop arbeitet.

Dann zurück nach Dresden. Und wann wieder nach Wroclaw? Im Juni? Ab 6. Juni gibt es hier Sächsische Kulturtage mit vielen Beiträgen aus Dresden. Das DEREVO-Tanztheater zeigt seine Improvisationen unter dem Titel »Der letzte Clown auf Erden«. Claudia Reh bietet eine Lichtinstallation, das Dresdner Kurzfilmfestival präsentiert ausgewählte Preisträgerfilme, zu den Literarischen Stimmen aus Sachsen gehören u.a. Utz Rachowski und Roman Israel. Das Philharmonische Kammerorchester wird in seinem Gastspielprogramm Werke der polnischen Komponisten Mieczysław Karłowicz, Wojciech Kilar und Grażyna Bacewicz aufführen, bevor Cie.Freaks und Fremde im Teatr ad Spectatores mit »LOVING THE ALIEN« und »FREAKSHOW« zum Ausklang dieser Kulturtage ganz besondere Grüße aus Dresden bringen wird, denen sich die engagierten Musiker der Banda communale anschließen.

Als am vergangenen Freitag Annekathrin Klepsch zur Eröffnung der Ausstellung der Ostrale-Ausstellung in Wroclaw schon mal einen Blick in die Zukunft wagte und ihren Wünschen freie Bahn ließ, konnte sie sich sogar vorstellen, dass im Jahre 2025, wenn dann Dresden reif dafür sein sollte eine Kulturhauptstadt Europas zu werden, ganz selbstverständlich die Künstler der polnischen Partnerstadt in hohem Maße präsent sein werden.

Na ja, ich habe da so meine Zweifel, was die Dresdner Reife angeht, denn schon am Pfingstmontag wehte wieder der ganz andere Geist unterm Goldenen Reiter. Es bleibt viel zu tun für die Kunst und die Künstler.

18.05.2016Kolumnen