Nennt mich stockkonservativ…

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Nennt mich stockkonservativ…

ImageNa gut, dann bin ich eben ein stockkonservativer Verehrer der „Uhrmacherbewegungen“. Mit diesem Begriff bezeichnete nämlich unlängst die Schauspielerin Senta Berger eine Aufführung der Choreografie »In the Night« von Jerome Robbins. Gut, ich kenne die aktuelle Aufführung vom Bayerischen Staatsballett nicht, auf die sie sich bezog, kenne aber wohl die künstlerischen Potenzen dieser Kompanie und kann mir gut vorstellen, dass in München auch annähernd so gut getanzt wird wie beim Ballett der Pariser Oper, deren Mitschnitt einer Aufführung von 1989 ich als DVD habe und die ich mir vorsichtshalber gleich noch mal angesehen habe. Ja klar – das ist reinste Neoklassik! Da sind Genauigkeit und Musikalität erste Voraussetzungen, wie zum Beispiel auch gestern Abend, in der 43. Aufführung des klassischen Balletts „La Bayadère“ mit dem Semperoper Ballett nach Marius Petipa, in der Choreografie von Aaron S. Watkin. Auch da haben mich die Uhrmacherbewegungen glatt wieder begeistern können. Genauigkeit und absolutes Können gehören eben zu manchen Formaten der Kunst. Man möchte nicht daran denken, wie eine ungenau getanzte Forsythe-Choreografie wirkt, und gerade weil die Dresdner Tänzerinnen und Tänzer – die Münchner nach meinen Erfahrungen natürlich auch – sowohl den Ansprüchen der Moderne als auch denen der klassischen Traditionen bestens gewachsen sind, machen deren „Uhrmacherbewegungen“ alles andere als einen musealen Eindruck.

Privat kann Senta Berger natürlich dieser Meinung sein, aber sie gebrauchte sie in der Pressekonferenz des Dachverbandes Tanz in der Presskonferenz zur Vorstellung der Vorhaben im Tanzjahr Deutschland 2016. Schließlich ist sie eine der prominenten Botschafterinnen und Botschaftern des Tanzjahres. Diese Botschafter wollen den Tanz wieder in die Debatte bringen. Soweit gelungen, Frau Berger!

Schon in wenigen Tagen, am Mittwoch, beginnt in Frankfurt am Main die „Tanzplattform Deutschland“, eine der Hauptveranstaltungen im Programm des Tanzjahres. Da wird es ganz sicher nicht in erster Linie um jene „Uhrmacherbewegungen“ gehen, wenn mit insgesamt zwölf ausgewählten Produktionen dieses 1994 in Frankfurt im Theater am Mousonturm als „Theatertreffen des Tanzes“ ins Leben gerufene Festival an den Ort seines Ursprungs zurückkehrt. Es gehe nicht darum, so Matthias Pees, Intendant des Künstlerhauses Am Mousonturm, eine Abfolge von Highlights zu präsentieren, sondern „zwölf impulsgebende Arbeiten, nicht unbedingt die Besten“. Die Tanzplattform Deutschland solle sowohl mit den eingeladenen Produktionen als auch mit einem entsprechenden Rahmenprogramm eine „Erweiterung der Wahrnehmung“ bewirken, aber sich auch mit den oftmals, gerade was weitere Gastspiele von Produktionen angeht, problematischen Förderkriterien in Deutschland beschäftigen. Für Pees erwarten die Besucher bei vor allem performativen, installativen, inclusiven und partizipativen Formaten die „fünf heißesten deutschenTanztage des Jahres“, vom 2. bis zum 6. März.

Fast zwei Jahre lang hat eine Jury über 200 Tanzproduktionen in ganz Deutschland besucht: „die zwölf nun eingeladenen Stücke sind das Ergebnis dieser aufwändigen und anspruchsvollen Recherche und vieler Stunden gemeinsamer Analyse und Diskussion“. Beim Blick ins Programm mit der getroffenen Auswahl stellt sich schon mal wieder die Frage, „Im Osten nichts Neues?“ Na gut, Berlin ist vertreten und eine Gemeinschaftsproduktion zwischen Berlin und Poznan in Polen. Und, na gut, der Osten ist weit, und im Osten muss man ja ohnehin endlich mal aufhören, immer nur so eng zu denken. Ich werde also mal wieder in den Westen reisen und am kommenden Montag meine Eindrücke beschreiben. Ich glaube, ich bin gut vorbereitet, um in Frankfurt mit offenen Augen und wachem Sinn mit Lust und viel guter Laune zu erleben, was sich da gerade wie und warum und wozu auf der Tanzplattform Deutschland bewegt.

 

29.02.2016Kolumnen