Bezaubernde Folkstories einer Nordseesirene

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Bezaubernde Folkstories einer Nordseesirene

Ihr Publikum, glaubt man den begeisterten Rezensionen aus aller Welt, verzaubert sie bereits mit ihren ersten Tönen. Auf der Gitarre tanzen ihre Finger im feinsten Fingerpicking. Das Instrument verschmilzt mit ihrer hellen Stimme, die auf sehr natürliche Art und Weise zu erzählen versteht. Sofia Talvik klingt zart, anders, manchmal hauchig. Neben sanften Gesangslinien, die sich in die folkigen Gitarrenklänge einweben, hört man in ihrem Konzert auch ab und zu fast majestätische Linien. Die irgendwie am intensivsten in Erinnerung bleiben. Und garantiert Gänsehaut erzeugen.

Sofia Talvik entführt ihr Publikum mit jedem Lied neu in eine tief reichende Gedankenwelt. Sie besingt Geschichten, die trotz ihrer eigenen Sprache erstaunlich lebensnah sind. Stories, die ein kreatives Weltbild darstellen, und jeder noch so glattpolierten Alltagsüberlebensphilosophie der Zuhörer einen Haken schlagen. 
Und die Leute dort abholt, wo sie ihre heimlichen Sehnsüchte bunkern. Fängt Sofia Talvik an zu singen, eröffnen sich Welten. Und nicht nur solche, die man auf der Landkarte findet. 
So horcht sie in ihren Songs den König der Weidenbäume aus, erinnert sich selbst daran, dass ihr amerikanisches Autokennzeichen vom Tourbus die Florida-Sonne abbildet, und zieht aus allem ein kleines Stück wertvolle Lebensweisheit. Nach einer kürzlich beendeten 16-monatigen Tournee durch 37 US-Staaten hat Sofia Talvik einiges zu erzählen. Viele tolle Momente teilt sie mit ihrem Publikum in sonnigen, Freude ausstrahlenden Songs. Aber auch den etwas dunkleren Erfahrungen widmet sie Songmomente. „Die kleinen Städte in Amerika sind schon echt gewöhnungsbedürftig“, berichtete sie im September den Journalisten vom Belfast Telegraph in einem Interview. Einmal wurden sie von einem Stalker verfolgt, der in allen Konzertveranstaltungen von Ohio bis Minnessota auftauchte, und sich online als ihr Manager ausgab. Doch das hält sie nicht auf. Glaubt man ihren eigenen Songs, ist sie eine tapfere Lady, die sich wie eine Feder im Wind weiter treiben lässt. 
Sie singt vom davonziehenden Mädchen, manchmal auch vom Davonlaufen, vom Ausziehen in die Welt, vom Warten auf den Winter, und vielen kleinen Dingen, die ihr Herz berühren. Einige ihrer Songs handeln vom Reisen, oder beziehen die Wunder der Natur, und das Miteinander in dieser hektischen Welt in ihre Songpoesie ein. Und entschleunigt mit ihrem entspannten Gesang auch verhärtete Ohren.

cover-sofiaNach der US-Tournee jedenfalls durfte sie ihre erste Daytrotter-Session einspielen, was in der Folk-Musik eine Ehre ist. Immerhin werden diese Sessions mit Aufnahmen von Künstlern wie Mumford & Sons angeführt. 
Sofia Talviks aktuelle EP „FOLK“ brilliert ebenso in jenem Sound. Und durch den Charme, den ihre Stimme in der eigenen Muttersprache produziert. Erschienen ist „FOLK“ im März beim Label Makaki Music, welches von ihrem Ehemann Jonas Westin geleitet wird. Wie alle ihrer Alben hat auch jenes einen Live-Charakter, nur dass sie diesmal eben nicht nur Gitarre spielt, sondern sich auch von diversen Instrumenten wie Klavier, Schlagwerk, Streichern, Flöten etc. begleiten lässt. Die übrigens den schwedischen Folksongs ab und zu aus der internationalen Musikwelt bekannte Zitate entgegenträllern.

Sofia Talviks gesangliche Bögen klingen auf schwedisch ganz anders durch, als im für sie üblichen Englisch. Die EP präsentiert fünf Titel. Auf dem ersten Track „Du som har hela mitt hjärta“ klingt die Songwriterin wie ein junges Mädchen, welches mit unschuldigem Ton eine belebt-dunkle Geschichte erzählt. Der Song „Uti Vår Hage“ fließt sacht und melancholisch voran, hebt und senkt sich im Atem der reflektierenden Sängerin. Die Gedanken fließen in beruhigenden Klängen, und in den originalen Worten, in denen dieser traditionelle schwedische Folksong einst anonym überliefert worden ist. Aber mit einer unerwarteten musikalischen Dynamik. Den Text hat Sofia Talvik nämlich auf eigene Weise interpretiert. Die idyllischen Vorstellungen vom Bauernhof, auf dem Blaubeeren zum Kosten locken, von der Freude die dort im Herzen aufblühen kann wie die Rosen und andere Blumen auf der Farm, und die den Betrachter zum Tanzen auffordern – der Text zeigt eine kleine perfekte Welt. 
Doch Sofia Talvik bricht mit dieser Vorstellung. Geschickt wechselt ihre Stimme in eine simple und klare Melancholie, die im letzten Absatz durch den Kontrast besonders auffällt. „Auf unserem Bauernhof blühen Blumen und locken Beeren. Komm Herzensfreude! Aber von allen liebe ich dich am meisten.“ Bleibt die Frage offen, wieso Sofia Talvik das sonst so überschwänglich geträllerte Lied auf solch melancholische Art und Weise präsentiert. Vielleicht ist der Liebste nie zum Hof zurückgekehrt?

Heute Abend ist die Sängerin zu Gast im Kulturcafe M (Foto: M. Fiedler)Heute Abend ist die Sängerin zu Gast im Kulturcafe M (Foto: M. Fiedler)

„FOLK“ lebt von weiteren interessanten Arrangementideen. So zaubert Sofia Talvik mit einem dumpfen Dampfertönen und von sanftem Wellenrauschen illustriert einen Song zum Thema Immigrantenvisa. Sehr bildlich eingesungen. 
Einen typisch Swedish-Folk-Sound präsentiert sie in „En vänlig grönskas rika dräkt“. Und zum Schluss schlägt sie noch die Brücke in die USA. Als eine charmante Verbrüderung aus amerikanischem Folk und schwedischer Tradion erscheint „Det brinner en eld“. Dieser letzte Track fasst das Album auf interessante Art und Weise zusammen und rückt Sofia Talviks international orientierten künstlerischen Daumenabdruck noch einmal in den Vordergrund.

Wenn man ihre Musik in einem Satz beschreiben sollte, müssten die Symbiose zwischen amerikanischen und schwedischen Elementen aus Musiktradition und Folk-Klängen vorkommen, ihr bezaubernd-unschuldiger Gesang, und eine kreative Art und Weise, mit jedem Song sehr persönliche Geschichten zu erzählen. Bezaubernde Folkstories von einer international tourenden Nordseesirene, vielleicht.

Sofia Talvik
21. November, 19.30 Uhr
Kulturcafé M Dohna
Eintritt: 15,- EUR

21.11.2014Neue Aufnahmen