»Keine Chance auf eine bessere Welt, wenn wir die Augen vor dem Terror verschließen«

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»Keine Chance auf eine bessere Welt, wenn wir die Augen vor dem Terror verschließen«

Der Geiger Gidon Kremer hat sich entschlossen, das Programm »All About Gidon«, das im Rahmen seiner Zeit als ‚Capell-Virtuoso‘ bei der Dresdner Staatskapelle geplant war, umzustürzen und durch ein vollkommen neues zu ersetzen. Über die Gründe schreibt er nun in einer öffentlichen Erklärung.

 

Foto: Kasskara

Angesichts der dramatischen Ereignisse, die sich derzeit in Russland und der Ukraine abspielen, kann ich nicht gleichgültig bleiben; sie erinnern sehr stark an die Situation in Europa kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
 
Mit dieser Änderung will ich mich nicht als Politiker in Szene setzen; ich folge vielmehr meinem Auftrag als Künstler und als Musiker, meinen Gefühlen und meiner persönlichen Einstellung mit musikalischen Mitteln Ausdruck zu geben.
 



Die immense Trägheit, mit der die meisten Menschen an den Schaltstellen der Macht auf die tragischen Ereignisse reagieren, macht mich sehr betroffen. Andererseits muss ich einräumen, dass ich mich gleichermaßen hilflos fühle. Dennoch verfolge ich Tag für Tag die aktuellen Entwicklungen, und mir wird immer mehr bewusst, dass hier finstere Mächte am Werk sind.



Ich weiß nicht, was von beidem schlimmer ist – der Machthunger der Politiker oder die Tatsache, dass die Mehrheit der Angehörigen einer Nation (wie es heute in Russland der Fall ist) von den staatlich gelenkten Medien ihres Landes manipuliert und einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen werden?
 



Und sind die naiven Hoffnungen und Sehnsüchte der Ukrainer nicht ein Spielball in den Händen von Menschen, denen politische und finanzielle Machenschaften wichtiger sind als die Wahrheit?


Verlassen sich die Länder des Westens mit ihren pragmatischen und defensiven Mechanismen zu leicht auf starke Worte und hypothetische Aktionen und spielen dabei »Schach mit einem Tiger«? In ihrem Bemühen um einen Kompromiss lassen sie sich doch nur von egoistischen Motiven leiten und konzentrieren sich ganz auf ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen.


Lassen Sie mich, lassen Sie uns in der Sprache der Musik reden. Es ist die einzige Sprache, die ich ein wenig verstehe. Für das neue Programm habe ich Werke aus der Feder führender russischer Komponistinnen und Komponisten unserer Tage ausgewählt, Sofia Gubaidulina, Leonid Desyatnikow und Alexander Raskatow, enge Freunde von mir und der Kremerata Baltica, die uns diese Stücke zugeeignet haben.  Wir spielen aber auch eine Kammersymphonie von Mieczysław Weinberg, einem Komponisten, dessen Werk erstaunlicherweise bisher weder international noch in seiner russischen Heimat allzu bekannt ist. Wie seine »Vorgänger« Tschaikowsky, Mussorgsky, Schostakowitsch und Prokofiew, die zu Ikonen der klassischen Musik wurden, hinterließ Weinberg ein unschätzbares Erbe, doch seines harrt immer noch der Entdeckung. Weinbergs Musik spricht die Gefühle unmittelbar an, ein weiterer »Weckruf« für all jene unter uns, die nach bleibenden menschlichen Werten suchen.

All diese Werke gehören zu dem, was ich als »mein« Russland bezeichne, dessen kulturelle Traditionen auf dem Gebiet der Literatur, der darstellenden Kunst, des Theaters und des Kinos mir seit der Zeit, als ich bei dem großen David Oistrach an der Moskauer Musikhochschule studierte, besonders am Herzen liegen und mir ungemein wichtig waren und sind.
 
Es ist mir vollkommen klar, dass man ein Konzert nicht wirklich genießen kann, wenn sich die beteiligten Künstler nicht um eine saubere, korrekte Ausführung bemühen. Unsere Aufgabe als Musiker ist das Streben nach einer besseren Welt durch den Klang; wir versuchen, die Fantasie unseres Publikums zu bereichern und dabei stets idealistisch und unprätentiös zu bleiben. Es ist mir bewusst, dass die Welt der Kunst auch voller »Stars« ist, die nur nach Selbstdarstellung und Erfolg streben. Doch wir sollten andere Werten hoch halten und uns an jenen Musikern orientieren, die sich als Vermittler im Dienste der Werke selbst sehen.
 


In diesen Tagen erleben wir stattdessen die lauten Parolen und das Getöse der Politik, die mich abstoßen. Es hat den Anschein, als seien Manipulation, materielle und politische Interessen, Lügen und Machtspiele die »Orchestrierung«, mit der eine Partei der anderen antwortet. Und es ist bedauerlich, dass sich einige hochgeschätzte Künstler in dieses Spiel einbinden lassen.
 
Ich kann einige meiner Kollegen nicht verstehen, die (um ihrer eigenen Bequemlichkeit willen?) diesen Stand der Dinge und die politischen Einschüchterungsversuche mittragen. Sie (wir wollen hier keine Namen nennen!) nennen das »Patriotismus«. Sie haben natürlich das Recht, ihre eigene persönliche Wahl zu treffen – doch sollte es für sie als Künstler nicht Pflicht sein, für die Wahrheit einzustehen und positive Energien zu vermitteln und zu stärken?
 



Für mich besteht die wahre Loyalität dem eigenen Land oder dem Publikum gegenüber darin, sich für geistige Werte einzusetzen und nicht Politikern als gefügige Marionetten zu dienen, die lauthals falsche Parolen und  scheinbar machtvolle Doktrinen ausgeben, die dem Leid der Menschen und ihren Tragödien tatsächlich jedoch vollkommen gleichgültig gegenüberstehen. Außerdem schätze ich das kulturelle Erbe Russlands sehr und möchte gleichzeitig unserem Publikum andere Werte vermitteln, die eben auch zu »Russland« gehören.
 
Man darf nicht übersehen, dass menschliche Werte auf dem Spiel stehen, wenn Terror und Mord zur Sprache der sogenannten »Politik« werden. Musik und Kunst haben dagegen die Macht, Verständnis und Güte zu vermitteln. Angesichts der jetzigen Situation wird es meines Erachtens immer wichtiger, sich auf diese Werte zu besinnen.
 


Ich weiß, dass unser kleines Konzert die Weltordnung nicht verändern wird, es wird bestenfalls eine kleine Rolle im Für und Wider der kämpfenden und der verhandelnden Parteien spielen. Gleichzeitig ist es mir aber ein Bedürfnis, meiner Besorgnis und meiner Angst um die Menschen in Not Ausdruck zu verleihen, egal, ob sie sich nun in der Ukraine oder in Russland befinden mögen.
 
Mörder und Lügner muss man entlarven und verurteilen. Wir haben nicht die geringste Chance auf eine bessere Welt, wenn wir die Augen vor dem Terror verschließen. Wissentlich oder unwissentlich sind wir alle Teil des Prozesses, wenn wir das Leid der Menschen ignorieren. Jeder von uns hat eine Verantwortung. Und jeder von uns hat eine Wahl – entweder bleibt man gleichgültig und stumm oder man sucht einen Weg, um sich Gehör zu verschaffen.
 
Wir Musiker sollten uns als Friedensstifter verstehen. Unser Werkzeug ist die Musik, lassen wir sie für sich sprechen. Ich bin stolz auf Kremerata Baltica, dieses Ensemble talentierter Musiker aus unabhängigen Ländern, mit denen ich nun seit vielen Jahren arbeite, Musiker, deren Wertesystem ich teile. Ich bin sicher, dass es Menschen gibt, die ein offenes Ohr für unsere Botschaft haben und die wir damit bestärken können.
 

Gidon Kremer

 

18.09.2014, 20 Uhr, Semperoper

Gidon Kremer, Violine
Olesya Petrova, Mezzosopran
Kremerata Baltica

Sofia Gubaidulina: »Reflexionen über B-A-C-H«
(Arrangement für Streichorchester von Gidon Kremer)

Leonid Desyatnikov: »Russische Jahreszeiten«
für Sopran, Violine solo und Streichorchester

Mieczysław Weinberg: Kammersymphonie Nr. 2 op. 147

Alexander Raskatov: »The Seasons digest«
für Kammerorchester (nach Pjotr I. Tschaikowskys »Die Jahreszeiten« op. 37b)

Bereits erworbene Karten behalten ihre Gültigkeit, können aber auch infolge der Programmänderung in der Schinkelwache am Theaterplatz zurückgegeben werden.

17.09.2014Features