Von Schwänen und Zebras

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Von Schwänen und Zebras

Manchmal fallen mir beim Stöbern, beim Suchen, beim Aufräumen, Dinge in die Hände, die hatte ich fast vergessen. Im Falle der beiden DVDs, die mit wieder zu Gesicht gekommen sind, kann ich nur sagen, herrlich: ob es das Ballett »Hobson´s Choice« ist, oder »Still Life at the Penguin Cafe« mit der Dokumentation über das beinahe vergessene Penguin Cafe Orchestra, ich habe sie sofort wieder angesehen und bin nicht weniger angetan als vor über zehn Jahren, als die beiden DVDs zu mir gelangten.

»Hobson´s Choice«, das sind 100 Minuten die sich lohnen. Ein Muss für alle Ballettfreunde, zumal das bei uns kaum beheimatetes heitere Genre des Tanzes exzellent präsentiert wird.

Gut, dass diese DVD auf dem Markt ist! Enthält sie doch 100 Minuten Ballett vom Feinsten, zumal in einer Art, die hierzulande so gut wie unbekannt sein dürfte und schon von daher allen Freunden der Tanzkunst reinstes Vergnügen bereiten dürfte. Unser Repertoire ist nicht gerade reich an Ballettkomödien. Wenige Versuche, Romantik und Komik zu verbinden, wie etwa Hermann Rudolphs »Die drei Schwangeren« als gelungene Variante der auch sonst beliebten »Rossiniana«, konnten sich so richtig nie durchsetzten. Erst im Tanztheater, nach dessen Emanzipation von Schwermut und Depression finden sich verzagte Ansätze auch dem Humor im Tanz eine Chance zu geben. Das Publikum ist dankbar. Was uns allerdings auf dieser DVD mit David Bintley´s Ballettkomödie »Hobson´s Choice« auf die Bildschirme kommt, dürfte bislang ohne Vergleich sein. Bintley´s Arbeit, von 1989 für das Londoner Sadler´s Wells Royal Ballet geschaffen, wurde – was die Publikumsgunst angeht – in Kürze zum »Schwanensee der Briten«. Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um die Filmversion der Aufführung des Birmingham Royal Ballet, dessen Chef Bintley derzeit war.

»Hobson´s Choice« ist zum Sprichwort geworden und bedeutet so viel wie "keine andere Wahl" zu haben. Keine andere Wahl als am Ende allen Starrsinn aufzugeben und sich zu fügen, hat ein griesgrämiger und durch und durch alkoholisierter Schuhhändler. Er, der ewig nörgelnde und betrunkene Hobson, ist die Hauptperson einer in England sehr beliebten Komödie von Harold Brighouse. In der Komödie geht es darum, dass Hobson seinen zwei jüngeren Töchtern nicht erlauben will zu heiraten, dass seine Älteste, so ein sympathischer Aschenbrödeltyp, überhaupt Ambitionen dieser Art haben könnte, fällt dem Suffkopf gar nicht ein. Er hat seine Rechnungen ohne alle drei der Töchter gemacht. Gerade die Älteste ist in Liebe entbrannt zu Mossop, dem begabten, aber sehr schüchternen und naiven, daher von allen schlecht behandelten Schumacher. Nun ja, es kommt wie es kommen muss. Eine reiche Witwe spielt die Rolle einer Fee. Die grauen Mäuse mausern sich gewaltig. Die Liebe besiegt den Suff, wobei die forschen Damen von der Heilsarmee auch noch ein gewichtiges Tänzchen beizusteuern haben. Am Ende drei glückliche Paare und Hobson, der nicht nur rosa Mäuse sieht, sondern auch fast bankrott ist, schrammt mit Hilfe des einst verachteten Mossop gerade noch mal so an der endgültigen Katastrophe vorbei. Geschickt verbindet diese freundliche Komödie Elemente des Schwanks mit denen der Märchenwahrheiten.

In der Ballettfassung, die vor allem die facettenreich angelegten Charaktere übernimmt, den Schwung der Handlung nutzt, ganz im Sinne der romantischen Komödie das Gute siegen lässt, melancholische Passagen nicht ausspart, kommt die tänzerische und vor allem wunderbar gestische Musik von Paul Reade dazu. Da fließen Elemente der Folklore, der Unterhaltung und der Tanzmusiktraditionen zusammen. Die Musik tritt an die Stelle des Wortwitzes der Vorlage, die Choreografie schafft dazu den ganzen Übermut samt Poesie in beredtem Theater ohne Worte. Barry Wordsworth leitet das Birmingham Royal Ballet Orchestra. Liebenswürdig altmodisch, mit kleinen Anklängen der Ironie durchzogen, sind die üppigen Dekorationen der drei Akte des Werkes, dezent und geschmackvoll die Kostüme der gesamten Ausstattung von Hayden Griffin.

In Bintleys mitreißender Choreografie kommen alle auf ihre Kosten. Geschult an Ashton und Cranko, ohne Berührungsangst vor kräftigen Farben der Komik, mit gelegentlichen Ausflügen in die Unterhaltungskunst der Music-Hall oder des klassischen Musicals, überschüttet er uns mit einem Feuerwerk an Ideen. Technisch ist das alles von höchsten Ansprüchen. Akademische Kühle gibt es nicht. Mit der Perfektion wird nicht geprotzt, die hochkomplizierten Variationen, etwa in den vielen Pas de deux, werden fast nebenher erledigt. Das ist so etwas wie geniale tänzerische Bescheidenheit mit doppeltem Boden. Einfach wunderbar!

Und dann die Tänzerinnen und Tänzer. Jeder und jede ein Typ, ganz individuell und einfach spitze! Angeführt wird das Ausnahmeensemble aus Birmingham von Karen Donovan als Maggie Hobson und Michael O`Hare als Will Mossop, romantisch, clownesk, dabei auch zerbrechlich, vor allem beseelt und groß in der Bescheidenheit voller Charme. Freundlich, lebensklug, bewegt, bewegend.
Fazit: 100 Minuten, die sich lohnen. Ein Muss für alle Ballettfreunde, zumal das bei uns kaum beheimatetes heitere Genre des Tanzes exzellent präsentiert wird. Die choreografische Umsetzung sucht ihresgleichen, von den Spitzenleistungen der so charmanten wie vor allem höchstindividuellen Tänzerinnen und Tänzer ganz zu schweigen. Ärgerlich ist das unangemessen dürftige Begleitheft.


Und noch eine Besonderheit, eine Rarität unter den DVDs, denn was hier zu sehen und zu hören ist, das ist kultig, kurios, das Penguin Cafe Orchestra und ein Penguin Ballett, gemäß dem Motto: Wenn alle Menschen Pinguine und alle Pinguine Menschen wären.

Das Penguin Café sollte ein Ort sein, wo die Leute zusammenkommen konnten, um die Zufälligkeiten der Natur zu genießen’, so Simon Jeffes, der Erfinder dieser so liebenswürdigen skurrilen Musik für das Penguin Café Orchester, jener »Hausmusik für das globale Dorf« sozusagen. Simon Jeffes, der klassisch ausgebildete Gitarrist, Komponist und Arrangeur, brachte Musiker zusammen, die bereit waren, mit ihm Musik für die Vision einer besseren Welt zu machen. Über manche Naivität mag man freundlich bzw. liebevoll, schmunzeln, aber insgesamt kann man sich der gänzlich ohne Schnitt- und Wackelschnickschnack auskommenden Dokumentation über den Ausnahmemusiker und seine Mitstreiter in der Dokumentation von Andrew Harries nicht entziehen.

In den über 24 Jahren seines Bestehens hat das Penguin Orchester unzählige Konzerte gegeben, es existieren etliche Platten – bis 1997 alles vorbei war, weil Simon Jeffes an einem Gehirntumor starb. In der vorliegenden Dokumentation, die zehn Jahre zuvor entstand kommt er selbst zu Wort; zudem hat man die Chance, die musikalische und persönliche Entwicklung dieses besonderen Künstlers und seines einmaligen Café-Orchesters zu begleiten. Was inzwischen selten ist: Hier werden alle Titel ausgespielt. Das ist auch nötig, denn erst im Ganzen erschließt sich der klangliche Reiz der an die minimalistische Technik von Philipp Glass erinnert und nahezu logisch in die auf Erkennbarkeit gerichtete Ästhetik für Werbung und Film führt. Der Dokumentation folgt eine Studioproduktion von 1989 der zu ihrer Zeit weltweit gefeierten Choreografie »Still life at the Penguin Café« von David Bintley mit dem Royal Ballet Covent Garden London. Jeffes arrangierte einige seiner Titel für das Orchester des berühmten Opernhauses und Bintley schuf dazu eine so unterhaltende wie zutiefst berührende Choreografie mit einem bitterbösen Schlussbild.

Ausgehend von einer mit Elementen der Show, des Gesellschaftstanzes, der Neoklassik, humorvoll gestalteten Szenenfolge, in der Menschen und Tiere in paradiesischer Eintracht sich im Penguin-Café von eben jenen possierlichen Tieren bedienen lassen, scheinen in einer himmlischen Friedensvision die Grenzen zwischen den Arten zu verschwimmen. Bintley, der sich gemeinsam mit seinem Ausstatter Hayden Griffin von David Days illustrierter Abhandlung über bedrohte und abgestorbene Tierarten anregen ließ, bringt sie zusammen, die Lebenden und die Toten, die geopferten und deren Mörder, sie gleiten über die Tanzfläche in ihren exotischen Kostümen, tragen Ballkleider oder den Frack zur Tiermaske. Das globale Café als Treffpunkt des Lebens, ein Solo für das elegante Zebra oder für ein Wesen mit Widderkopf das allen Kavalieren im Café den Kopf verdreht. Gegen Ende werden bedrohliche Töne angeschlagen, die Revue wird ernst, eine Ureinwohnerfamilie ist ihres Lebensraumes beraubt; überhaupt sind den Wesen die Wege zu ihren Zufluchtsorten versperrt, zum Sintflut-Motiv am Horizont das Bild der Arche. Für Tiere geschlossen, schon von Menschen besetzt.
Das alles wird in weniger als einer Stunde mit Charme, Humor und vor allem großem Können von den Mitgliedern des Royal Ballet hinreißend getanzt, dazu Simon Jeffs Musik im Orchestersound, eine der lebenswürdigsten Ballettschöpfungen des 20. Jahrhunderts.

Beide DVDs sind nicht ganz neu: »Hobson´s Choice« erschien in einer Produktion der BBC von 1990 bei ARTHAUS MUSIK und ebenda alles über das Penguin Café Orchestra, samt beschriebenem Ballett, in einer Produktion von 1989.

07.09.2014Neue Aufnahmen