Jugendliche Dramatik

Kolumnen

Jugendliche Dramatik

Ute Selbig

Mit dem Bau der Berliner Mauer, am 13. August 1961, fiel zunächst für das Berliner Opernleben, insbesondere an der Staatsoper unter den Linden, der eiserne Vorhang. Nach der Sprachregelung westlicher Presse und Rundfunkanstalten, lebten wir ja ohnehin hinter dem eisernen Vorhang. Jetzt war er gefallen, und das bedeutete zunächst für Sängerinnen und Sänger, aus dem Solistenensemble, aus dem Chor, die zwar im Westteil der Stadt wohnten aber im Ostteil sangen, Pause. 

Zudem hielten es jauch international renommierte Sänger für wichtig in ihren Referenzen darauf zu verweisen, dass sie Strauss und Wagner etwa an den Opernhäusern in Berlin und in Dresden gesungen haben, wie wäre es sonst erklärlich, dass gerade in den 50er Jahren sich  Dresdner und die Berliner Besetzungszettel wie ein „Who’s Who“ der deutschen Opernsänger lesen. 

Jetzt war erst mal Schluss.

Und dann öffnete sich immer öfter jene kleine Tür im Eisernen und es kamen wieder Sänger aus dem Westen in den Osten. Es heißt später dann, als die Gagen im Westen höher wurden, die Devisen im Osten knapper, ließen sie sich materiell honorieren, etwa mit Porzellan aus Meißen. Ist bestimmt eine Legende. 

Eine Sängerin, die bald schon wieder in Ostberlin sang, war Liane Synek (1922-1982). Sie hat auch in Dresden gastiert, ich habe sie erstmals und höchst eindrücklich an Senta in „Der Fliegende Holländer“, in der Premiere an der Berliner Staatsoper 1968 erlebt und ihre so intensive wie kraftvolle Gestaltung dieser Partie nicht vergessen. Wenn die Synek sang, ging man hin. Hatte sie doch die Senta 1965 in Bayreuth gesungen, im gleichen Jahr sogar an der Scala in Mailand die Elisabeth in „Tannhäuser“.

Sie war auch eine großartige Brünnhilde in „Die Walküre“, die Superbrünnhilde Birgit Nilsson soll die „Hojotohos“ ihrer Kollegin bewundert haben. 

Als Livemitschnitt gibt es eine Aufnahme mit der Synek als Brünnhilde aus dem Jahre 1959 aus Montevideo beim Label Living Stage, nicht zuletzt auch deshalb so kostbar, weil der Tenor Josef Traxel hier als Siegmund zu hören ist.

Mit Leonore Kirschstein und Hermann Prey hat Liane Synek unter der Leitung von Joseph Keilberth, Marschners „Hans Heiling“ aufgenommen, erschienen bei Mytho, und als Verdisängerin kann man sie in einer deutschsprachigen Aufnahme von 1965, die bei Resonance erschienen ist, als Abigaile in „Nabucco“ unter Horst Stein hören.

In der genannten Premiere „Der Fliegende Holländer“ sang Theo Adam die Titelpartie, zum Publikumsliebling aber wurde der tschechische Bassbariton Antonin Svorc, auch er immer wieder als Gast in Wagneropern im Dresdner Großen Haus. Besonders eindrücklich war Svorc als Barak in „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss an der Berliner Staatsoper. Vor einigen Jahren habe ich ihn noch einmal im Prager Nationaltheater erleben können, in einer kleinen Rolle, einer „Alterspartie“, als Benoit, den Hauswirt in „La bohéme“. Jetzt ein kleiner, alter Mann, einst eine stattliche Erscheinung auch als Kurvenal in „Tristan und Isolde“ zu einer Zeit, als die Berliner Staatsoper drei Isolden im Ensemble hatte, Ludmilla Dvorakova, Hanne-Lore Kuhse und, womit ich wieder beim „S“ bin, Ingrid Steger, an die sich wiederum auch Dresdner erinnern dürften. Die kräftige, kompakte Sängerin war zudem die Elektra in der Inszenierung von Ruth Berghaus an der Berliner Staatsoper, die aus ideologischen und kulturpolitischen Gründen schon nach wenigen Vorstellungen wieder verschwand. Die Partie der Klytämnestra sang damals Martha Mödl. 

Und so wie sich der eiserne Vorhang für Sängerinnen und Sänger öffnete um Gastspiele in Ostberlin, in Dresden oder in Leipzig zu geben, so ging er auch für einige auserwählte Sängerinnen und Sänger aus der DDR auf und deren Erfolge wurden dann groß gefeiert in der Presse, namentlich im Neuen Deutschland. Einer von uns im Westen war Peter Schreier. Nach dem frühen Tod von Fritz Wunderlich im Jahre 1966 im Alter von nur 35 Jahren war der lyrische Tenor aus Gauernitz bei Meißen, Kruzianer und Absolvent der Musikhochschulen Dresden und Leipzig, damals gerade 31 Jahre alt und bald riss man sich um den Mozarttenor aus Sachsen weltweit. Hatte Theo Adam den Grünen Hügel von Bayreuth erobert, so galt das für Peter Schreier bei den Salzburger Festspielen. 

Man wird nicht sagen können, dass Peter Schreiner ein Wagnersänger war, aber wer ihn in Wagneropern erlebt hat, in den wenigen Partien, die seinem Stimmfach entsprachen, der kann das nicht vergessen. So hell, so klar, so exakt in der Diktion hört man den jungen Seemann in „Tristan und Isolde“ selten, ich erinnere mich an tolle Abende in Berlin. Mit dieser Partie errang auch er die Wagner-Weihen von Bayreuth, 1966.

Herbert von Karajan holte ihn 1974 nach Salzburg, zu den Osterfestspielen, als Loge im Ring und als David in „Die Meistersinger von Nürnberg“. Diese Partie singt er auch in der Dresdner Aufnahme des Werkes unter Karajan, mit der Staatskapelle, im Auftrag der EMI 1970 in der Lukaskirche eingespielt und seit 1972 im Handel.  

In seinem Buch „Die großen Sänger unseres Jahrhunderts“ (gemeint ist das 20. Jahrhundert) gerät Jürgen Kesting über Schreiers David geradezu ins Schwärmen. Er beschreibt die wundervolle, ironische Wirkung, er nennt es „kleines Singen“ und den Beweis des Sängers dafür, „wie subtil-liedhaft man Wagner vortragen kann.“ Für Kesting ist „diese Szene aus dem ersten Akt eines der größten Momente des Wagner-Gesanges auf der Platte, eine wahre Belcanto-Demonstration.“ Karajan soll nach Kestings Erinnerung gesagt haben, so hätte er sich das schon immer erträumt.

Und als 1985 Wagners heiteres Festspielwerk in der wiedererstandenen Semperoper heraus kam, als Peter Schreier in der Premiere hier die Partie des Lehrbuben sang, da musste man angetan sein. Kestings Einschätzung der Aufnahme habe ich erst viel später gelesen, stimmt alles, aber 15 Jahre nach der Aufnahme, live, im Opernhaus, da bekam die Interpretation, gerade weil sie von so wunderbarer lyrischer Ironie durchzogen war noch eine weitere Facette. Die Stimme hatte an Charakter gewonnen. Für mich war Schreiers David damals eben so ein Glücksmoment wie meine erste Begegnung mit diesem Sänger 1968 in der Berliner Staatsoper, als Don Ottavio in Mozarts „Don Giovanni“, da verstand ich was es heißt, dass der Atem stockt, wenn er in der Wiederholung seiner Arie „Dalla sua pace“ dieses so wunderbare, kaum vernehmbare, aber doch klingende, Piano einsetzte. 

Noch zwei heldischere Tenöre. Im letzten Kapitel erinnerte ich mich an die Sopranistin Martha Röth in Weimar als Elsa in „Lohengrin“, ihr Schwanenritter war Peter-Jürgen Schmidt, er war auch der Stolzing in den Weimarer „Meistersingern“.

In der Rückschau eine glückliche Zeit in Weimar, die dortige Staatskapelle unter Gerhard Pflüger und eben ein junger Heldentenor im Ensemble, der seit 1968 für 12 Jahre seinem Theater die Treue hielt, dann an die Berliner Staatsoper wechselte und auch international beachtliche Erfolge verbuchen konnte. 

Der Tenor Dieter Schwartner aus Plauen studierte beim Dresdner Tenor Johannes Kemter, er gehörte zum Ensemble der Landesbühnen, war kurz in Dessau und dann an der Leipziger Oper. Schwartner hat oft in Dresden gastiert, ich habe ihn als Stolzing und als Erik erlebt in den Inszenierungen „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Der Fliegende Holländer“, von Wolfgang Wagner, das waren ganz sichere Abende, auch als Parsifal in Theo Adams Inszenierungen hat er gastiert. Besonders froh bin ich über den Mitschnitt einer Rundfunksendung über Ingeborg Zobel, hier ist eine bemerkenswert schöne Aufnahme des Rundfunks der DDR mit ihm und der Sopranistin zu hören, „Oh sink´ hernieder, Nacht der Liebe“, aus „Tristan und Isolde“.

Ob als Carmen, als Komponist in „Ariandne auf Naxos“, als Octavian in „Der Rosenkavalier“, insbesondere als Marie in Alban Bergs „Wozzeck“ oder zuletzt, schon nach einer Bühnenpause, in einer großen Partie, die Klytämnestra in „Elektra“ von Richard Strauss in der Semperoper, in der grandiosen Inszenierung aus dem Jahre 1986 von Ruth Berghaus, Abende mit Gisela Schröter, die 2011 im Alter von 83 Jahren in Leipzig verstorben ist, kann man nicht vergessen. Sie war eine Sängerin von großer Intensität, es kam ihr nicht darauf an, dass es „schön“ klang, sie ging in ihrer expressiven Art bis an die Grenzen der Möglichkeiten. Zudem konnte sie mit ihrem warmen, satten und abgerundeten Mezzosopran, dem es nicht an Höhensicherheit für die Ausflüge ins Sopranfach mangelte, dann auch regelrecht betörend sein. 

Wenn sie in Berlin oder in Dresden, wo ich sie oftmals erleben konnte, die Siglinde in Wagners „Die Walküre“ sang, dann wichen die Winterstürme dem Wonnemond, dann gab es kein Halten, dann war im forschen Gestus ihres Singens Siegfried der Held schon unterwegs.     

Gisela Schröter als Marie in „Wozzek“ gibt es bei Berlin Classics in einer Gesamtaufnahme unter Herbert Kegel mit Theo Adam in der Titelpartie und Rainer Goldberg als Tambourmajor, ein Dresdner Triumvirat.

Bewundernswert ist die Karriere der Dresdner Sopranistin Ute Selbig, über Jahre, immer unter kluger Beachtung ihrer stimmlichen Möglichkeiten, hat sie sich ein breites Repertoire aufgebaut, langsam dann in Richtung jugendlicher Dramatik. Andernorts konnte man sie inzwischen auch als Elsa in „Lohengrin“ erleben, in Dresden sang sie in einigen Vorstellungen die Partie der Eva in der letzten, nach kurzer Zeit wieder abgesetzten, Inszenierung „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Klaus Guth.

Zum Schluss noch eine Sängerin und Anmerkungen zu einem Kapitel nur zögerlich bisher aufgearbeiteter Musikgeschichte in Deutschland.

Eva-Maria Straussová, 1934 in Cheb geboren, ausgebildet in Dresden, gehörte nach ihrer Zeit im Opernstudio und kurzem Engagement in Dessau von 1962 an für zehn Jahre zum Ensemble der Sächsischen Staatsoper. Im Dresdner „Tannhäuser“ von 1963 übernahm sie die Partie der Elisabeth von Brünnhild Friedland, die Venus damals war Gisela Schröter, bis Ende der 60er Jahre blieb die Produktion im Repertoire. Das war, so erinnere ich mich, eine starke Stimme, nicht immer ganz ohne Schärfen in der Höhe, aber doch beeindruckend. Von starker Wirkung war auch ihre Jekaterina Isamilowa in „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch zu Beginn der 70er Jahre an der Berliner Staatsoper in Anwesenheit des schon sichtlich geschwächten Komponisten.

Es war Zufall, dass ich vor einigen Jahren Eva-Maria Straussová im Rundfunk hörte, in einem Gespräch mit Winfried Radeke. Er hatte 1977 die Neuköllner Oper gegründet und 1990 „musica reanimata“ mit dem Ziel vergessenen Komponisten, deren Musik als entartet galt in der Zeit des Nationalsozialismus, die emigriert und somit vergessen waren, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, wieder Gehör zu verschaffen. 

Ich war an diesem Abend, es muss 2006 oder 2007 gewesen sein, in ein spannendes Gespräch geraten. Winfried Radecke befragte die Sängerin nicht nach ihrer Karriere, sondern es ging um ihren Vater, den Komponisten Adolf Strauss, 1902 geboren, 1944 in Auschwitz ermordet. 

Adolf Strauss als Jude kam mit seiner nichtjüdischen Frau in das Lager Theresienstadt, Kunst, Musik und insbesondere Kabarett wurden zum Überlebensmittel der Menschen. Menschen in „Mischehen“ wurde die Trennung „erlaubt“, in diesem Falle die Freilassung der Ehefrau, der Transport nach Auschwitz für den Mann.

Welch bitterer Beigeschmack, wenn man Chansons aus dieser Zeit hört, die in den Ghettos und Lagern gesungen wurden, wie „Ich weiß bestimmt ich werd dich wiedersehn“, von Adolf Strauss.

Bei der Deutschen Grammophon ist eine CD erschienen, „Terezin I Theresienstadt“, Anne-Sophie von Otter singt das Lied mit Bengt Forsberg am Klavier.

2006 war auch eine Sammlung mit drei CDs des Dokumentations- und Informationszentrums Emslandlager in Papenburg erschienen mit ausführlichem Begleitheft. Die Sammlung heißt „O bittere Zeit – Lagerlieder 1933 bis 1945“. 

Wäre mir an jenem Abend nicht der Name der Sängerin Eva-Maria Straussová so bekannt vorgekommen, wer weiß ob ich weiter zugehört hätte. Ich kann mich nicht erinnern, damals in der DDR in Programmheften, in Ankündigungen oder Spielzeitbüchern etwas über die Familiengeschichte dieser Sängerin erfahren zu haben.

Das genannte Chanson von Adolf Strauss, dem Vater von Eva-Maria Straussová, erklang auch im November 2008 in einem „Theresienstädter Liederabend“ mit Sängerinnen und Sängern des Dresdner Opernchores und der Wissenschaftlerin Agata Schindler die sich in in ihrem Buch „Dresdner Liste. Musikstadt Dresden und nationalsozialistische Judenverfolgung 1933-1945“ diesem dunklen Kapitel der Geschichte widmet. „Musik in Dresden“ hat darüber berichtet. 

Inzwischen ist auch eine umfangreiche Untersuchung zu diesem zu lange verdrängten Thema erschienen. Sonderbarerweise ist es der französische Dirigent und Komponist Amaury du Closel, der unter dem Titel „Erstickte Stimmen“ weit mehr als eine umfangreiche Dokumentation und Materialsammlung vorlegt, und er „stößt auf eine erstaunliche Vielzahl bis heute virulenter Tabus und blinder Flecken in der deutschen Musikgeschichtsschreibung.“, so Kai Luehrs-Kaiser in seiner Rezension zur deutschen Übersetzung, die in Köln erschienen ist, am 28. August 2010 in der Tageszeitung „Die Welt“.

Die Überschrift seines Textes lässt stutzen, „Als Strauss nach Theresienstadt fuhr“, gemeint ist der Jubilar des nächsten Jahres, Richard, einer der Dresdner Hausgötter, der „1943 mit dem Auto nach Theresienstadt fuhr, um sich für die jüdischen Verwandten seiner Schwiegertochter einzusetzen. Ein naiver Vorstoß. Er nützte nichts.“, so Luehrs-Kaiser in seinem Text. 

Ich glaube, dieser Exkurs gehört in ein Erinnerungsalphabet, denn mit den Namen kommen die Geschichten und so ist es hier geschehen. Eigentlich stand auf meinem Merkzettel nur der Name der Sopranistin Eva-Maria Straussová, die ich in Dresden und in Berlin auch als Wagnersängerin gehört habe, und dann war da eben noch mehr, daher mag dieses Beispiel für die Verflechtungen, in die uns Erinnerungen führen können, stehen.

Es geht weiter mit den Buchstaben „T“ und „U“, die werde ich wieder zusammenfassen, denn einmal sind mir Sänger wie Ute Trekel-Burkhardt, Irene Tzschoppe und Helga Thiede in der Erinnerung, Sänger wie Fred Teschler, Rolf Tomaszewski oder Michail Tschergow. Beim „U“ wird´s knapp, mit Armin Ude und Gerhard Unger.

26.10.2013Kolumnen