Überraschung am Dienstag

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Überraschung am Dienstag

Gina Scott (Foto: Semperoper.de)

Überraschung am Dienstag… Ein ganz gewöhnlicher Ballettabend in der Semperoper? Oder doch nicht so ganz gewöhnlich? Immerhin, an erster Stelle im Besetzungszettel dieser Aufführung steht der Name einer jungen Tänzerin aus dem Corps de ballet. Gina Scott ist die Tempeltänzerin, eben jene Bayadère, in die sich der edle Krieger Solor verliebt obwohl er längst verlobt ist mit Hamsatti, der Tochter des Radschas. Auch hier mit Courtney Richardson eine Tänzerin aus der Gruppe der Halbsolistinnen.

Diese nun, um den edlen Krieger ganz für sich zu gewinnen, schenkt der zarten Tempeltänzerin ein Blumenkörbchen, unter dessen Blüten eine Giftschlange darauf wartet ihr tödliches Gift der schönen Tempeltänzerin zu verpassen. Klappt auch. Wir sind im klassischen Ballett, bester Anlass für eine Todestanzszene.

Überhaupt, alles in diesem Indien der Fantasien ist exotisch, die perfekte Show der optischen Verführung und die Abwandlung des Generalthemas der klassischen Tanzromantik, bei der ein Mann zwischen zwei Frauen steht, eine dabei ihr Leben lässt um ihm fortan zu erscheinen, meistens ganz in Weiß. So auch hier, der verwirrte Krieger greift zur Opiumpfeife und im Rausch erscheint ihm die geliebte Tempeltänzerin in vierundzwanzigfacher Gestalt. Die Szene in der Choreografie von Marius Petipa in der Inszenierung von Ballettchef Aaron S. Watkin hat es zu großer Berühmtheit gebracht. In 24 Wiederholungen reiner Tanzvarianten kommen die Tänzerinnen über eine Schräge aus dem Dunkel in die Szene unterm fahlen Mondlicht. So schweben sie in diesem „Schattenreich“ durch die umnebelten Fantasien des Kriegers und vor den weit geöffneten Augen des hellwachen, begeisterten Publikums am Dienstag über die Bühne der Semperoper. Nicht viele Ballettkompanien können es sich leisten, allein um dieser Szene willen, das Werk ins Repertoire zu nehmen, denn bei aller nötigen Exaktheit dieser Wahnsinnswiederholungen, technische Perfektion reicht nicht um die Spannung zu halten. In Dresden ist das Publikum zurecht begeistert von diesem tänzerisch-symphonischen, weniger dramatischen, Rausch.

Dass der hochaufgewachsene Dmitry Semionov, zugleich erster Solist in Dresden und beim Berliner Staatsballett, mit seiner so außergewöhnlichen, eleganten Sprungtechnik diesem Abend besonderen Glanz geben würde konnte man erwarten. Keine Enttäuschung.
Courtney Richardson bringt für die Partie der mordenden Hamasatti den nötigen Kampfgeist, gepaart mit verblendeter Zielstrebigkeit, ein. Ja, die Überraschung am Dienstag, das war Gina Scott als Tempeltänzerin. Zunächst von leichter Vorsicht geleitet wächst das Zutrauen, nimmt die Sicherheit zu, gewinnen die gemeinsamen Passagen samt komplizierten Hebungen mit Semionov an überzeugender Präsenz. Schöner Hauch der Freiheit dann im weißen Bild, in den anspruchsvollen Varianten des des Grand Pas de deux. Und letztlich, keine Überraschung, die Damen und Herren der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von David Coleman können selbst der schlichten, programmierten Tanzmusik von Ludwig Minkus etliches an differenzierter Klangschönheit verleihen.

Foto: Costin Radu

„La Bayadère“ gibt es noch zweimal in dieser Saison. Am 4. Juli tanzt Natalia Sologub die Partie der Tempeltänzerin, Svetlana Gileva die Tochter des Radschas, Hamsatti, und mit der Partie des edlen Kriegers Solor verabschiedet sich der langjährige erste Solist des Semperoper Ballett Guy Albuy vom Dresdner Publikum. Am Tag darauf werden Polina Semionova als Tempeltänzerin und Jiří Bubeníček als Solor, sowie nochmals Svetlana Gileva in den Hauptpartien dieses Ballettklassikers zu erleben sein. So werden der Dienstagsüberraschung ganz sicher weitere folgen.

26.06.2013Rezensionen