Wenn das Publikum nicht ins Museum kommt, dann kommt das Museum zum Publikum

Rezensionen

Wenn das Publikum nicht ins Museum kommt, dann kommt das Museum zum Publikum

Foto des Steinway-Replikats: PR

Der Aufbau erinnerte fast wieder an eine Ausstellung. Auf der Bühne standen nebeneinander drei Flügel – vom hellen Holz eines alten Flügels bis zum bekannten, dunkel lackiertem neuem Steinway aufgereiht. Der Flügel mit dem hellen Holz ist ein erst 2006 angefertigtes Replikat des ersten Flügels aus der Hand des Altmeisters von 1836. Daneben, in etwas dunklerem Holz und reich verziert ein Original aus dem Jahr 1872 und zuletzt ein jedem Konzertbesucher bekannter neuer Konzertflügel.

Doch was dann folgte, war alles andere als museal angestaubt. Sogar Herr Gäbler, vom Klavierhaus Gäbler und einer der Initiator des Abends, schien überrascht, dass der Saal der Hochschule so voll geworden war. Der reißerische Titel – »Eine Legende kehrt zurück« – und das Interesse an dem Klang der alten Flügel hatten zahlreiche Liebhaber angelockt. Hier wurde multimedial die Geschichte des bekanntesten und am meisten gespielten Flügels wieder zum Leben erweckt.

Im Konzert wurden alte und neue Steinway Flügel nacheinander zum Klingen gebracht, während zwischen den Stücken kurze Einführungen von der Geschichte des Flügels, der Familie Steinway und von einigen technisch interessanten Neuerungen berichteten. In der Pause war es sogar gestattet, sich selbst ein Bild zu machen und statt einem „Bitte nicht berühren!“ wurden die Zuschauer aufgefordert, einmal die Außenwand zu befühlen. Wer sich in aller Ruhe an den alten Flügel setzen mochte, konnte es vor Ort und kann es im Pianohaus Gäbler immer noch tun. 

Und was für ein Klang hat dieser erste Flügel aus dem Hause Steinweg, wie der berühmte Urvater der Flügel vor seiner Ausreise in die USA hieß? Man musste schon die Ohren spitzen und für die Zuhörer in der letzten Reihe war es sicherlich relativ leise: denn der kleine Hammerflügel ist nicht besonders laut. Was für ein warmer, holziger Ton entspringt diesem Instrument! Hier gab es noch keine mit Metall verstärkten Ränder und Gestelle, alles ist aus Holz. Die Tragweite und die Farbvarianz der Töne ist recht eingeschränkt.

Ho Jeong Lee (Klasse Prof. Zenzipér) eröffnete den Abend. Wie ihre beiden Kommilitoninnen Hea-Jung Byun (Klasse Prof. Apel) und Chia-Mei Lee (Klasse Prof. Kaiser) spielte sie technisch fast tadellos und in großen Spannungsbögen. Doch dem Umstand geschuldet, auf den alten Flügeln nur kurz proben zu können und dem großen Respekt eines jeden Pianisten, den man vor solch einem Instrument besitzt, schlichen sich kleinere und größere Patzer ein. Da alle in den größeren Werken mit viel Ausdruck, Kraft und Glanz brillieren konnten und das Hauptaugenmerk des Abends mehr auf den selten zu hörenden alten Flügel als auf der Interpretation lag, konnte man indes darüber hinwegsehen.

Die Französische Suite in c-Moll BWV 813 klang auf dem Steinway No. 1 schlicht und dennoch elegant. Der kurzlebige Ton des Replikats wirkte selbst in den rasanten Passagen beruhigend, da an keiner Stelle die Töne sich im Instrument zu sehr aufbauten. Hea-Jung Byuns flottes und reich verzierendes Spiel nutzte den schlanken Klang des Flügels.

Warum uns dieser Klang eines Replikats des Flügels von 1836 so fremd vorkommt, versuchten Herr Gäbler und der europäische Sales Manager von Steinway & Sons, Herr Schalkowski, für das Publikum noch einmal an der Geschichte des Flügelbaues zu erläutern. Im Prinzip wurden die Flügel in den Jahren immer größer und immer lauter, damit sie auch neben einem großen Orchester noch hörbar sind. Doch wurden auch kleine Anekdoten aus der Baugeschichte erzählt. So beispielsweise von der „englischen Krankheit“, an der noch ältere Flügel als der erste Steinway litten (diese Krankheit verzog das Holz bei zu hoher Seitenspannung), oder das Steinweg erst Horn spielte und für sein hervorragendes Spiel während des Kampfes um Waterloo sogar eine Auszeichnung erhielt…

Kurz vor der Pause erklang der original Flügel von 1872. Schon bedeutend lauter und voller im Klang, doch besaß auch dieses Instrument noch etwas hölzernes und sanftes. Diese alten Klangkörper bestechen durch einen abgerundeten, nicht so durchdringenden Ton und wirken dadurch viel intimer und persönlicher.

Ho Jeong Lee gelang mit der F-Dur Sonate op. 10/2 von Beethoven ein erster Höhepunkt des Konzertes. Hier konnte man das Zwischenstadium der Klavierkultur bestaunen. Der Flügel hatte noch nicht diese Klarheit bis in die Höhen eines modernen Flügels, aber Lees zupackender Anschlag brachte auch diesen Flügel zum Strahlen. Durch ihr herzhaftes Spiel und ihre sangliche Art sich in langsamen Sätzen zurückzunehmen und den Tönen Zeit zu geben, auch wenn aus dem Instrument nicht viel Nachhall kommt, machte die Sonate und das Erlebnis des alten Flügels sehr hörenswert.

Mit dem Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 von Chopin beendete Chia-Mei Lee den Abend auf einem modernen Konzertflügel des Modells D-274. Wie ein großer, schwerer Riese wirkte dieses Ungestüm aus Metall mit Saiten, die durch ihre Spannung eine Last von ca. 20 Tonnen erzeugen. Natürlich klingt dieser Koloss sehr voluminös und es ist wahr, im Vergleich zu den älteren Modellen tragen auch die ganz hohen Töne wirklich stark und werden nicht immer flacher. Mithin wirkte dieser Flügel doch etwas klinisch, stählern. Chia-Mei Lee griff noch einmal in die Vollen und schöpfte aus dem vielfältigen Klangvermögen des Instruments: ihr Chopin Scherzo überzeugte durch sprunghafte Wechsel der gewaltigen und zarten Töne, die ihr spielerisch leicht gelangen.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist: unser Bild zeigt ein Klavier der Marke, das gerade auf Ebay ersteigert werden kann… (Quelle: http://www.ebay.de/itm/Steinway-Sons-Konzertklavier-138cm-schwarz-poliert-5-Jahre-Garantie-/360634716948?pt=Tasteninstrumente&hash=item53f7811314)

Dieser Abend zeigte eindrücklich, dass das Interesse an solch besonderen alten Instrumenten besteht – sie wollen wieder gehört werden! Dass unsere heutigen Instrumente technisch viel weiter entwickelt sind als vor hundert Jahren, steht außer Zweifel – aber besser sind sie deshalb doch nicht!

David Buschmann

19.04.2013Rezensionen