Der rettende Tenor

Rezensionen

Der rettende Tenor

Rettete den Abend: Tenor Zoran Todorovich (Foto: Matthias Creutziger)

Ein Engel ist er ja nicht, dieser amerikanische Leutnant in Nagasaki, der die kleine Geisha Cio-Cio-San nach japanischem Recht heiratet, welches in seinem Heimatland der unbegrenzten Möglichkeiten nicht gilt, wo er außerdem auch schon verheiratet ist. Also nächtliches Vergnügen unter Kirschblüten, dann ab nach Hause, und für Madama Butterfly, von der Familie geächtet, mit Kind vom durchreisenden Traumprinzen, beginnt die Zeit des zermürbenden Wartens. Sie gibt die Hoffnung nicht auf; zerstört wird sie, als er mit Frau zurückkommt, um sein Kind zu holen. Sie stirbt nach altem Brauch ehrenvoll – er wird hoffentlich fortan überlegen, wie er amerikanische Freiheit verbreitet. Amerika und Nagasaki: der große Schock kommt noch, in der Mitte des 20. Jahrhunderts, an dessen Beginn diese Oper mit ihren exotischen Klängen spielt, und für die Sänger der Hauptpartien eine so große wie dankbare Herausforderung ist. Wir lieben Leid umhüllt von schöner Musik.


Dass aber Puccini dennoch mit dieser Oper an der Schwelle der Moderne steht, das kann man hören, wenn ein Dirigent wie Henrik Nánási am Pult der Staatskapelle steht und vor allem die Feinheiten der Partitur betont, wenn ein Orchester so sensibel wie dezent zu spielen vermag und wir dennoch auf die große Emotion dieser Musik nicht verzichten müssen.


So erlebt in der 39. Vorstellung von „Madama Butterfly“ seit der Premiere 2003, zur Wiederaufnahme der Inszenierung von Annette Jahns. Sie hat eine bildhafte Erzählweise gefunden, vermeidet unnötige Sentimentalitäten, gibt den Figuren klare Vorgänge und baut einige Assoziationen ein, die über den puren Verlauf der Handlung hinausweisen.


Hartmut Schörghofer hat ein großes Haus aus gefährlich dünnem Papier auf die Bühne gebaut, deren Boden abschüssig ist und an dessen tiefstem Punkt steinerne, unumstößliche Zeugen japanischer Kultur und Religion stehen. In den detailreichen Kostümen von Frauke Schernau treffen alte Traditionen und neue Einflüsse aufeinander.


Das neue Butterfly-Ensemble der Semperoper kann sich hören lassen. Hervorragend besetzt die Hauptpartien mit Christoph Pohl als Konsul Sharpless oder Tichina Vaughn als Suzuki. Großartig ist Majorie Owens in der Titelpartie, schönste Pianokultur, Emotionen mit Maß, vor allem mit musikalischem Geschmack. 
Und das hätte man beinahe alles nicht erlebt; denn der Haustenor Giorgio Berrugi ist erkrankt. Tatsächlich in letzter Minute flog der Tenor Zoran Todorovich für die Partie des Pinkerton ein, singt den „Bösewicht“ und ist doch der rettende Engel, überzeugt gesanglich und darstellerisch mit einer Bravourleistung.


So kam alles zusammen für einen gelungenen Opernabend im ausverkauften Haus, auch das Gefühl kommt nicht zu kurz: Schluchzen ist erlaubt, wenn die Damen des Opernchores so schön summen oder Madama Butterfly stirbt.
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Nächste Vorstellungen: 12., 16. Dezember 2012, 2. Januar 2013. Weitere Informationen hier.

12.12.2012Rezensionen