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Irgendwie…

Auch kleine Dinge können uns verärgern. Ich meine die kleinen Ungenauigkeiten in großen Operninszenierungen. Große Anerkennung für den Mut des Mittelsächsischen Theaters, sich immer wieder großen Herausforderungen zu stellen. Seien es die Ausgrabungen oder Widerentdeckungen zu Unrecht, oder wie sich mitunter auch herausstellte, gnädig vergessener Werke.

Am letzten Sonnabend kam Jules Messenets lyrisches Drama „Werther“, ziemlich frei nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, in der Freiberger Nikolaikirche heraus.
Grundsätzlich stelle ich mir schon die Frage, was Regisseure, in diesem Falle die Regisseurin Anja Sündermann, bewegt in einem solchen Raum, dessen Architektur so viele Vorgaben mit sich bringt, eine Oper zu inszenieren, noch dazu ein Werk, das trotz mitunter ausladender Melodik, doch eine Reihe höchst subtiler Szenen hat, die der Intimität eines Kammerspiels bedürften.

Der gewaltige Raum lässt ja nicht mal eine Ahnung der Enge der Verhältnisse aufkommen, an denen Werther, Charlotte und Albert scheitern. Und überhaupt, das Dreiecksverhältnis, das bleibt in der weiträumigen Anlage einfach auf der Strecke. Dafür müssen die hinzuerfundenen Nebenfiguren dummen Klamauk machen. Und wenn Werther und Charlotte mit der Sektpulle in der Hand torkelnd von der Party kommen unterscheiden sie sich auch nicht mehr von den saufenden Kleinbürgern. Aber es ist schwer, auf der Bühne betrunken zu sein! Ich werde den Eindruck nicht los: hier wurde irgendwie auf Ansage chargiert. Die bierseligen Auftritte, auch wenn mal ein weibliches und mal ein männliches Wesen unbeholfen in der Schubkarre hereingefahren und wieder herausgefahren werden, weil sie eben wieder weg sein müssen für die nächste Szene, wirken alles andere als beseelt.

Ich hätte da ein Zauberwort zu verraten: Üben! Spielen mit Untertext, oder besser noch choreografieren, dann könnten auch die langen Gänge auf der von Olga von Wahl quer durch den Mittelgang der Kirche platzierten Installation vielleicht etwas mehr Stringenz oder gar Musikalität gewinnen. Und dann das Spiel mit Symbolen, die zum einen gar nicht jeder sehen kann, die zum anderen nicht funktionieren oder sich rasch erledigen. Werther und Charlotte und der überlange Schleier, warum strangulieren sie sich eigentlich nicht damit?

Werther muss seinen Koffer längs aufrecht stellen, darauf verkehrtherum einen Stuhl, das wackelt schon beängstigend, in den Stuhl setzt er eine Puppe, die er vorher schon getätschelt hat, das ganze deckt er ab mit seinem Mantel, wie lange soll das halten? Albert muss darauf noch seinen Koffer mit den Pistolen platzieren, der Sänger weiß schon wie wackelig die Angelegenheit ist, dann kracht doch alles zusammen. Zufall, Absicht, ein Versehen?

Eine Werther-Performance mit Musik von Jules Massenet?

Das Problem besteht doch darin, dass all solcherlei Einfälle der Regisseurin durchaus ihre Berechtigung haben könnten, wirkte sie nur nicht so entsetzlich zufällig, herangeholt und hingestellt. Ob ich das in jedem Fall verstehe ist eine ganz andere Frage, wenn es gut gemacht ist, stelle ich mir diese Frage ja auch gar nicht.  Die Regisseurin Ruth Berghaus, deren mitunter verrätselte Bilder noch heute lebendig sind, hat mal in einem Gespräch gesagt, es gäbe für sie vieles, was im Theater möglich ist, aber ein Wort wäre für sie in der Arbeit tabu, „irgendwie“, das gibt es im Theater nicht. Und in der Freiberger Aufführung der Oper in der Kirche, da ist man irgendwie betrunken, da tritt man irgendwie auf und wieder ab, da muss ein Sängerin irgendwie an einem Geländer Dehnungsübungen machen, als befände sie sich im Ballettsaal und dann auch noch irgendwie herumsportlern.

Nun mag man mir Beckmesserei anlasten oder mich einen Korinthenzähler nennen, kein Problem. Ich habe ja am Sonnabend ganz brav in der Kirche gesessen und werde auch gerne mit neuen Erwartungen zur nächsten Premiere kommen. Aber ich komme eben nicht, um mich mit geschlossenen Augen der Musik hinzugeben, das hätte ich manchmal wirklich sehr gerne getan, aber das wäre dann wohl eine andere Veranstaltung.

Herzlich, bis Montag,
Boris Gruhl