Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund

Rezensionen

Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund

Jakub, der kleine Vogel fliegt zu früh aus dem Netz zu hoch fliegt er auch. Er stürzt ab, bricht sich den Flügel, er ist unglücklich. Es folgt, wie fast immer in märchenhaften Geschichten, ein sehr heiterer Reifungsprozess. Der junge Vogel wird erwachsen, besteht den großen Waldlauf der Tiere, den ausgerechnet der Igel initiiert hat, führt witzige Dialoge mit Igel, Eule, Eichhörnchen und findet am Ende seine große Liebe. Das ist Magdalena Rotenband. Sie sammelt für ihn eine Unmenge bunter Federn, reißt sich selber für ihn die besten aus, jetzt ist der gebrochene Flügel geheilt, bunt ist er dazu, also steht dem gemeinsamen Höhenflug ins Glück nichts mehr im Wege. Das ist kurz beschrieben der Inhalt der Oper „Jakub Flügelbunt …..und Magdalena Rotenband oder: Wie tief ein Vogel singen kann“.

Markus Butter (Vater/Eule/Igel), Hagen Matzeit (Jakub): Jakub Flügelbunt (Foto: Matthias Creutziger)

Die Sächsische Staatsoper hatte einen Kompositionsauftrag vergeben, der ging an Miroslav Srnka, geboren 1975 in Prag, Studien in Prag, Berlin und Paris. Das Werkverzeichnis des jungen Komponisten ist beachtlich. Er ist in vielen Genres zu Hause, vornehmlich Kammermusik in sehr unterschiedlichen Besetzungen bei ungewöhnlichen Kombinationen der Instrumente. Seine Werke werden von so renommierten Ensembles wie Ensemble modern oder dem Arditti Quartett gespielt.

Im Sommer 2011, bei den Münchner Opernfestspielen, wurde seine Kammeroper „Make No Noise“ uraufgeführt.
Eigentlich ist die Dresdner Uraufführung, gekoppelt mit Sergej Prokofjews sinfonischem Märchen „Peter und der Wolf“, eine konzertante Aufführung vor dem Orchester. Die Musiker der Sächsischen Staatskapelle spielen unter der Leitung von Tomáš Hanus, der auch aus Prag kommt. Sie müssen auch mal vokal ein wenig Stimmung machen. Das Orchester sitzt in einem Märchenwald, der kommt doch aus dem Depot? Wenn es nicht täuscht, sind das die wunderbaren Prospekte einer Ausstattung des romantischen Balletts „Giselle“, noch aus der Zeit des Ballettchefs Vladimir Derevianko, und seit über fünf Jahren nicht mehr im Repertoire. Arne Walter ist für die Ausstattung verantwortlich, Frauke Schernau für die Kostüme.

Das Werk hat nur drei Protagonisten. Jakub ist immer Jakub, die Sopranistin und der Bariton schlüpfen in etliche Rollen. Das geht sehr einfach mit Hilfe gut gewählter und sparsam verwendeter Kostümteile, etwa einer Stachelkappe für den Igel oder einer riesigen Motorradbrille für die Eule. Gesungen wird vom Blatt oder bei freier Bewegung. Das macht aber gar nichts, denn die Wechsel vom Blatt zu den freien Passagen zeigen: hier wird nichts vorgemacht, hier wird angeregt. Die Geschichte erzählt sich sowieso in den Köpfen der Zuschauer selbst am besten weiter.

Hagen Matzeit ist Jakub. Er hat großen Spaß und großen Kummer, was er mit freundlichem Augenzwinkern vermittelt. Er singt sowohl in der tiefen Lage als Bariton als auch in der hohen als Countertenor, manchmal geht das durcheinander, das sind richtige Stimmbruchtriller, und – das zeichnet die Musik aus – die Sänger sind scheinbar selbst überrascht von den immensen Möglichkeiten der menschlichen Stimme. Das geht dem Publikum nicht anders, und bald schon hört man hier und da Versuche einzustimmen oder selber auszuprobieren, wie tief oder wie hoch es mit der eigenen Stimme geht. Und so waltet in den witzigen, zarten, oft melodiösen oder überraschenden Passagen des Orchesters, in den ungewöhnlichen Möglichkeiten des Singens, eine gewisse Art ästhetischer Anarchie.

Markus Butter, der Bariton des Dresdner Ensembles, kann seine Stimme frei strömen lassen, dann aber auch mit Lust den herrlichsten Ulk veranstalten, als Vater, Eule oder Igel, der sich die Stacheln bricht und mit einer Kastanienschale geheilt wird. Valda Wilson aus dem Jungen Ensemble der Semperoper ist die Mutter, das Eichhörnchen und eben die Magdalena Rotenband. Auch sie muss ihren Sopran durch ungewöhnliche Situationen führen, muss trillern, kichern, girren und in himmlische Höhen aufsteigen. Das macht sie wunderbar, manche ihrer Sangesspäße hört man bei den Kindern rasch wieder. Als Mutter hat sie sogar ein sehr schönes, tröstliches Schlaflied für das kleine Unglücksvogelkind zu singen.

Das Werk kommt an, seine Wirkung ist subversiv, denn die Kunstformen leiten sich aus alltäglichen Erfahrungen her, etwa die Wiederholung von Worten und Silben mit lustvollen Veränderungen, Verdrehungen oder Verfärbungen. Es geht um den Übergang von der Sprache in den Gesang und wieder zurück. Im Zusammenspiel mit den manchmal kaum wahrnehmbaren Instrumenten wird die Vielfalt musikalischer Möglichkeiten nachvollziehbar, und ganz nebenbei sitzen wir so auch in einer Schule des Hörens.

Ein Regisseur wird nicht genannt, Heike Maria Jenor ist für das szenische Konzept verantwortlich. Da hätte mehr passieren können; Anregungen gibt das Werk in reichem Maße, der Anspruch „Comic-Oper“ findet keine szenische Entsprechung. Zudem gibt es Passagen, da hätte die Strenge des dramaturgischen Rotstiftes gut getan.
Dennoch, bei genannten Einschränkungen, es ist am Ende ein richtiger Opernabend für das junge Publikum. Die Kinder haben übrigens mit den modernen Klängen, mit den hohen Stimmen keine Probleme, sie können mit dem Spaß gut umgehen. Und etliche Erwachsene werden sich dabei erwischt haben, dass sie auch ganz gerne mal, wenn es sich nur trauen würden, kichern, trillern, girren oder einfach nur singen würden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Im gleichen Märchenwald wurde zu Beginn „Peter und der Wolf“ aufgeführt, klangschön und sensibel von der Staatskapelle bei gestischem Dirigat von Tomáš Hanus musiziert, so wird die Konzentration gefördert, die Blicke werden gelenkt, das Publikum sieht, wie die Musik gemacht wird. Olaf Bär, der erfahrene Opern- und Liedsänger, spricht den Text mit väterlicher Sympathie, kraft seiner Musikalität kann er die Sprechstimme gut einweben in den melodischen Fluss.

Dieser Text ist auch in der Onlineausgabe „Neue Musikzeitung“ (nmz) erschienen.

17.12.2011Rezensionen