Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Couchtisch nicht

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Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Couchtisch nicht

Ein Mann, eine Frau, ein Möbel (Fotos: Franziska Pilz)

Ein Mann, ein Möbel, eine Frau. Worte, Müll, etliche Flaschen und unzählige Glücksversprechen aus der weltweiten Schlagerphilosophie, wenn der Regen fällt oder auch nicht. „Dam-dam“ stimmt immer. Der Mann heißt Wolfgang Boos und ist Schauspieler mit weit mehr als nur sportlich motivierten Bewegungstendenzen, ein Sprachtänzer ist er auf jeden Fall. Das Möbel ist ein Couchtisch, der hält was aus, es geht drüber und drunter und mehr noch, in verschiedenen Richtungen durch den Tisch hindurch. Die Frau heißt Nora Schott und ist Tänzerin, eine Meisterin der Bewegungsfiguren auf engstem Raum unter dem ausweglosen Zwang der Wiederholung.

Der bewusste Couchtisch, das Möbel, steht fest und unverrückbar im Zentrum einer ansonsten leeren Bühne, eine Insel mitten in der zu den Rändern verschwimmenden Fläche im stimmigen Lichtdesign von John J. Gilmore. Johannes Beere hat für diese knappe Stunde, die wie im Fluge vergeht, Klänge geschaffen. Ariane Thalheim verantwortet als Dramaturgin die Strenge und Klarheit dieser Beziehungstat auf engstem Raum, die nicht tödlich endet sondern schlimmer noch, sie geht weiter. Die Stunde, die wir im Dresdner Socitaetstheater zu sehen und zu spüren bekommen, ist ein Ausschnitt, gerade lang genug, um uns das Lachen nicht ganz vergehen zu lassen. Was machen wir lieber, als im Theater zu lachen über jene Dinge, die uns ansonsten Angst machen? Zahllose Situationen am Couchtisch gehören dazu.

Wolfgang Boos und Nora Schott zelebrieren ihr Unglück mit dem Titel „schwarzer VOGEL roter HIMMEL“ mit geradezu selbstzerstörerischer Lust. Sie sind total eng beieinander und entwischen doch jeweils einer dem anderen. Sein Repertoire an Halbsätzen und Zitaten aus dem Schlagerschatz scheint ebenso unerschöpflich wie ihre Energie, trotz allernächster Nähe jede Nähe zu vermeiden. So wie er sich immer stärker in ihr sieht, „Du hast mich an mich erinnert“, sieht sie ihn immer stärker wie er ist und forciert das Couchtisch-Beziehungsmuster einer Parallelexistenz mit Unendlichkeitsgarantie unter Ausschluss jeglicher Berührungschance.

Diese ganze Tragikomik des bewegten Stillstandes vollzieht sich auf engstem Raum ohne jemals eng zu wirken. Der Scherz ist ernst, der Humor bleibt nicht auf der Strecke, verbal in den Collagen aus Schlagerschnipseln, stumm im Zitat stiller Dienstbarkeit der Frau im Tisch, darauf und darunter, der es die Sprache verschlagen hat. Einige zaghafte Versuche, tonale Signale in sein Kauderwelsch zu senden, verebben. Auf einmal ist Schluss. Sie ist weg, er macht weiter. Ein Mann, ein Möbel, keine Frau. Geht auch. „Dam-dam“.

Eine Textfassung des Artikels erschien auf tanznetz.de.

08.10.2011Rezensionen