Hanfexport nach Halle

Rezensionen

Hanfexport nach Halle

Foto: Gert Kiermeyer

 

Finanzkrise, Rosen aus Varasdin und Zigeunerlieder

Es regnete rote Rosen und hagelte Applaus. Am 20. Mai konnten Jung und Alt die Premiere der Operette „Gräfin Mariza“ von Emmerich Kálmán im Opernhaus Halle bestaunen. Geschickt verarbeitet Axel Köhler das Thema Finanzkrise und schafft somit eine Brücke zwischen den 20er-Jahren und der Jetztzeit. Doch an manchen Stellen wirkte diese Modernität etwas zu extrem. 

Anke Berndt machte eine gute Figur in ihre Hauptrolle als divenhafte und reiche Gräfin Mariza. Sie belebte das Stück mit Tanzeinlagen und häufigem Kostümwechseln, der sich für eine Gräfin ja nun mal so gehört! Leider kam ihre Stimme vor allem in den tieferen Lagen nicht gegen das schwunghafte Orchester an. Anders war das bei Ralph Ertel, der als Tassilo die Massen durch seinen herausragenden Gesang und seine Spielfreude begeisterte. Mitreißend verschaffte er dem Publikum einen Ohrwurm mit seinem Lied „Komm Zigan“. Björn Christian Kuhn, der als urkomischer Baron Zsupán brillant spielte, jedoch gesanglich vergleichsweise schwach war und Marie Friederike Schöder, die ihre Rolle als Tassilos Schwester Lisa ganz passabel über die Bühne brachte, waren weitere Hauptdarsteller.

Die Inszenierung von Axel Köhler zeichnet sich im besonderen Maße durch die Auftritte des souveränen Chores und der Tänzer des Balletts Rossa mit atemberaubenden Kostümen aus. Modern war auch der Schluss der Operette und überspielte gekonnt und mit viel Humor das eigentlich kitschige Ende. Da kann ein Polizist schon mal seine Waffe gegen Amors Pfeil und die Uniform gegen Goldhöschen tauschen…

Marie Blankenburg

 

Hanf und Mohn für‘s Publikum

Sobald man das Opernhaus in Halle betritt, sieht man an den Wänden Steckbriefe aushängen. Ein Mann namens Tassilo Hinterhammer wird wegen Drogen- und Waffenhandels gesucht. „Polizistinnen“, welche man bereits auf den ersten Blick als Statisten entlarvt, verteilen diese Zettel an die Besucher und bilden somit einen wunderbaren Auftakt für den ersten Akt.

Während das Orchester die pompöse Ouvertüre spielt, wird eine altertümlich wirkende Titelschrift auf einem Hanfbeet auf den Vorhang geworfen. Ein guter Einstieg für das, was danach kommt: Die Geschichte der Gräfin Mariza aus den zwanziger Jahren vermischt sich nun mit dem neuerlichen Ambiente des 21. Jahrhunderts. Das Bühnenbild ist kunstvoll hergerichtet mit blühendem Mohn im Hintergrund und dem Eingang einer Villa. Allerdings steckt es auch voller kleiner Geheimnisse, wie zum Beispiel einer praktischen Minibar im Baumstamm. Durch eine kleine Erwähnung der köstlichen Hallorenkugeln wird das Publikum direkt angesprochen. Und das Eis ist gebrochen.

Die Besetzung der Charaktere scheint mehr als passend. Die kalte und kriminelle Gräfin Mariza, die von Männern regelrecht überrannt wird, wird überzeugend von Anke Berndt verkörpert. Diese scheint die Rolle der Gräfin, welche sich im Laufe des Stückes in ihren angeblichen Gutsverwalter Tassilo (Ralph Ertel) verliebt, mit großer Begeisterung zu spielen. Ihre gesangliche Darbietung überzeugte allerdings weniger, da sie in den tieferen Lagen vom Orchester übertönt wurde und praktisch nicht zu verstehen war. Dem gegenüber stand allerdings ihr Verwalter und eigentlicher Graf Tassilo, der sowohl schauspielerisch als auch gesanglich glänzte. Seine Interpretation des jungen Mannes, der in Waffen- und Drogenhandel verwickelt ist und auf dem Gut der Gräfin abzutauchen versucht, überzeugt auf der ganzen Linie. Seine Schwester Lisa (Marie Friederike Schöder) gibt spielerisch die Rolle einer selbstbewussten, aber noch leicht kindlich und verspielt wirkenden Frau, die ihre familiäre Beziehung zu Tassilo geheim halten soll. Ihre Begeisterung für den Baron Kolomán Zsupán (Björn Christian Kuhn), welcher die Gräfin Mariza aufsucht, nachdem er erfährt, dass er mit ihr verlobt sei, wird jedoch nicht erwidert. Kuhn stellt die Rolle des Baron meisterhaft dar: Ein selbstverliebter, junger Schnösel, der der Meinung ist, dass alle Frauen ihm zu Füßen liegen. Gesanglich sind jedoch sowohl Tassilos Schwester Lisa als auch der Baron Zsupán etwas dünn.

Zu einer Operette gehört selbstverständlich auch der Tanz. Mit simplem, aber schönem Ballett werden die Szenen untermalt und lassen den Zuschauer in das Geschehen eintauchen. Die farbenfrohen und prächtigen Zigeunertänzer bilden eine bunte Masse, die durch gekonnte Bewegungen die Situation auflockern und es nicht langweilig werden lassen. Das gesamte Ensemble hat gute Arbeit geleistet.

In diesem Stück werden die aktuellsten Themen angeschnitten. Axel Köhler hat das zwanziger Jahre- Stück für die Neuzeit umgemodelt. Moderne und aktuelle Themen wie Korruption, Drogen- oder Menschenhandel, aber auch alt bewährte Themen wie die Liebe werden hier zu einer witzigen und dramatischen Geschichte zusammengeführt. Der Herzschmerz, die Liebesgeschichten und die wirtschaftlichen Skandale, alles in allem eine wunderbare Zusammenführung der verschiedenen Zeiten. Die letzte Szene, in der die eigentlichen kriminellen Machenschaften ans Licht kommen und die Paare dann doch noch auf höchst romantische Weise zusammen kommen, parodiert die romantische Operette auf höchst köstliche Art! Die Polizisten, welche sich als Engel der Liebe entpuppen, stellen diese Übertreibung höchst amüsant zur Schau.

Lucia Knoblauch

 

Von der Liebe, Mafiosis und blonden Engeln

Es ist nicht das erste Mal, dass die Oper Halle in diesem Jahr Premiere feiert. Nur dieses Mal sollte es Kálmáns Operette „Gräfin Mariza“ sein, die unter der Leitung von Kay Stromberg und Axel Köhlers Inszenierung das Publikum zu überzeugen versuchte. Bereits die erste Einblendung vom Titel zu Hanfpflanzen und seichten Ouvertürenklängen ließen die ersten Verwirrungen aufsteigen. Ein gestriegelter Garten im Englischen Stil, geadelte Gäste, die den Glamour der 20er Jahre aufblitzen ließen, Zigeuner, die in den schrillsten Ballonfarben auf der Bühne tanzten und sangen. Hinzu kam eine verlobte Gräfin, die nicht heiratet, ein Gutsverwalter, der kein Gutsverwalter ist und wenn das nicht dann schon genug wäre, tritt die Pot rauchende Zigeunerin Manja auf und sagt eine Liebesgeschichte voraus.

Der Champagner floss, die Korken knallten, denn das Geld hatte die Gräfin des Hauses. Das Szenario schien Goldene Zeitalter vor dem ersten Börsen- und Bankencrash widerzuspiegeln, und doch barg die Inszenierung Köhlers etwas Modernes. Doch warum mutete es immer wieder an, dass die Gesellschaft so etwas Falsches in sich verbarg, quasi etwas unter dem Deckmantel einer verträumten Wiener Oberschicht?

Es war schade, zwischendurch sollten Tanzeinlagen das Bühnenbild etwas auflockern, doch waren diese zu stereotyp umgesetzt, zumal sie lediglich ihre Aufgabe als Lückenfüller übernahmen, dazu wirkten die Choreographien von Winfried Schneider einfach zu matt und zu oberflächlich.

Musikalisch boten die Sänger diesen Abend eine solide Leistung, was nicht zuletzt auch auf das Orchester zurückzuführen war, die die Solisten klanglich getragen haben.  Es grenzte diesen Abend an einer Art Krimi, in der die Charaktere sich von Akt zu Akt immer weiter zu erkennen gegeben haben und wie Matroschka den Kern ihrer wahren Identität preis gaben. Trotz teils zäher Entwicklung, die zum Teil wie Kaugummi sich zog und mit Kitsch wie schlechtes Parfum überdeckt war, offenbarte sich die kriminelle Ader des Adelshauses. Wie genial es Köhler gemacht hat, als er das Ende in einem Fiasko zuspitzen ließ, wenn das Haus vom Interpol gestürmt wurde und in einer Wendung das Chaos die Polizisten sich als Amors Boten mit blonden Locken entpuppten und im Tanz mit den Sängern das kitschige Ende der Operette mit viel Humor überdeckte.

Zuletzt war es ein gelungener Premierenabend, der mit soliden Sängern, einem glänzenden Orchester und einer gewitzten Regisseursarbeit überzeugte.

 

Nächste Vorstellungen: Mittwoch, 15. Juni 2011 um 19:30 Uhr und Freitag, 24. Juni 2011 um 19:30 Uhr

02.06.2011Rezensionen