Wunderjazz mit Wendekind

Rezensionen

Wunderjazz mit Wendekind

Wieder einmal hat sich das Dresdner Trio Feature-Ring quasi neu erfunden. Bei jedem der im Monatsturnus eingeladenen Gastmusiker steht eine ja kleine Herausforderung an – wie geht man miteinander um und spielt sich aufeinander ein? Zum Abschluss der aktuellen Serie, nach der die Feature-Ringer erst einmal in die wohlverdiente Winterpause gehen – an Winterschlaf darf bei den umtriebig Ungestümen kaum zu denken sein –, stand am Mittwoch ein Konzert mit dem Gitarristen Sascha Muhr an. Das Wetter brachte es mit sich, dass dieser Abend beinahe in Wohnzimmeratmosphäre stattfand. Am Gast, auch wenn dessen Name hier noch kaum jemand kennt, dürfte das nicht gelegen haben. Im Feature-Ring könnten auch No-Name-Künstler auftreten, das Konzert würde dennoch ein Ereignis.
So auch diesmal mit Sascha Muhr, einem Tübinger Jungspund, geboren im deutschen Herbst von 1989. Der kann gar nicht gewusst haben, auf was er sich da einlässt, wenn er in Dresdens Scheune auftritt. Wer mag auf diesen (un-)heiligen Brettern schon alles musiziert haben? Egal. Das Wendekind trumpfte mit Wunderjazz auf, von dem das handverlesene Publikum gar nicht genug haben mochte. Experiment und Kontrast erklang da in Hülle und Fülle. Mit Mut zu leisen Tönen, zaghaftem Suchen nach einem Kling dort und einem Klang da fuhren die vier Musikanten zu Höchstleistungen auf. Überwiegend wurden Eigenkompositionen von Sascha Muhr und Improvisationen gespielt, insular wirkte darin die reichlich verfremdete Ballade um „Laura“ von Johnny Mercer und David Raksin, die nicht zuletzt Carly Simon unsterblich gemacht hat.
Ein völlig anders gearteter „Welthit“ wurde als Zugabe gereicht. Nach einer ganzen Reihe von Takten erst dechiffrierte man ihn als das derzeit vorherrschende Gesäusel von Weihnachtsmärkten und Wunschmusiken im Radio. So schräg hat sich wohl noch niemand die „Stille Nacht“ angeeignet.
Passend zur Jahreszeit, keine Frage. Doch passender zur Wetterlage waren die vorangegangenen Nummern, die aus den Gegensätzlichkeiten von Laut und Leise mit kräftig divergierenden Tempi einen zauberhaften Mix aus Heiß und Kalt austeilten. Den Boden zu Muhrs sphärisch gezupften Klangkaskaden bereiteten gewohntermaßen Demian Kappenstein an den Drums und Felix Jacobi am Bass, beide von der Herausforderung zu neuer Tonsuche angesteckt. An den Tasten und diesmal auch an Zither, Mundharmonika und Keyboards saß statt des erkrankten Simon Slowik Clemens Pötzsch, der sich grandios in Mixtur der klingenden Gegensätze eingefügt hat.
Feature-Ring wird es auch nach der Winterpause geben, doch künftig macht sich das Trio etwas rarer und wird pro Jahr nur mehr vier bis fünf Konzerte ausrichten. Eigentlich schade. Aber wer will (und kann) sich schon ständig neu erfinden?

www.feature-ring.de

 

Eine Textfassung des Artikels ist am 13. Dezember in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

20.12.2010Rezensionen