34. Leipziger Jazztage improvisieren zur Einheit

Rezensionen

34. Leipziger Jazztage improvisieren zur Einheit

Seit zwei Jahrzehnten wird wieder gesamtdeutsch improvisiert. Nicht nur in Parlamenten und Geldinstituten werden seitdem stammtischreife Reden geschwungen und unbegrenzte Jonglagen gewagt – auch auf Jazzpodien gärt und klingt es seit zwanzig Jahren gesamtdeutscher denn je. Klingende Landschaften blühen da auf, frei von Mauern, Denkschemen und antifantastischen Schutzwällen. Die 34. Leipziger Jazztage haben vom 23. September bis zum 3. Oktober bewiesen, wie uferlos sich die Wellen blaunotiger Musiken ausbreiten können und wollen. Anlässlich der zeitgleich zelebrierten Einheitsjahre stand das Festival unter dem Motto „Klangpunkt Deutschland“. Eine solch verbale Zielsuche driftet sonst ja rasch in Beliebigkeit ab, das Mäandern wurde hier aber durchaus wohltuend kanalisiert und in hörenswerte Bahnen gelenkt. Allein das Abschlusswochenende bot fernab aller bierseligen Einheitsmärkte mit Ost-West-Begegnungen, Nord-Süd-Gefälligkeiten und internationaler Offenheit beglückende Momente ohne Zahl.
Sogar die in diesen Tagen wieder lauthals geführten Hüben-Drüben-Diskussionen mussten an den Mauern des Leipziger Opernhauses abgeprallt sein. Im Inneren des Musentempels ging es zwar auch um innerdeutsche Himmelsrichtungen, die leidige Debatten-Unkultur hatte aber keine Chance. Hier ging es ums Können. Und Könner waren da durchaus vertreten.

Patrioten-Haft

Zum Auftakt demonstrierte die NDR Bigband, dass Nordlichter sich ziemlich widerspruchslos auch einem Chef aus tiefdeutschem Süden beugen, um mit ihm perfekt zu harmonieren. Wenn er denn gut ist. Und Rainer Tempel ist gut, richtig gut! Dass er obendrein bekennender Schwabe ist und somit zu jenen Leuten gezählt werden darf, die alles außer hochdeutsch können, dürfte vor allem eine Frage der Effizienz sein. Tempel, der als Autodidakt schon Anfang der 1990er Gast der Leipziger Jazztage war, vergeudete denn auch nichts von den kostbaren Fertigkeiten seiner Mannen. Er entlockte ihnen wertvolle Materialien, fast klassische Bläsersätze und geradezu sinfonische Passagen des Orchesterklangs. Im Bewusstsein, dass die Band ausschließlich mit erstrangigen Musikern besetzt ist, bekamen Saxofone, Trompete, Posaune und Klavier ihre Chance zu großartigen Soli. Das hat gespritzt und brillierte geradezu sphärisch patriotenhaft – und aus der Nord-Süd-Melange wurde plötzlich ein gesamteuropäisches Projekt, denn Tempel hat seinem Pianisten Hubert Nuss einen Part gewidmet, der den unanfechtbar historischen Klavierkünsten von Frankreich und Polen die Ehre erweist.

Wie schon in den Vorjahren, waren die Opernabende des Jazz auch diesmal dreigeteilt. Die Binnenrolle kam mit Thomas Fellow und Stephan Bormann zwei Gitarristen zu, die in und um Leipzig bestens bekannt sind. Als Professoren der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber und mit ihrem Duo „Hands on Strings“ haben sie bereits viel für den Nachwuchs getan, nicht zuletzt, indem der Perkussionist Reentko Dirks sich auch durch ihre Hilfe zu einem veritablen Gitarrero mausern durfte. Der wechselte nun beständig zwischen Drums und zweihälsigem Gitarrenkunstwerk und zauberte mit seinen fingerfertigen Partnern und dem Berliner Künstler Volker Schlott am Sopransaxofon vielsaitige Geschichten hervor. In diesem Zusammenspiel gaben die Vier aus Mitteldeutschland eine Weltpremiere, der unbedingt weitere Auftritte folgen sollten.

Als Duopartner bereits erfahren, setzten Dresdens Schlagzeug-Altmeister Günter „Baby“ Sommer am Schlagzeug und das Kölner (genauer: Viersener) Trompetenwunder Till Brönner den krönenden Schlusspunkt des ersten Opernabends. Wer da meinte, nun sei doch wieder eine Ost-West-Improvisation zu erwarten, hatte sicherlich Recht und lag doch völlig daneben. Denn was der Meisterimprovisateur Sommer dem Popjazzer da abverlangt hatte, klang intergalaktisch. Die beiden haben sich die Professoren-Klinke an Dresdens Musikhochschule in die Hand gegeben und bei der Gelegenheit ja schon mal miteinander gejammt. Hier nun auf der Leipziger Opernbühne wuchsen sie zusammen, als hätten sie schon immer aufeinander gehört. Strahlende Bläsertöne mit schier grenzenloser Energie, unendlich variantenreiche Schlagkünste (selbst als Lufttrommler weckt Sommer höchste Konzentration) und Klangspektren – wer da spätabends nach einer Flamenco-Zugabe das Haus verließ, wusste wieder um die verbindende Kraft der Musik.
Nach diesem Zusammenspiel binnendeutscher Himmelsrichtungen bleibt zu hoffen, dass derartige Wagnisse nebst der gelungenen Verschmelzung von Mainstream und Experiment auch künftig beibehalten werden. Dass damit eine Handvoll rein fernseherfahrener Karteninhaber verunsichert werden könnte, die viel zu voreilig den Saal räumten, gehört zum Risiko des Geschäfts. Viele andere werden sich allerdings in die neuen Welten hineingehört und daran ihre Freude gehabt haben. Immerhin sorgte der Trick mit großen Namen für ein ausverkauftes Opernhaus.

Das hätten auch die Folgekonzerte an den nächsten zwei Abenden verdient, als das gründlich edierte Programmheft mit Peter Brötzmann und Steve Coleman jeweils vergleichbar renommierte Größen verzeichnete. Das Trio „Full Blast“ blies zum einstündigen Felldröhnen, wie man es so nur noch ganz selten geboten bekommt. Energie pur, was der in Ehren gereifte Saxofonist da heraus-„brötzt“. Mit Marino Pliakas am E-Bass und Michael Wertmüller am Schlagzeug hatte der bald Siebzigjährige starke Partner um sich, die sich kräftig auf das volle Gebläse einzulassen verstanden.

Neue Farben im Zauberwald

Drei Trios an einem Abend, da musste im Vorfeld dramaturgisch klug entschieden werden, wer wem folgen darf. Quasi als Bindeglied zwischen deutschem Weltenbummel und amerikanischem Groove ging es im freien Fall zur frechen Erzählweise von „Three Fall“. Lutz Streun, Tenorsax und Bassklarinette, wirbelte mit dem Posaunisten Tilmann Schneider um Sebastian Winne am Schlagwerk herum, zauberte knappe Melodien, die sich zu Geschichten formten und mal purem Klangzauber, mal konkretem Thema gewidmet waren. Ein Mix aus lebenspraller Wildheit und gezähmtem Vortrag – wie ein Durchgangszimmer des „Klangpunkt Deutschland“, von dem aus es dann über den Großen Teich zu John Medeski, Billy Martin und Chris Wood gegangen ist. Auch das nur ein Trio, möchte man meinen, doch allein der Bühnenaufbau aus Hammondorgel, Konzertflügel, Wurlitzer, Synthesizer und weiteren Tasteninstrumenten sowie Percussion und E-Bass weckte einen Vorgeschmack auf das orchestrale Feuerwerk, das eine fast pausenlose Stunde lang abgefackelt worden ist. Ohne Punkt und Komma zischten Medeski Martin & Wood durch den Märchenwald der Stile. Wenn schon ihr Instrumentarium vielfältige Tonspektren garantierte, so sorgte ihr Können und der gemeinsame Drang, neue Farben anzurühren, für ein zauberhaft betörendes Kaleidoskop musikalischer Lust.

Der dritte Opernabend im nun bald fünfzigjährigen Haus wirkte mit Thärichens Tentett (am 24. Oktober im Dresdner Jazzclub Neue Tonne!), Nils Wolgram’s Nostalgia und Steve Colemans schlagzeugfreien „Five Elements“ im Rückblick etwas disparat. Drei Ensembles, die für sich genommen absolut fesselnd sind, boten in der Abfolge eines Abends aber viel jazzige Kopflast. Was freilich – nach so viel lautstark besungener Einheit – glaubhaft unter Beweis stellte, dass das Gespür für die leiseren Töne nicht verloren gegangen sein.

Nach derart energetischen Abenden hatte es die polnisch-dänische Gruppe Kattorna nicht leicht, weit nach Mitternacht noch die Nato zu füllen. Doch mit ihrem eklektizistischen Ost-Jazz gelang es ihr spielend. Gut besucht war dort auch die junge Band „schultzing“, die den Violinisten Mateusz Smoczynski featurte. Bemerkenswert waren auch Veranstaltungen mit Kinderjazz im Opernhaus und in der Kinderstation der Uniklinik. Einerseits das Panama-Ensemble und Inspektor Maus, dessen Feldzug wider Käsediebe die jüngsten Gäste doch etwas überfordert hatte, andererseits die bewährte Jorinde Jelen & The Fresh Boys mit ihrem ulkigen Radioprogramm aus Großmutters Röhrenapparat. Mit solchen Angeboten wird tatsächlich etwas für das Publikum von morgen und übermorgen getan.

Jazzige Trickfilmpoesie präsentierte das auch schon in Dresdens Schauburg-Kino gastierende Trio L:UV um Johannes Moritz (Saxofon, Klarinetten und Flöte), Timo Klöckner (E-Gitarre) und Philipp Rohmer (Kontrabass) im Passage-Kino, wo es deutungsvoll zu Raritäten aus dem DEFA-Archiv improvisierte. Der Schlussakkord zu den 34. Leipziger Jazztagen erklang a cappella in einem Kirchenbau und würdigte sowohl den 70. Geburts- als auch den 30. Todestag von John Lennon. Kein bekennender Jazzer, der Beatle, aber mit seinen unsterblichen Hits eine brauchbare Vorlage für das Vocalconsort Leipzig und Matthias Knoche, um daraus eine Mixtur aus 68er-Feeling und Kirchenchor zu quirlen, die Academixer-Pianist Ekkehard Meister mehrheitsfähig begleitet hat.

(Foto: Martin Morgenstern, Archiv)

05.10.2010Rezensionen