Schwedenstahl

Rezensionen

Schwedenstahl

Volvo und Saab sind längst schon verscherbelt, alle schwedische Individualität scheint vergessen. Kein Wunder bei einem Land, in dem heute noch an Könige geglaubt wird. Wohin das führt, sieht man dieser Tage in Belgien, bald wohl auch im britischen Himmelsreich und sowieso beim sogenannten Elchtest.

Alle schwedische Individualität? Hm, Abba ist in der Tat nur noch Abklatsch vom einst „heißesten Hinterteil der Welt“ – und den Rest an globalisierter Normierung besorgt ein auf den Geschmack eigenwilliger Namen gekommenes Möbelhaus, das an der weltweiten Geschmacklosigkeit prächtig verdient.

Und doch gibt es auch in Schweden klingende Beweise kräftiger Selbstbehauptung, wenngleich auf amerikanische – vulgo: U.S.-amerikanische – Einflüsse nicht mehr verzichtet werden kann. Die schwedische Band Oddjob gastierte am letzten April-Freitag im Jazzclub Neue Tonne und manifestierte dort, nur wenige Tage nach dem Abschluss des Dresdner Filmfestes ein Fest des Filmes ganz eigener Art. Die cineastische Party an einem einziges Abend. Es ging darin so schillernd zu wie klangvoll offen, bunt gemixt und spannend arrangiert, so pointiert wie kurzweilig. Die Präsentatoren – fünf junge Herren, Heroen geradeu, die sich stets die komplette Regie und sämtliche Rollen teilen –, spielten mit Saxofonen, Flöten, Klarinette, Trompete sowie diversen Schlag- und Tasteninstrumenten nebst elektronischem Zauberwerk auf, um einem einzigen Cineasten ihre Reverenz zu erweisen. Die fünf Buchstaben seines Vornamens sind Titel der aktuellen CD von Addjob: „Clint“ steht auf dem mit einem roten Revolver gestalteten Cover und lässt als einzige Assoziation nur eine Hommage an Clint Eastwood zu.

Der kann Ende Mai seinen 80. Geburtstag feiern und ist seit Jahrzehnten Bestandteil der internationalen Filmgeschichte. Anlass genug, dass die Schweden-Combo nach vier Alben mit Eigenkompositionen mal eine Konzeptscheibe präsentiert haben, auf der Titel von Ennio Morricone ebenso verfremdet sind wie die von Lalo Schifrin und Ron Goodwin. Ausnahmslos Kompositionen aus Filmen, in denen Clint selbst mitgewirkt („Dirty Harry“) oder Regie geführt („Pale Rider – Der namenlose Reiter“) hat. In letzterem Fall beides in Personalunion. Nicht fehlen darf da natürlich ein Song von Meister Eastwood persönlich, in der Tonne erklang er als Zugabe für ein stürmisch applaudierendes Publikum.

Der Superstar und ewige Jazzfan hat sich freilich nicht nur im 2007 entstandenen Anti-Kriegsfilm „Grace Is Gone“ als Filmkomponist erwiesen. Doch an der schwedisch gestählten Umsetzung sowohl der Hits aus Italo-Western als auch von eigenen Titeln dürfte der mit Hollywoods Oscars, venezianischen Löwen und französischen Césars geehrte Leinwandheld seine helle Freude haben. Eine aktuelle CD sei auf dem Weg zu ihm, hieß es.

Das Oddjob-Konzert im Jazzclub Neue Tonne beinhaltete dankenswerterweise auch einige Klangbeispiele früherer Alben und ließ plausibel werden, warum die tatsächlich nur aus fünf Leuten bestehende Truppe immer mal wieder dafür gepriesen wird, wie eine Bigband zu spielen. Ungebremste Spiellaune und virtuose Perfektion ergehen sich in einer fulminanten Klangfülle klug arrangierten Materials, um diese Band-Deutung zuzulassen.

 

CD-Tipp: Oddjob „Clint“ (ACT 9494-2)

02.05.2010Rezensionen