Wir machen Ihre Träume wahr! – Die Staatsoperette eröffnet die Saison mit „Der Vetter aus Dingsda“

Rezensionen

Wir machen Ihre Träume wahr! – Die Staatsoperette eröffnet die Saison mit „Der Vetter aus Dingsda“

So gut kann keine Operette sein. Bevor sich der Vorhang zur Premiere hebt stehen die Dresdner Oberbürgermeisterin und der  Staatsoperettenintendant davor. Er präsentiert die Schirmherrin der Aktion „Operette im Zentrum“, sie spart nicht an Intendantenlob. Für eine neue Dresdner Operettenrealität stehe sie ein. Frauenkirche war gestern. Die Zukunft gehört der Operette am Wettiner Platz als eines der wichtigsten Aushängeschilder unserer Kulturstadt. Deshalb begrüßt Frau Orosz die Spendenaktion, den neuerlich vereinbarten Lohnverzicht der Operettenmitarbeiter um 8 % bis 2013. Dann nämlich soll das neue Domizil der heiteren Muse eröffnet werden.

Seinen Stuhl kann man sich jetzt schon kaufen, aktuelle Stuhlspender werden namentlich genannt. Von wegen, Operette sei tot. „Totgesagte leben länger, sie haben die Erfahrung schon gemacht“, so Frau Orosz ans Publikum gerichtet, in freier Rede, was der Grund sein mag, dass sie lang wird und nicht immer ganz überlegt wirkt. Vorwärts, mit uns ins Zentrum! Nicht bange machen lassen, von „Miesepetern“, sagt sie auch noch, wen sie damit meint sagt sie nicht. Meint sie etwa diejenigen, die das teure Loch am Wiener Platz noch immer stört, und an nicht eingehaltene Versprechen erinnert oder diejenigen, die noch immer nicht von der absoluten Zukunftsfähigkeit des Genres überzeugt sind oder nur inzwischen sagen, dass sie von der Realität dieses Operettentraumes erst überzeugt sind, wenn im neuen Saal das Licht ausgeht.                  

Bis dahin geht vorerst das Licht in Leuben aus und auf der Bühne an. Zum fünften Mal, publikumssicher, für Eduard Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“, Text von Hermann Haller und Rideamus, aus dem Jahre 1921. Wie Operettenträume wahr werden, auch wenn schon wieder, wie im hinzuerfundenen Vorspiel, ein Bus abgefahren ist, das sieht man jetzt, ganz ohne Arg und Widerspruch, als buntes Traumspiel, inszeniert von Rita Schaller, Gattin des Intendanten, was der Stadtrat genehmigt hat. So viel Operettenpolitik war wirklich selten.

Was Paul Potts kann, kann Josef Kuhbrot schon lange: Hans-Jürgen Wiese (Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert)

Dafür wird’s auf der Bühne jetzt aber gar nicht politisch, gemütlich dafür sehr, das gefällt und wird am Ende mit frenetischem Beifall belohnt. Dieser ominöse Vetter heißt Roderich und ist der Traumromeo einer jungen Julia, die ihm vor sieben Jahren, als er verdrossen die Heimat verließ, ewige Treue schwor. In Ermangelung eines echten Romeo schwärmt Julia den Mond an, schwebt mit ihrem schönen Lied an den stahlenden Himmelskörper als Mondfrau über die Bühne, was optisch besser als akustisch funktioniert. Aber die muntere Peggy Steiner als erbschweres Mündel in der Obhut ihres so gierigen wie verfressenen Onkels samt dicker Tante hat ja noch etliche Gelegenheiten das Publikum mit ihrem Gesang zu entzücken. Etwa wenn sie mit ihrer liebsten Freundin Hannchen, quirlig, sprungfidel, sportiv mit Radschalg und Spagat Jeannette Oswald, flott davon singt, dass man solche Verwandte am liebsten nur von hinten sähe. Aber auch dann sind die die beiden ausgepolsterten Darsteller Hans-Jürgen Wiese und Silke Fröde nicht zu übersehen.

Das Publikum ist da ohnehin ganz anderer Ansicht als die jungen Damen im Park, am Pool oder auf einer Brücke, die in ihrer brachialen Wirkung an einen anderen teuren Traum der Stadt Dresden erinnert, aus dem ein Alptraum wurde, und jubelt am Ende den beiden unerschütterlichen Dicken solidarisch zu. Mit Frank Oberüber als überbeflissener Rotschopf Egon von Wildenhagen verhält es sich ähnlich, beide Frauen wollen den Frauenmissversteher nicht, das Publikum dafür umso mehr. Michael Heim als armer Wandergesell mit Rasta-Locken versteht nicht nur die Frauen, auch sein Handwerk als Tenor, verwirrt operettengemäß mit Schmalz und Schmelz und schneidet auf mit wilden Reiseberichten aus dem fernen Batavia, woher er schlau vorgibt, nach sieben Jahren heimzukehren.

Bei diesem schmissigen Tanz- und Gesangsstück lohnt der Blick zum Dirigenten. Andreas Hennig legt eine klatschende Tanznummer hin und reißt mit zu  anarchisch, wildem Spiel. Ja bitte, mehr davon! Die einfallslosen Choreografien Jens Naters setzen eh keine eigenen Akzenten, hier können sie gar nicht mithalten und ansonsten machen ein paar Schritte auf Spitze noch keinen Spitzentanz. Wir ahnen es, der Fremde, der sich hier ins gemachte Bett legt, das für ihn im Schlaraffenland aufgeschüttelt wird, ist nicht der Roderich, aber am Ende doch, auch wenn er August Kuhbrot heißt, der Romeo für unsere Operetten-Julia, die jetzt volljährig ist, ihr Erbe selbst verwaltet und ihre Träume sich erfüllen kann mit wem sie will.

Wesentlich schneller geht das alles mit dem richtigen Roderich. Marcus Günzel kommt aus Batavia, via USA, in einer Limousine XXXL. Ein Blick, ein Schnipsen, Hannchen ist hin, schon liegt sie flach, schneller als ein Burger runter gewürgt ist, ist das muntere Kind im Schnellverfahren in die Volljährigkeit gestoßen worden. Operettenfrauen wollen das so. Das Dienerpaar Karl und Hans, Florian Maser und Dietrich Seydlitz, gewandt, geölt, gewieft, macht jeweils passende Mine zum Spiel auf Barbara Blaschkes Bühne. 

Eine Operette im Zentrum Dresdens – bisher ein schöner Traum… (Foto: Kai-Uwe Schulte-Bunert)

Musikalisch mogeln sich in geschickten Arrangements immer mal auch ziemlich große Opernträume in den Operettenalltag. „Zauberflöte“ und „Carmen“ hatten wir ja schon in Leubener Versionen. Aber, sagt sich der Michael Heim, was der Paul Pott kann, das kann der August Kuhbrot schon lange und stimmt den Hit aus Puccinis „Turandot“ an. Da kommt ja was auf uns zu. Puccini als Volkstheater. Schlaraffenland für alle. Hier kann jeder singen was er will. Wie im Stadtrat, oder?

Nächste Vorstellungen: 17. und 18.09., ab 17.10. in neuer Besetzung

Übrigens: Allen Paaren, die am Freitag, 18. September zur Vorstellung noch einmal in ihre Hochzeitsgarderobe schlüpfen, bietet das Theater Eintrittskarten zum Sonderpreis von 10 € an. Auch wer nur noch den Schleier oder Zylinder findet, kommt in den Genuss eines günstigen Theaterabends. Kartenreservierung unter (0351) 207 99 99 möglich!

(Foto: nurmalso | photocase.de)

15.09.2009Rezensionen