Neuer Tango und alte Hasen: die fünften Dresdner „Jazzwelten“ werden am 6. Dezember mit einem Vorkonzert eingeläutet

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Neuer Tango und alte Hasen: die fünften Dresdner „Jazzwelten“ werden am 6. Dezember mit einem Vorkonzert eingeläutet

“Druck und Poesie, Wucht und Finesse”: das CNS live (Foto: PR, Karma)

Das nächste Festival JAZZWELTEN des Jazzclubs Neue Tonne Dresden wirft seine Schatten voraus – es wird vom 20. bis 28. März 2009 stattfinden, die

Arbeiten am Programm sind fast abgeschlossen. Aber schon jetzt wird der Dresdner Jazzclub mit einem ersten Vor-Konzert auf die JAZZWELTEN 2009 aufmerksam machen. Dafür hat er eine wirkliche „Überflieger-Band“ (O-Ton aus der „Tonne“) eingeladen, deren Konzert am 6. Dezember 2008 (21 Uhr) auf das verweist, worum es bei den JAZZWELTEN 2009 gehen wird: Das Contemporary Noise Sextet aus Polen bietet Jazz, „so kräftig, wild und charmant wie Filmmusik, Klänge im Spannungsfeld zwischen Druck und Poesie, Wucht und Finesse“. Wolfgang Zimmermann unterhielt sich für „Musik in Dresden“ mit dem Programmchef des JAZZWELTEN-Festivals, Mathias Bäumel, über das erste Vor-Konzert, das JAZZWELTEN-Konzept sowie einige Programmpunkte.

Für das Gastspiel des Contemporary Noise Sextets verwenden Sie den Begriff „Vor-Konzert zum 5. Festival JAZZWELTEN“ und geben ihm die Nr. 1. Kann ich daraus schließen, dass es noch weitere Vorkonzerte geben wird?

Ja, nach dem CNS-Konzert am 6. Dezember 2008 wird es ein zweites Vor-Konzert geben, mit dem wir auf unser JAZZWELTEN-Festival aufmerksam machen wollen: Am 28. Februar wird das Erik Truffaz Trio bei uns spielen. 


Das Contemporary Noise Sextet soll also eine Einstimmung sein auf die Art von Musik, die den Konzertbesucher im März erwartet?

Ja. Sowohl organisatorisch als auch von der Finanzierung her ist es ein „Tonne“-Clubkonzert, vom künstlerischen Anspruch her verweist es aber auf unser JAZZWELTEN-Festival und ist deshalb für eine erste Einstimmung bestens geeignet: Die Musik dieser Gruppe bewegt sich im Spannungsfeld von Jazz, Filmmusik und freier Improvisation. Sie ist auch echt „noise“: ein lauter und mutiger Balanceakt zwischen Melancholie, Geheimnis und lebendigem Rocksound. Das Ineinanderfließen von Klängen verschiedener Instrumente kreiert einen so energetischen Groove, dass es einem schwindlig werden kann. Das ist Jazz von heute! Genau das, was auch den programmatischen Kern der JAZZWELTEN generell ausmacht.

Das Festival 2009 trägt den Untertitel „Spannungsfelder“. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Spannungsfelder in der Musik des Contemporary Noise Sextets?


Abgesehen von dem eben Gesagten: Neben fulminanten Jazz-Expressionen und magischen Rockrhythmen erklingen trance-artige, groovige Soundflächen, Mojo-Club-ähnliche Dance-Beats und Einsamkeit symbolisierende, silbrige Trompetenmelancholie-Melodien… Wir wollen gerade solche Musik auf die Bühne bringen, die das Publikum in Dresden und der Region so in dieser Weise noch nicht kennt, und die neue Bedürfnisse weckt. Wer – wenn auch geringe – öffentliche Fördermittel erhält, hat auch eine Verantwortung.

Plant das Programm mit Tango nuevo und alten Hasen: Mathias Bäumel (Foto: K.H.)

Wobei das Immer-nur-Gleiche und Bewährte leider mehr Interessenten zieht als Neues, Unbekanntes und So-noch-nicht-Gehörtes. Ich beobachte auch im Jazz leider eine zunehmende Tendenz der Publikumsorientierung auf bekannte Namen.

Wenn wir diesen Trend auch noch durch unsere eigene Programmpolitik bedienen würden, handelten wir kulturell kontraproduktiv. Ich halte es für sinnvoller, lieber die musikalische Vielfalt zu vergrößern, die innovative Qualität der Angebote zu verbessern und heutigen Jazz wieder mehr als – symbolisch gesprochen – Schritt aus dem Salon hinaus ins Freie anstatt andersherum zu begreifen. Überall dort, wo öffentliche Gelder im Spiel sind, sollte es um Vielfalt und innovatorische Qualität gehen, nicht aber um das Vorantreiben der „Event“-Kultur oder um immer wieder neue Apotheosen des bereits Bekannten oder Berühmten. Denn immer noch gilt: Nur das, was dem Publikum an Vielfalt und Innovation angeboten wird, kann es wertschätzen. Musik, Jazz, nicht als Bedürfnis- sonders als Bedürfnisweck-Anstalt – diese Sichtweise sollte wieder mehr in den Vordergrund treten. 


Das klingt ganz so, als verteidigten Sie sich indirekt gegen die „Jazztage Dresden“, die seit November 2006 von der Agentur Grandmontagne in Dresden veranstaltet werden?

(lächelt) Nein, keineswegs. Schon seit der Neu-Gründung unseres Jazzclubs im November 2000 und ganz besonders von unserem ersten JAZZWELTEN-Festival im März 2005 an kommunizieren wir unsere konzeptionellen Ziele, Maßstäbe und Überlegungen, nach denen wir Monat für Monat unsere Clubprogramme und natürlich unser JAZZWELTEN-Festival zu gestalten versuchen. Damals war an Herrn Forsters „Jazztage Dresden“ noch nicht zu denken.

Stichwort Fördermittel: Ich teile Ihren Standpunkt bezüglich der Verantwortung des Empfängers. Doch habe ich das Gefühl, dass für den Jazzbereich geeignete Auswahlgremien fehlen oder dass solche Gremien wegen möglicherweise mangelnder Sachkenntnis einen ausgewogenen Fördermitteleinsatz nicht immer zustande bringen.


Sicher ist es für die jeweiligen Gremien nicht einfach, angesichts der großen Menge an Förderanträgen in der für die Auswahlarbeit zur Verfügung stehenden kurzen Zeit stets angemessene Entscheidungen zu treffen. Für den Jazz ist dies besonders schwierig, weil er sehr vielgestaltig ist und durch ständige „Kreuzungen“ mit allen möglichen sonstigen Musikformen brilliert. Zusätzlich erschwerend wirkt, dass keiner der ohnehin wenigen Jazzkenner aus Sachsen – deutschlandweit anerkannte Publizisten oder Wissenschaftler, die aber auch die Szene kennen – in solchen Gremien vertreten ist.

Was wären denn bessere Förderkonzepte?

Wir kennen ja die Anschubförderung und die Komplementärförderung. Im ersten Fall werden nur Projekte gefördert, die kommerziell vielversprechend sind, und sie werden gefördert, damit und bis sich das jeweilige künstlerische Projekt auch durchsetzt. Im zweiten Fall werden gerade solche Projekte gefördert, die ohne Förderung gar nicht existieren könnten. Anschubförderung ist also nichts weiter als eine Art Wirtschaftsförderung aus dem Topf der Kulturgelder. Manche Förderung von Projekten kommerzieller Veranstalter könnte sich sogar als Finanzhilfe für die Steuersparbemühungen solcher Veranstaltungsunternehmen erweisen. Komplementärförderung dagegen ist eine finanzielle Investition in die Vielfalt kultureller Angebote. Sie verfolgt das Ziel, einer Angebotsverarmung entgegenzuwirken. Genaues Hinschauen ist deshalb erforderlich, und nicht nur bei den Anträgen kleiner Vereine.

Wird das Programm der JAZZWELTEN 2009 beide Aspekte berücksichtigen: Bekanntes und Neues zugleich?

Wir haben die konkrete Programmplanung und die vertraglichen Vorbereitungen für den März 2009 noch nicht ganz abgeschlossen, deswegen möchte ich an dieser Stelle nicht vorgreifen. Ohnehin bedeutet „Bekanntes“ und „Neues“ auf dem Gebiet des zeitgenössischen Jazz etwas anderes als im Bereich der – sagen wir – Popmusik. Wenn man dort den Begriff des „großen Namens“ nutzt, meint man Musiker mit Welttourneen und Millionenumsätzen. „Große Namen“ im zeitgenössischen Jazz dagegen könnten in der allgemeinen Öffentlichkeit möglicherweise sogar unbekannt sein. Man denke nur daran, dass deutschlandweit verbreitete Monatsmagazine eine winzig kleine Öffentlichkeit von vielleicht 20.000 Abonnenten herstellen und CDs mit zeitgenössischem Jazz nur selten mehr als 1000 bis 5000 mal verkauft werden.

Feurig: die 5. Dresdner “Jazzwelten” (Idee und Umsetzung: Steffen Fabian auf der Basis eines Coverentwurfes einer CD des Contemporary Noise Sextets)

Andererseits: Künstler wie Aki Takase, Tomasz Stanko, Baby Sommer, Erika Stucky, Pino Minafra, Christy Doran oder Marc Ducret sind innerhalb der weltweit kleinen Gemeinde der Anhänger des zeitgenössischen Jazz wirkliche Weltstars – und sie waren alle bei früheren Ausgaben unseres JAZZWELTEN-Festivals dabei. Erik Truffaz wird ja – wie schon gesagt – unser zweites Vor-Konzert Ende Februar spielen. Doch hinsichtlich des Verhältnisses zwischen bekannten Stars und neuen, noch unbekannten Künstlern ergeht es uns, zumindest prinzipiell, nicht anders als Veranstaltern der zeitgenössischen E-Musik. Namen, die dort als Kult gelten, sind dem großen Publikum wohl eher unbekannt. Es muss ja nicht immer Andrea Bocelli sein…


Das Festival möchte ein Impulsgeber für innovative Musik sein. Dennoch fragen auch die Freunde dieser speziellen Musik zuerst nach bekannten Namen und entscheiden erst dann über ihr Kommen. Können Sie deshalb auch auf ein paar Highlights verweisen?


Wir planen ein Konzert mit der belgischen Kult-Band Univers Zero, die – hervorgegangen aus der Bewegung „Rock in Opposition“ – seit Mitte der siebziger Jahre Einflüsse der Kammermusik des 20. Jahrhunderts mit progressivem Rock, freiem Jazz und neuerdings Videokunst verbindet. Mit der japanisch-argentinischen Band Gaia Cuatro kommt es, wenn alles klappt, zu einer Begegnung von Tango Nuevo, japanischer Musik und zeitgemäßem Jazz; der Auftritt dieses Quartetts wäre eine Deutschlandpremiere.

Und schließlich planen wir auch die Wiederauferstehung eines alten Helden – mit Fermáta aus Bratislava wird das „Mahavishnu Orchestra“ des Ostens auftreten – erstmals überhaupt im Osten Deutschlands. Zur Erinnerung: Fermáta wurde von Frantisek Griglák aus dem „Collegium Musicum“ heraus gegründet, um noch zupackendere und eine etwas weniger gefällige Musik zu machen. Und schließlich soll es auch etwas ganz Besonderes geben: Ein Duett zwischen einem Alphorn und einem Glockenspiel – extra für Dresden konzipiert. Wir wollen im Laufe des Januar das Festival-Programm zunächst im Internet auf den Seiten des Jazzclubs Neue Tonne und der JAZZWELTEN bekannt geben.

04.12.2008Interviews