
Der Karneval hat es in Dresden schwer – so ließ sich 2018 der damalige Präsident des „Dresdner Carneval Clubs“ (DCC), Michael Thiele, in der Sächsischen Zeitung zitieren. Heute hat sich neben dem DCC, der sich nach der virenbedingten Zwangspause wieder einigermaßen berappelt hat, eine weitere Initiative dem bunten Treiben verschrieben. Der „Elbvenezianische Carneval“ feiert dieses Jahr bereits sein erstes kleines Jubiläum. Vom 13.-15. Februar feiert man die fünfte Auflage des Maskenfestes. Zeitgleich erscheint ein kleiner historischer Ausflug zu den früheren Höhepunkten des Dresdner Karnevals in Buchform.
Der Beutedresdner Christoph Münch hat nämlich ein Brevier auf der Basis überlieferter Akten aus dem früheren Hofmarschallamt (heute im Hauptstaatsarchiv) verfasst. Es ist wie ein kurzweiliger historischer Fortsetzungsroman angelegt: Mit den Augen der Zeitgenossen betrachten wir in chronologisch abgeteilten Kapiteln die karnevalistischen Bestrebungen des Dresdner Hofes, die unter Kurfürst Moritz begannen und unter August dem Starken ihren Höhepunkt erreichten.
Es lohnt sich durchaus, nach den Wirrungen des 20. Jahrhunderts (dazu später) noch einmal in die Geschichte des elbvenezianischen Karnevals zu blicken. Ein perfekter Einstieg für mich war es da, mit dem Büchlein in der Hand einmal durch die Gemäldegalerie zu flanieren. Hier hängen die beiden berühmten Bilder »Caroussel Comique« und »Aufzug im Zwinger« des Malers Johann Alexander Thiele (1685-1752), und nicht weit von ihnen die Veduten Canalettos und Bernardo Bellottos, die eine seelische Verbindung zwischen Venedig und Dresden mit Leichtigkeit knüpfen lassen. Ein weiteres interessantes Werk, Caspar van Wittels »Piazzetta und Dogenpalast in Venedig«, zeigt das berühmte Bucintoro, die Staatsgaleere des Dogen, die August den Starken bei seiner Kavaliersreise bekanntlich dazu anregten, für seine Hochzeit eine eigene Prunkgondel bauen zu lassen.
Durch den van Wittel wurde ich gleich an einen »Bucintoro« Canalettos erinnert, der sich heute im MNAC, im „Museu Nacional d’Art de Catalunya“ in Barcelona befindet. Auf diesem Bild entdeckt der aufmerksame Betrachter in der unteren linken Ecke mehrere geheimnisvolle Maskierte, die offenkundig dem venezianischen Karneval entsprungen sind. Dass diese malerische Inszenierungen mit dem Himmelfahrtstag (an dem der Doge mit dem Bucintoro auslief) datumstechnisch kaum übereinanderzubringen waren, wie Stephen Fry hier an einem ähnlichen Gemälde feststellte, soll uns nicht weiter bekümmern – alles ist Spaß auf Erden, wie wir Musikliebhaber wissen.
In diesem Sinne wäre auch Christoph Münchs kleines Büchlein zu lesen – gutgelaunt lässt man sich von ihm in die Anfänge des sächsischen Karnevals entführen. Dass Münch es – wie Canaletto und ja auch Thiele, der etwa Zwingerteile in seinen Bildern malte, die nie gebaut wurden – mit der historischen Wahrheit nicht pedantisch genau nahmen, gibt der Autor im Nachwort freigiebig zu. Einige Anekdoten in den »Geschichten zum Carneval« scheinen mir zudem von höheren digitalen Mächten halluziniert zu sein; zumindest riechen einige leicht schiefe Formulierungen und allzu außergewöhnlich absurde Alliterationen danach, die in immer demselben Satzbau (Vorm Absatzende ein Gedankenstrich bzw. Doppelpunkt, dann eine Aufzählung) wiederkehren. Beispiele gefällig? „Der Tanz endet mit einer Drehung, einem Knicks, einem Verbeugen. Die Gäste schweigen noch kurz – dann: Applaus, höfisch, gedämpft, ehrerbietig.“ (S. 32) „Ich brauche Euch alle – auf höchstem Niveau. Mit Präzision, Glanz und Feuer.“ (S. 41) „Was 1613 als Ringrennen unter Planeten begann, wird nun, in diesem Bau, zu Musiktheater: lebendig, vollkommen, barock.“ (S. 69) „seine Vision: die Verbindung von Macht, Kunst und Repräsentation.“ (S. 72) „Der Krieg hatte alles verzehrt – Menschen, Münzen, Mut.“ (S. 76) „Sachsen ist reich, gebildet, wehrhaft, aber auch weltläufig.“ (S. 81) „Der Hof verwandelt sich – nun nicht mehr in Bauern oder Bäcker, sondern in olympische Götter.“ (S. 119) „Kapitalien, Kassengelder und der Kredit der Landstände!“ (S. 135) „Wackerbarth steht einen Augenblick still, sieht in die Flut von Masken und Lichtern, und weiß: das Caroussel ist nicht länger nur eine Idee – es ist in Arbeit, und er hat den Ablauf so gelegt, dass Bühne, Gesellschaft und Pferde schließlich ineinander greifen werden.“ (S. 137)
Zusammengefasst: Menschen, Münzen und Mut braucht es, um den karnevalsmuffligen Sachsen nach dem Faschingsdienstag 1945 (der im Buch nachdenkliche Erwähnung findet) wieder ein bisschen venezianische Leichtigkeit und Humor einzuhauchen. Schön, dass dem krachhumoristischen Funkenmariechen-Saalfaschingsgedöns des DCC, mit dem sich zumindest in meinem Bekanntenkreis wenige abgeben mögen, nun noch ein feines, leichtes, sozusagen höfisch infiziertes Bild eines elbvenezianischen Carnevals der Neuzeit zur Seite gestellt wird. Vielleicht ist die Elbtal-Festlichkeit zwischen den legendär anarchistischen DDR-Hochschulfaschings und den bling-bling-Semperopernball-Roben doch noch nicht ganz ausgereizt?


Christoph Münch
DRESDNER LUSTBARKEITEN. Geschichten zum Carneval.
BoD, ISBN 978-3-8192-2413-3.
194 Seiten, 18€