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Ein Wettbewerb am anderen Ende der Welt

Alle Fotos: privat

Eine halbe Stunde vor Wettbewerbsbeginn reißt mir beim Einspielen eine Saite. Kaum bin ich zehntausend Kilometer von daheim entfernt, passiert mir sowas! Aber man ist ja Profi. Ersatzsaiten habe ich dabei, und dank hilfsbereiter Wettstreiter ist die Gitarre bald wieder einsatzfähig. Draußen mögen tropische Temperaturen herrschen, aber der Vortragssaal ist auf gefühlte 18 Grad herunterklimatisiert. Nach dem kurzen Stresstest kann ich auf meiner Gitarre die ersten Töne erklingen lassen. Herzlich willkommen beim »Asia International Guitar Competition & Festival« in Bangkok!

Schauplatz des Wettbewerbs ist das Siam Ratchada Auditorium in Fortune Town, Din Daeng, einem alten Stadtteil von Bangkok. An den Wänden gerahmte Bilder, edler Parkettboden, und hinten im Saal ein erhöhtes Podest mit den fünf Juroren, die die entsprechende Wettbewerbsatmosphäre heraufbeschwören. Ich starte mit Bach, Präludium BWV 998. Das Stück begleitet mich seit vielen Jahren, ich beginne gerne mit dieser sakral anmutenden ruhigen Musik. Dann zwei schnellere, virtuosere Stücke: »Felicidade« von Antônio Carlos Jobim, und zum Abschluss den dritten Satz aus Joaquin Rodrigos »Sonata Giocosa«, der ’scherzhaften Sonate‘. Nach meinem Vortrag bewundere ich die Interpretationen anderer Wettbewerbsteilnehmer. Villa-Lobos, Barrios, Giuliani, Sor – neue, unbekannte Stücke erklingen, und meine Repertoire-Liste erweitert sich schlagartig rapide. Zum Abschluss des ersten Festivaltages werden die Ergebnisse bekannt gegeben. Ich bin ins Finale eingezogen, das gilt es zu feiern! Mit zwei anderen Festivalteilnehmern buche ich einen Billardtisch und spiele, dem Jetlag geschuldet, bis drei Uhr morgens.

Die Entscheidung, am Wettbewerb teilzunehmen und diese weite Reise nach Asien anzutreten, war nur zwei Wochen zuvor gefallen, früh halb vier in einem Hostel in Mailand, bei Stromausfall. Wegen schnarchender Mitbewohner war an Schlaf nicht zu denken, und mein Fernweg meldete sich. Obwohl das Semester in Dresden schon begonnen haben würde, beschloss ich, nach Bangkok zu fliegen, in eine Weltgegend, die ich noch nie bereist habe. Nachdem ich die Teilnahme am Tag drauf mit meinen Professoren abgesprochen hatte, buchte ich Zug, Flug und Hotel. Mein Kommilitone Xiaoshang Guo war direkt hin und weg von der Idee und beschloss spontan, mitzukommen. Unsere Motivation? Die klassische Gitarrenszene in Asien kennenlernen und eine unbekannte Region der Erde erleben…

Wat Arun Ratchawararam Ratchaworamaha Wihan, der »Tempel der Morgenröte«

Das Gitarrenfestival feierte am ersten Oktoberwochenende bereits sein 25-jähriges Jubiläum. Konzerte, Meisterkurse, eine Instrumentenausstellung und die Wettbewerbe bildeten das abwechslungsreiche Programm. Neben zwei Jugendwettbewerben für junge Gitarristen stand die Open Competition, in der ich antrat, klassischen Gitarristen aller Nationalitäten ab 18 Jahren offen. Dieser Wettbewerb lockte Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern an. Neben Südkorea, Indien, China und natürlich Thailand selbst traf ich einen neuseeländischen Gitarristen und vertrat selbst als Europäer eine nochmal ganz andere Region der Erde.

Am Spätnachmittag des letzten Festivaltages schloss mein Vortrag die Finalrunde ab. Mein Programm: Paganinis »Sonate e-Moll, op. 3, Nr. 6«. Wie lange ich an diesen Terzsprüngen gearbeitet habe, die die Leichtigkeit einer tanzenden Geigenmelodie darstellen sollen! Da stellen die beiden »Chôros« von Villa-Lobos, die die Rhythmik der Mazurka und Gavotta mit der Musik Brasiliens verschmelzen, geradezu eine Entspannung da. Um noch eine andere Epoche zu präsentieren, entschied ich mich, mit der fulminanten »Cavalcade« des zeitgenössischen Komponisten Mathias Duplessy zu enden – der Komponist spielt genreübergreifend mit Elementen aus Flamenco-, Folk- und klassischer Gitarrenmusik. Nachdem ich mein persönliches Ziel, ins Finale zu kommen, bereits erreicht hatte und meine Hände an einem Kaffeebecher gewärmt hatte, um auf den kalten Saal vorbereitet zu sein, konnte ich die Finalrunde wirklich genießen.

Die Preisverleihung findet nach dem Abschlusskonzert von Xuanxuan Sun und Philippe Villa statt. Alle Teilnehmer erhalten Urkunden, die ersten drei Preisträger zusätzlich Sachpreise. Dazu gehören Sosuke Sakagami, Pachara Seehanern und Suphakorn Sumiphun. Einen der zwei zusätzlich vergebenen Merit Prizes, im Deutschen am besten übersetzt mit einer zusätzlichen Würdigung der musikalischen Leistung, darf ich mit nach Hause nehmen.

Unglaublich viel habe ich aus dieser erlebnisreichen Woche mitgenommen. Während des Festivals besuchte ich Meisterkurse von Paul Galbraith und Xuanxuan Sun und die Konzerte der internationalen Künstler. Insbesondere Paul Galbraiths Interpretation einer Fantasie von Dowland und seine Bearbeitung des Stücks für eine achtsaitige Konzertgitarre zählten für mich zu den Höhepunkten. Mit Aadik, einem Wettbewerbsteilnehmer aus Indien, nahmen wir Videos vor der Skyline Bangkoks auf und tauschten uns über die verschiedenen Gitarrenszenen der Welt aus. Er überlegt, zum Gitarrenstudium nach Deutschland zu ziehen. Nach meinen Einblicken aus dem Studium hier in Dresden ist die Hochschule für ihn zu einer ernsthaften Option geworden. Vielleicht laufen wir uns hier also bald wieder über den Weg?

Die Tage in Bangkok haben mir darüber hinaus eine völlig unbekannte Kultur nähergebracht. Allein die klimatischen Unterschiede zu unserem Leben in den gemäßigten Breiten mit der tropischen Hitze und der Monsunzeit dort waren eindrücklich. Große Überschwemmungen hatten uns schon bei der Hinreise vor Herausforderungen gestellt. Nach einer Umbuchung unserer gestrichenen Flüge konnten wir dann kurz vor der Landung aus der Luft das Ausmaß der Nachwehen der Sturzflut beobachten.

Ganze Straßenzüge der Stadt waren überschwemmt. Die ganze Woche über liefen die Menschen, wir eingeschlossen, in Crocs und Flipflops durch die Stadt, da man durch den schnell einsetzenden Starkregen damit rechnen musste, innerhalb von Minuten durch bis zu den Knöcheln stehendes Wasser auf den Straßen waten zu müssen. Neben den klimatischen Bedingungen stießen wir hier in dieser Megacity, in der über 15 Millionen Menschen leben, auf eine Mischung aus Tradition und modernem, lautem und schnellem Großstadtleben.

Neben den berühmten, schmuckvoll verzierten alten Tempeln Wat Arun, Wat Pho, dem Palast der Könige von Siam, den alten Kanalvierteln von Thonburi und dem bunten Chinatown stehen Wolkenkratzer wie der King Power Mahanakhon mit einer Höhe von 313 Metern. Tradition spielt in dieser Stadt immer noch eine wichtige Rolle. Ob es die heiligen Stätten mitten an einer Kreuzung sind oder die rituellen Tänze und Bänder bei einem Muay-Thai-Kampf im Rajadamnern Stadium. Ich war nachhaltig beeindruckt von diesem Kontrast zu meinem Alltag hier in Dresden.

Jacob Kramer wurde 2005 in Augsburg geboren. Seit Herbst 2025 studiert er an der Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber« Dresden im Bachelor Jazz/Rock/Pop – Akustische Gitarre.

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