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Totentanz und Nachtmusik

Foto: Oliver Killig

Jörg Widmann hat am Wochenende sein Debüt als Capell-Compositeur und Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle gegeben. Orchester, Klarinettist, Komponist, Dirigent und Moderator verstanden sich bestens – das Publikum war ganz aus dem Häuschen!

Totentanz und Nachtmusik, eine Fantasie ohne Takt und Komma sowie eine Sinfonie voller Zitate – passt das zusammen? Noch dazu in einer Erstbegegnung des komponierenden Interpreten, der das Orchester inspirierend dirigiert, obendrein moderierend durch den Konzertabend führt und dann auch noch tanzend zum Blickfang gerät?

Und wie das passt! Jörg Widmann, in der aktuellen Spielzeit in Personalunion als Capell-Compositeur und Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle nach Dresden geladen, erfüllt dieses doppelte Ehrenamt sichtlich mit Inbrunst. Mit einer emotionalen Hingabe, die sich hörbar aufs Orchester und ebenso auf das gemeinsame Publikum im Kulturpalast übertragen hat, das er mit sparsam gesetzten Worten kenntnisreich auf die Programmmfolge einzustimmen vermochte. Viel zu viel Plätze sind freigeblieben an diesem Abend, leider, der dem zwiefachen Jubiläumsjahr des vormaligen Hofkapellmeisters Carl Maria von Weber denkwürdig eine Krone aufgesetzt hat.

Nur logisch, dass der Schöpfer des »Freischütz« im Auftakt des mit »Romantik pur!« überschriebenen Abends zu hören gewesen ist. Webers 1815 vollendetes Quintett für Klarinette, zwei Violinen, Viola und Violoncello B-Dur op. 34 gab es zur Einstimmung, hier freilich in der Orchesterfassung, die als sauberstes Streichertutti wie in einem einzigen Ton anhob. Widmanns Klarinetensolo mischte sich da in unverwechselbarer Klarheit hinein, spielerische Freude ausstrahlend, vergnügliche Leichtigkeit und eine geradezu szenische Dramatik. Schon hier wurde deutlich, wie sehr sich Widmann und die Kapelle verstanden, als wären sie einander schon langjährig vertraut. Da ertönte die Klarinette mal wie aus dem Nichts, fabrizierte höchste Virtuosität und meisterte auf bassiger Grundierung famose Seiltänzereien.

Eine vorgezogene Mitternachtsstimmung erzeugten dann die zwölf von Flügel und Harfe ins Orchester gesetzten Zeitzeichen in Widmanns »Danse macabre«, denen eine aufständige Erweckung der Toten gefolgt ist. Sie tanzten durch ein musikalisches Zitatenreich und tönten mal ausgelassen an fröhliche Urständ erinnernd, mal sentimental, dann wieder überschwänglich und perkussiv, als wollten sie zu italienisch schwarzen Filmmusiken anstimmen und die mit aberwitzig komischen Hörbildern aufpeitschen. Eine Musik, erst 2022 in Paris uraufgeführt, die nach Choreografie und vor allem nach wiederholter Aufführung geradezu schreit. Diese Botschaft dürften sowohl die Musikerinnen und Musiker der Kapelle, die das nur knapp zwanzigminütige Werk unter Widmanns Leitung kongenial umgesetzt haben, ebenso verstanden haben wie die rührigen Gestalter künftiger Konzertprogramme.

Jörg Widmanns nach der Pause erklungene Fantasie für Klarinette solo hat der Komponist im Alter von 19 Jahren geschrieben und damit seitdem immer mal wieder brilliert. Ohne Webers Einfluss sei dieses auf Taktstriche verzichtende, auf- und abflimmernde Solostück undenkbar, betonte der Capell-Virtuos. In brillantester Weise verwob er unterschiedlichste Tempi, pieckste Kontraste in den mitreißenden Fluss, die mal jiddischen, mal jazzigen Ursprung verrieten.

Dass Widmann nichts dem Zufall überlässt, ist von ihm bekannt. Und so sieht er sich auch im Programmieren seiner Konzerte als komponierend an, fügt passende Stücke zusammen, garniert sie mit vermeintlichen Fremdkörpern, auf dass sich unterm Strich dann ein komplexes Gefüge ergibt und ein jedes Werk mit den anderen korrespondiert. Folglich wirkte das Finale dieses Debütkonzertes wie ein logischer Abschluss, als wäre unter dem Titel »Romantik pur!« ein anderer Schluss gar nicht denkbar gewesen. Die »Reformations-Sinfonie« von Felix Mendelssohn Bartholdy, gemeinhin als dessen Fünfte bekannt, ertönte sowohl zur Huldigung des einstigen Gewandhauskapellmeisters, für den Widmann nur zu gern eine Lanze brechen wollte, als auch mit Verweis auf das musikalische Erbe von Dresden. Denn in der zumeist perlenden Melodiefülle dieses Opus’ stecken geradezu leuchtende Augenblicke, die im mehrfachen Anklingen das sogenannte »Dresdner Amen« zum Strahlen gebracht haben, um im ausklingenden Luther-Choral einen Schlussstein mit gehörigem Ohrwurm-Potential zu setzen.

Dieses Antrittskonzert von Capell-Compositeur und Capell-Virtuos dürfte ohne jede Übertreibung eine enorme Menge an Widmann-Fans sowohl in den Reihen der Sächsischen Staatskapelle als vor allem auch beim Dresdner Publikum erzeugt haben. Wer diesen glanzvollen Abend verpasst hat oder noch einmal nachhören mag, hat am kommenden Freitag (25. September ab 20.03 Uhr auf MDR Kultur und MDR Klassik) die Gelegenheit dazu. Es lohnt sich.

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