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Musikalischer Klimawandel

Foto: Oliver Killig

Die Sächsische Staatskapelle Dresden fährt heute auf Europa-Tournee. Gemeinsam mit ihrem Chefdirigenten Daniele Gatti gastiert das Orchester bei renommierten Festivals und in bedeutenden Konzertsälen. Im Tourprogramm: Mahlers Sechste. Einige Gedanken.

Zuhause und auf Tour – die Staatskapelle beschäftigt sich unter Daniele Gatti seit einiger Zeit mit Gustav Mahler. Bevor die Musiker übermorgen in Slowenien dessen Sechste Sinfonie spielen werden, sei noch kurz auf die Aufführung in Dresden am letzten Sonntag zurückgeblickt.

Die „Sechste“ war ein Nachholtermin – das Orchester hat sie schon Ende letzten Jahres erarbeitet, eine Erkrankung des Dirigenten verhinderte die Aufführung. Nun hat Gatti seine Sicht auf die „Sechste“ im ersten Symphoniekonzert der Saison darlegen können. Bis zum letzten überzeugen konnte er mich nicht – und wiederum ist es bedauerlich, dass die Sinfonie vor der Tournee und nicht mit den gespielten Kilometern in den Knochen, mit der Erfahrung mehrerer gemeinsamer Aufführungen, für die Gesamteinspielung aufgenommen wurde. Zumindest in der Aufführung vom Sonntag vermisste ich ein klares Konzept. Viele der Tempi, die Mahler äußerst genau vorschreibt („Etwas zurückhaltend“ → „Etwas drängend“ → „Nicht schleppen!“ → wieder „Etwas drängend“ → „allmählich wieder zurückhaltend“ → „Zeit lassen!“ → „Molto rit.“ → „Langsam.“), müssen im Orchester gemeinsam empfunden werden, und hier hakte es manchmal zwischen hohen Streichern und Bläsern. Der zweite Satz erstarb letztendlich, wurde von Gatti bis zum völligen Stillstand gebracht, mit einer langen Pause danach. Ein „morendo“ kann ich hier in der Partitur nicht finden – und empfand es etwas unnachgiebig gegen den musikalischen Fluss gearbeitet.

Gatti hat diese Klänge von aller Alpentaligkeit befreit. Was wir in dieser Sechsten hören, ist eine Welt, die langsam vom Klimawandel zerstört worden ist. Nichts fließt mehr, alles bröckelt. Erstarrt. Staubwolken. Saurer Regen. Mahlers grüne Täler kommen irgendwie nur in fliehenden Träumen, in Sehnsuchtsfantasien vor, bevor man sich weiter durch die trockenen Ebenen schleppt.

Diese Lesart mag moderner sein als die von Myung-Whun Chung vor gut elf Jahren. Schon bei ihm erschien diese Musik zutiefst zerrissen, verstört, mit plastischen Schmerzensmalereien. Aber ich hatte damals das Gefühl, einem Kampf beizuwohnen, einem wilden Aufbegehren! Alexander Keuk schrieb damals wohl von einer „Geröllwüste aus musikalischen Fetzen“, aber eben auch von einem „in einem einzigen Bogen schwingenden ernsten Gesang“ – eine „kantable, dennoch mit schmerzlichem Ausdruck versehene Insel innerhalb der sinfonischen Höllenfahrt.“ Diese fließenden Gesänge, diese kantablen Klagen fand ich in Gattis Interpretation noch nicht ausreichend ausgeformt. Ich bin gespannt darauf, dies alles noch einmal in Ruhe auf CD nachhören zu können.

Tournee zum Saisonauftakt

Samstag, 5. September 2026, 16 Uhr
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern
Landgestüt Redefin

Montag, 7. September 2026, 20 Uhr
Ljubljana Festival
Cankarjev Dom

Dienstag, 8. September 2026, 20.30 Uhr
Il Settembre dell‘ Accademia 2026 festival internazionale di musica
Verona, Teatro Filarmonico

Mittwoch, 9. September 2026, 20.30 Uhr
Il Settembre dell‘ Accademia 2026 festival internazionale di musica
Verona, Teatro Filarmonico

Donnerstag, 10. September 2026, 20.30 Uhr
Merano Festival
Meran, Kursaal

Samstag, 12. September 2026, 18 Uhr
Künzelsau, Carmen Würth Forum

Sonntag, 13. September 2026, 19 Uhr
Wrocław, National Forum of Music

Daniele Gatti Dirigent
Beatrice Rana Klavier

Programm I
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 6 a-Moll

Programm II
Ludwig van Beethoven
»Egmont«-Ouvertüre op. 84
Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58

Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

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