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Wo Schätze klingen und Chöre singen

Wilfried Krätzschmar (Foto: Martin Morgenstern)

Das Musikfest Erzgebirge nimmt die Tradition der „Erzgebirgischen Sängerfeste“ auf und hat für sein Eröffnungskonzert ein neues Oratorium beauftragt.

Vor 180 Jahren summte es im kleinen erzgebirgischen Schneeberg wie in einem Bienenkorb: Das „Dritte Obererzgebirgische Männergesangfest“ stand an. Wie die beliebte Männerchorzeitschrift „Teutonia“ in ihrer zwanzigsten Ausgabe berichtete, beteiligten sich knapp zwei Dutzend Vereine. Chöre kamen aus Aue, Buchholz, Eibenstock, Grünhain, Schlettau, Schwarzenberg und Zwönitz, sogar aus dem kleinen Elterlein. „Sie hatten ein Contingent von nahe an sechshundert Sängern gestellt, und diese vermochten denn, im Verein mit 60 Instrumentalisten schon eine imposante Wirkung hervorzubringen“, staunte der Rezensent. Er lobte auch „das freundliche Entgegenkommen der biedern Bewohner Schneeberg’s“ und „ihre innig-gemüthliche Betheiligung am Feste“. Die zeigte sich unter anderem darin, dass das kleine Städtchen trotz „der enormen Hitze jener Tage“ überschwänglich mit Blumen und Kränzen geschmückt worden war.

Zum großen Sängerfest in der Kirche erklang nach einem pompösen Festumzug ein buntes Potpourri: Psalmen und Festchoräle, Hymnen und am Schluss Händels „Hallelujah“, zweichörig für Männerstimmen arrangiert vom Schneeberger Kantor. Beim Publikum kam das alles übrigens nur so mittelmäßig an. „Sprach doch ein grosser Theil seine Langeweile unverholen aus!“, notierte der Kritiker. Besser verfing die folgende Freiluftveranstaltung mit dem „Sachsenlied“ und dem kuriosen, sicherlich hochpathetischen Werk „Des Weltalls Muttersprache“ eines heute vergessenen Musikpatrioten.

Nun ist der Intendant des Musikfestes Erzgebirge, Hans-Christoph Rademann, zwar Schwarzenberger. Aber das Schneeberger Großereignis von 1846 wird ihm im Hinterkopf gewesen sein, als er vor fünf Jahren beim Dresdner Komponisten Wilfried Krätzschmar ein neues „Erzgebirgsoratorium“ für Schneeberg in Auftrag gab. Das Eröffnungskonzert des Musikfestes, bei dem das neue Werk heute erstmals erklingt, steht seinerseits in einer jüngeren Tradition. Schon 2010, bei der ersten Ausgabe des Musikfestes Erzgebirge, ließ Rademann die großen Sängerfeste wiederaufleben – mit eben jenem Händelschen „Hallelujah“. Sechshundert Sänger wird der Dirigent zwar diesmal nicht ganz zur Verfügung haben. Aber es ist trotzdem jedes Mal ein beachtlicher Riesenaufwand, die Hunderten Mitwirkenden aus den Chören und Kantoreien des Erzgebirges zusammenzuholen. Ein halbes Jahr haben sie für das Konzert geprobt. Vor einigen Tagen trafen sich erstmals alle gemeinsam.

Der Komponist Wilfried Krätzschmar hat ihnen eine Huldigung der erzgebirgischen Schätze in den Mund gelegt. „Der Titel des Oratoriums soll bewusst machen, welche Fülle an wertvollen Schätzen in der Musiklandschaft des Erzgebirges mindestens gleichwertig neben den anderen besteht“, erzählte mir Krätzschmar bei einem Besuch in seiner Komponierstube. Wichtig ist ihm, dass das Werk dabei nicht in falsches Pathos gerät. „Tümeln“ solle es gerade nicht, lacht er. Die kulturelle Identität des Erzgebirges soll selbstbewusst in die Welt getragen werden, statt sich abzukapseln. Die Nachricht des neuen Erzgebirgsoratoriums lautet: „Geht sorgfältig mit diesem Schatz um, behütet ihn, und lasst ihn ausstrahlen in die Welt.“

Genau dieser kitzlige Anspruch ist seit Beginn der Kern des Musikfestes: ein künstlerisch international konkurrenzfähiges Festival in einer Gegend zu machen, die noch nicht einmal ein einziges Fünf-Sterne-Hotel für kulturwütige Festivaltouristen hat. Die Musikschätze und der landschaftliche Reiz sind es, die das Musikfest zum Erfolg gemacht haben. Rademann und sein Mini-Team haben für die Ausgabe 2026 wieder ein vielfältiges Programm erdacht. Am Sonntag liest Corinna Harfouch in Thum Gedichte Johann Christian Günthers, begleitet von Stefan Maass. Am Abend bringt Václav Luks mit Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704 Musik von Durante, Scarlatti und Zelenka nach Thalheim. Einen Tag später feiert German Brass in Schwarzenberg-Neuwelt sein 50-jähriges Bestehen.Besonders gut zum Anspruch des Festivals passen zwei Veranstaltungen, bei denen tatsächlich musikalische Schätze gehoben werden. Am Dienstag führt das Ensemble Polyharmonique in Mildenau Werke auf, die in Kirchenarchiven von Augustusburg und Schwarzenberg wiederentdeckt wurden. Darunter ist Samuel Seidels lange verschollenes Geistliches Ehren-Kräntzlein. Am folgenden Wochenende wird es dann buchstäblich unterirdisch: LaTriviata München improvisiert am 12. September eine Oper in den Zinnkammern Pöhla. Den Schlussstein setzt einen Tag später Mendelssohns Elias in der Schwarzenberger St. Georgenkirche, mit dem Dresdner Kammerchor und der Capella Cracoviensis unter Rademanns Leitung.

Zum Weiterlesen

Teutonia. Literarisch-kritische Blätter für den deutschen Männergesang, Jg. 1846
Bericht über das Dritte Obererzgebirgische Männergesangfest in Schneeberg, Nr. 20, S. 307–322.

Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 25, 1846
Bericht über das Schneeberger Sängerfest in mehreren Folgen im September 1846.

Sebastian Nickel: Männerchorgesang und bürgerliche Bewegung 1815–1848 in Mitteldeutschland
Wissenschaftliche Darstellung zur Sängerbewegung des Vormärz.

Deutsche Digitale Bibliothek: Erzgebirgischer Sängerbund
Zur Geschichte des 1862 gegründeten Sängerbundes.

Neue musikzeitung, 2010: „Irgendwie ist alles eine Frage der Perspektive“
Bericht über die erste Ausgabe des Musikfests Erzgebirge und Rademanns Sängerfest mit elf Kantoreien und Händels Messiah.


Musikfest Erzgebirge 2026 – Gesamtprogramm
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