
Titelmotiv und alle Abbildungen aus: Martin Morgenstern, »Henze-Sakramente« (2012-2020). (Quelle: Deutsche Fotothek)
Erinnerungen an einen wunderbaren Menschen und Musiker
Hans Werner Henze hat Dresden sehr viel bedeutet. Ein Satz, in dem Subjekt und Objekt ausnahmsweise mal austauschbar sind. Der am 1. Juli 1926 im westfälischen Gütersloh geborene Komponist geriet als Kind seiner Generation und eines nationalsozialistisch gesinnten Vaters (der Homosexualität als „Sache fürs Konzentrationslager“ wertete) in das bislang dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und hätte darin – ähnlich wie Dresden – beinahe den Untergang gefunden. Im Gegensatz zu dieser Stadt, die er in späteren Jahren dennoch sehr schätzte, hat Henze aus dieser Zeit konsequent Lehren gezogen.
Die restaurativen Wirtschaftswunderjahre in Westdeutschland trieben den Feingeist ins Sehnsuchtsland Italien, wo er sowohl seine Liebe als auch die kommunistischen Ideale, vor allem aber den intellektuellen Anspruch für lebbarer hielt! Als KPI-Mitglied wurde er, der sich vom Korsett der Darmstädter Ferienkurse ohnehin seiner Atemluft und Entfaltungslust beraubt fühlte, beizeiten in die DDR eingeladen und galt in Dresden wie in Leipzig (dort vehement unterstützt durch Fritz Hennenberg, den damaligen Konzertredakteur des Rundfunk-Sinfonieorchesters) als genehmer Gast aus dem Westen. Vereinnahmen allerdings ließ er sich nicht – wiewohl er sich auch gern in Erfolgen sonnte und ansonsten ein nicht ganz zu Unrecht als dandyhaft beschriebenes Dasein pflegte.
Seit Anfang der 1960er Jahre hatte sich Henze Marino in den Albaner Bergen oberhalb von Rom zur Wahlheimat erkoren. Von dort aus reiste er regelmäßig zu Konzerten und Festivals, gründete beispielsweise den Cantiere Internàzionale d’Arte in Montepulciano und die Münchener Biennale. Zunehmend errang sein humanistisch geprägtes Œuvre die verdiente Anerkennung grenzüberschreitend in Ost und West.
Nach 1989 brachte etwa die Oper Leipzig Henzes »Elegie für junge Liebende« heraus und entwickelte sich Dresden zu einer wahren Heimstatt für Henzes Musik und Musiktheater. Allein an der Semperoper kamen »Die Bassariden« und »L’Upupa« heraus, gefolgt von »Gisela!« (mit Ausrufezeichen und dem Untertitel »Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks«), einem gemeinsamen Auftragswerk mit der Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Unvergessen ist mir ein Interview mit dem Meister vor der Dresdner Premiere, die unmittelbar nach der in Gladbeck erfolgten Uraufführung herauskam. Dort in einer einstigen Maschinenhalle als Bestandteil eines großen Henze-Porträts zur Ruhrtriennale, hier knapp zwei Monate später in anderem Ambiente mit anderem Inszenierungsteam, anderen Ausführenden und anderem Notenmaterial. Henze hat noch nach der Generalprobe an seiner Dresdner Fassung gearbeitet und mir kurz vor der Premiere (die damit ja eine weitere Uraufführung war) bei einem Gläschen Pernod gestanden: »meine Erfahrungen hier sind immer sehr positiv gewesen«.
Die Titelpartie dieser Oper (unvergessen: Nadja Mchantaf als Gisela) erinnerte ebenso an Henzes Mutter wie an die ihm eng verbundene Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, deren 100. Geburtstag es ganze fünf Tage vor dem von Henze gab. Der Komponist jedoch meinte: „Im Süden hab ich mich oft verliebt, aber in den Süden in einer Solchheit … Vielleicht insofern, als mir vieles – was jeden am Süden fasziniert – sehr wichtig geworden ist, das Licht, das Klima, die Meeresnähe.“ Gefragt, woran er denn nach »Gisela!« arbeiten würde, lachte er und gestand: „An einer großen Pause.“
Die jedoch hat er sich nie gegönnt. Seit seinem ersten Beschreiten der musikalischen Bühne 1943 mit seinem »Concerto für Violine und Ensemble« hat er sich beständig erneuert, war anhaltend kreativ tätig und hat das Bewahrenswerte des eigenen Stils nie verleugnet. Doch selbst wohlmeinende Kenner von Henzes Schaffen wurden immer wieder überrascht, waren verblüfft mal ob der Novitäten in diesem Werk, mal ob der Rückkehr zu persönlichen Traditionen insbesondere in der perfekten Verschmelzung von Musik mit literarischer Sprache. Zu seinem 85. Geburtstag durften sich Sächsische Staatsoper, Semperoper Ballett, Sächsische Staatskapelle sowie Junge Szene aus dem äußerst reichhaltigen Fundus von Henze-Werken bedienen und den Meister eine ganze Spielzeit lang feiern.
Die enge Künstlerbeziehung zu Ingeborg Bachmann hat sich über die Jahre als prägend erwiesen. Henzes frühe Opernstoffe zu Heinrich von Kleist (»Der Prinz von Homburg«) und Wilhelm Hauff (»Der junge Lord«) gehen ebenso auf diese fruchtbare Zusammenarbeit zweier feinsinniger Seelen zurück wie Lieder und Nachtstücke, Gesangsszenen und Paraphrasen. Er hat Opern zu Libretti des Romanciers Hans-Ulrich Treichel (»Das verratene Meer«, nach Yukio Mushima) sowie des aus Dresden stammenden Lyrikers und Pfarrers Christian Lehnert (»Phaedra«) verfasst. Ein früheres Werk ist »Ein Landarzt« nach dem gleichnamigen Grusel von Franz Kafka. Und doch ist Hans Werner Henzes Metier, bei allen Bezügen zu Sprache und Literatur, stets das der Musik gewesen. Darin hat sich der Meister Experimente erlaubt, Probates gesichert sowie immer wieder Türen und Tore aufgerissen, um sich als virtuoser Beherrscher von Wagnis und Wirkungsmacht zu erweisen.
Elisabeth Stöpplers Dresdner Neuinszenierung der 1976 am Londoner Covent Garden uraufgeführten Oper »We come to the River« (»Wir erreichen den Fluss«) gelang 2012 die enorme Aktualität eines explizit gegen Krieg und Gewalt gerichteten Bühnenwerks. Einen Besuch dieser Produktion ließ sich Henze nicht nehmen.


Zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten ist der Komponist mit dem Stempel des politischen Künstlers bedacht worden. Darin konnte Anerkennung ebenso wie Ablehnung stecken, mitunter aber auch bloße Skepsis. Oder Unwissenheit. Er ist weder in die Schublade des Sinfonikers, noch in die des Kammermusikers zu stecken, denn er hat ausführlich beide Genres bedient. Und mehr noch: Solisten wie Chöre dürfen sich an den vokalen Herausforderungen messen, Instrumentalkonzerte sind von seiner Handschrift geprägt, Experimente führten ihn zu elektronischen Medien. Bei aller Anziehungskraft freier Tonalität und Zwölftönerem bewahrte sich Henze seine Liebe zu klassisch tonalem Material. Die hat er gepflegt bis zuletzt. Seine 9. Sinfonie nach dem Roman »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers etwa gilt seit ihrer Uraufführung als ebenso vitales wie bekenntnishaftes Alterswerk. Er selbst meinte dazu: „Meine 9. Sinfonie hat etwas Autobiografisches; ich habe die Tragödie Dresdens im Jahre 1945 mit starkem Mitgefühl und großer Bewunderung für die Bürger dieser Stadt miterlebt. Zu diesen Gefühlen gehörte auch eine Art nationaler Trauer.“ Das Opus wurde 1997 von den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Ingo Metzmacher uraufgeführt und ist beispielsweise 2023 von der Dresdner Philharmonie im Gedenkkonzert zum 13. Februar aufgeführt worden. Bedenkt man in diesem Zusammenhang, dass die 1. Sinfonie 1947 unter Hermann Scherchen herauskam, wird die auch musikgeschichtlich enorme Zeitspanne deutlich, in der Henze ein vielfältiges Werk von imposanter Größe schuf.
Genie für drei mal drei Leben
Es sollte lebendig gehalten und aufgeführt werden, dann bräuchte es heute weniger Worte über Hans Werner Henze. Denn er war ein Genie. Das sagt in der Tat alles. Die Inhalte, mit denen Henze sich mühte, die ihn mitunter auch quälten, zeigen persönliche Botschaften eines Künstlers, der sich nie als Schreiber im Elfenbeinturm verstand, aller lange erträumten und erst spät gelebten Noblesse zum Trotz. Er wollte sich einmischen, das sah er als seine vornehme Aufgabe an und verstand seine Musik als „geistige Rede“.
So auch als Interpret der eigenen Werke. Als solcher ist er wiederholt in aller Welt tätig gewesen. Sowohl vor als auch nach 1989 beispielsweise in Dresden. Hier hat Hans Werner Henze bereits 1966 ein komplettes Sinfoniekonzert mit ausschließlich eigenen Werken geleitet, wurde ein Jahr später zur 300-Jahr-Feier der Oper sein »Der junge Lord« aufgeführt, tauchte sein Name auch immer mal wieder in den Konzertplänen von Philharmonie und Kapelle auf. Von kontinuierlicher Pflege jedoch kann bis zu den 1990er Jahren keine Rede sein. Aber gab es die andernorts? Zu unberechenbar war und ist mitunter die Offenheit für das Neue verbreitet, aus rein musikalischen Gründen schon gab und gibt es Phasen größerer Hinwendung und sträflicher Vernachlässigung.


Bei Henze kam freilich die in Ost und West unterschiedlich gedeutete parteipolitische Bindung des zeitlich befristeten »Italokommunisten« hinzu. Im Nachhinein klingt bizarr, was 1985 zur hiesigen Erstaufführung seines »Tristan« verfasst wurde: „Da Henze sich als ein Komponist versteht, der sich der Sache der Arbeiterklasse annähert, aber nach wie vor eben als ein bürgerlicher Komponist, schreibt er neben politischen Musiken allerdings immer noch Werke, die mit dem bürgerlichen Konzertsaal rechnen. Es ist dies eine äußerst bunte, teils virtuose, teils lyrische Musik mit entweder sinnlich-einschmeichelnden oder abweisend-stolzen Klängen.“
Wie wäre wohl auf Henzes 1968 herausgekommenes Oratorium »Das Floß der Medusa« reagiert worden, das bislang leider nicht in Sachsen gezeigt wurde, von der Komischen Oper Berlin 2023 aber in einer faszinierenden Produktion im Hangar 1 des einstigen Flughafens Berlin Tempelhof fesselnd in Szene gesetzt worden ist? Vermutlich doch ähnlich betroffen wie die Musikerinnen und Musiker um ihren damaligen Chefdirigenten Christian Thielemann, als sie während einer Asien-Reise just am 27. Oktober 2012 bei ihrer Ankunft in Taipeh erfuhren, dass Hans Werner Henze in Dresden verstorben war.
Dresden hat Hans Werner Henze sehr viel bedeutet.
