
Wie wenig ist genug? Diese Frage wird am 3. Juli im Festspielhaus Hellerau öffentlich gestellt. Man kommt momentan nicht um sie herum; als Künstler, als Intendantin, als Stadtkämmerer, auch als Kulturjournalist. Wir alle kratzen am Bodensatz, die Rücklagen sind aufgebraucht, Existenzfragen werden gestellt. Und so wichtig, wie zu Corona-Zeiten immer betont wurde, scheint Kultur ja doch nicht zu sein. Blicken wir über den Rand unseres kleinen Tellerchens hinaus, so sehen wir’s kultürlich allerorten kriseln: der Kulturpass ist weg, Düsseldorf verzichtet zähneknirschend auf seine neue Oper, der Bundes-Weimer streicht die Zuschüsse für das Bündnis internationaler Produktionshäuser, Bayreuth zurrt das Jubiläumsprogramm zusammen, XJAZZ schlingert und stampft, ein unrühmliches Gezerre um die Dresdner Dixielandparade erst kürzlich direkt vor der Haustür, das digitale Filmerbe des Freistaats könnte schon bald im Orkus verschwinden, und so weiter, und so fort.
Über allem also die Frage: wie wenig kann es budgetseitig werden, damit künstlerische Handschriften noch erkennbar bleiben? Damit Häuser planbar und beitreibbar bleiben? Das ist der Hintergrund, vor dem HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste jüngst zur Vorstellung der neuen Saison 2026/2027 einlud. Statt der erkrankten Kulturbürgermeisterin oblag es dem Leiter des Kulturamtes, Dr. David Klein, die momentane Lage nüchtern zu beschreiben. „Für uns als Landeshauptstadt ist das Hellerauer Haus ein wichtiger Partner für kulturpolitische Vorhaben gewesen,“ schätzt David Klein ein. Die Finanzdaten seien positiv zu bewerten: das Haus hatte 2025 1,8 Millionen Euro Einnahmen, ein Großteil davon Fördermittel; das ist der höchste Wert der letzten fünf Jahre. Es kamen 34.000 Besucher, die Auslastung lag bei über 80 Prozent. „Wenn man als Stadt solche Erfolgszahlen vermeldet,“ so Klein weiter, „könnte man daraus den Schluss ziehen, alles liefe wie auf Schienen. Aber alle wissen: wenn es diesen Geldsegen von Land, Bund und internationalen Fördergebern nicht mehr gibt, könnten wir hier in ein schwierigeres Fahrwasser geraten. Da zeichnen sich am Horizont dunkle Wolken ab.“ Sprich: die Anzeichen stehen darauf, dass der Kulturhaushalt 2027/28 des Freistaats kleiner wird. Dresden sei dann nicht in der Lage, ausbleibende Bundes- und Landesmittel zu kompensieren.
Carena Schlewitt schönte die Lage nicht, versuchte aber, konstruktiv zu bleiben. „Unser Ziel“, so die Intendantin, „bleibt ein volles und abwechslungsreiches Programm und vielen Kooperationspartnern. Wir warten noch auf Förderentscheidungen – bleiben Sie dran!“
Erinnern wir uns an dieser Stelle auch an den Plan der Stadt, das Hellerauer Haus zum Jahresanfang 2027 mit der Staatsoperette und dem tjg in eine gemeinsame Rechtsform zu den „Städtischen Bühnen Dresden“ zusammenzuführen. Verspricht sich die Stadt dadurch Einsparungen bei Personal oder Budgets?
Ein deutliches Nein kommt hier vom Kulturamtsleiter. „Die drei Theater werden mit ihrem Profil weiter existieren. Für ihre konkrete Arbeit, die Art der Drittmitteleinwerbung usw., wird sich nichts ändern.“ Man sehe als Kulturverwaltung diese rechtliche Zusammenführung nicht als Einsparprojekt, sondern als Konsolidierungsprojekt. Aufwüchse in Personal und Sachkosten könnten unter dem gemeinsamen Dach besser abgefedert, „Redundanzen anders abgebildet“ werden. Nicht geplant sei ein Stellenabbau oder eine Zuschussreduzierung.
Ja, wie wenig ist genug?
Helleraus neue Saison (vorbehaltlich haushalterischer Beschränkungen und noch nicht genehmigter Förderungen, Auswahl)
Fragments of Life and Art. Jüdisches Leben in Kunst und Kultur
Anlässlich von „TACHELES – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen“ stellt HELLERAU beim Festival „Fragments of Life and Art – Jüdisches Leben in Kunst und Kultur“ vom 18.09. bis 01.11.2026 jüdische Erfahrung und künstlerische Praxis in den Fokus. Ein besonderer Fokus liegt auf der Künstlerin und Tänzerin Noa Eshkol, deren umfassendes Werk und Wirken erstmals in Dresden präsentiert wird. Drei Arbeiten von Omer Krieger, Noé Soulier und dem Dance On Ensemble sowie von Katja Erfurth setzen sich auf unterschiedliche Weise mit dem künstlerischen Schaffen und einzigartigen Notationssystem von Noa Eshkol auseinander. Darüber hinaus zeigt HELLERAU eine Ausstellung mit Noa Eshkols berühmten Wandteppichen sowie Zeichnungen, Fotografien und Videos.
In ihren choreografischen Solo-Arbeiten vermitteln Nitsan Margaliot und Yasmeen Godder sehr persönlich prägende Einschreibungen des Erbes und der Gegenwart auf ihre Körper.
Die Rauminstallation „Jüdische Ossis IV“ vom Institut für Neue Soziale Plastik richtet den Blick auf die jüngere Vergangenheit und fragt nach Möglichkeiten und Grenzen von Freiräumen in autoritären Regimen, nach dem Verhältnis von Rückzug und Opposition. Hier werden Zeitzeug*innen aus der DDR und der Sowjetunion erlebbar.
HYBRID Biennale
Die 3. HYBRID Biennale präsentiert vom 07.10. bis 07.11.2026 aktuelle künstlerische Projekte der Digital Arts und legt den Fokus auch auf die international und enorm dynamisch wachsenden Netzwerke innovativer Institutionen und Projektentwickler an den Schnittstellen von Kunst, Forschung und Technologie. Kooperationspartner sind u.a. ZKM Karlsruhe, MUTEK Montreal, die Akademie für Digitalität und Theater Dortmund, Festival de Cannes IMMERSIVE, C-LAB Taiwan und Akademie für angewandte Zukunft Oberlichtenau.
Taiwan Moves
Mit dem Schwerpunkt „Taiwan Moves“ präsentiert HELLERAU in den nächsten Jahren in Kooperation mit ESMC die vielfältige Tanz- und Performanceszene Taiwans. Zahlreiche Künstler*innen, Companies und Kulturschaffende der pazifischen Inselrepublik werden in HELLERAU zu Gast sein und ihre Kunst mit dem Publikum und der taiwanischen Community in Dresden und Sachsen teilen. Nach dem Gastspiel von Cloud Gate Dance Theatre werden bei der Oktober-Ausgabe von Floor on Fire taiwanische Tänzer*innen Teil des beliebten Battle-Formates sein (23. & 24.10.2026). Im November taucht die taiwanische Tanzcompany Bare Feet Dance Theatre in „Lingering“ hinab in den unergründlichen, mächtigen pazifischen Ozean, der in Taiwan immer präsent ist und spürt den ungehörten Geschichten der in seinen Tiefen versunkenen Seelen und Geistern nach (18. & 19.11.2026).
40 Jahre Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik
Die Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik (DTzM), 1987 vom Komponisten Udo Zimmermann gegründet, präsentieren auch im Jubiläumsjahr neben international renommierten Komponisten*innen und Ensembles Neuer Musik spannende Nachwuchskünstler*innen und vermitteln Einblicke in die vitale Freie Musikszene in Dresden und Sachsen. Das Programm von DTZM 2027 wird im Januar 2027 veröffentlicht (09. – 25.04.2027).
Musik in HELLERAU
Musikalisch eröffnen die Freunde der italienischen Oper mit ihrem Angelus Luminis – Album Release Konzert und Gästen wie René Pape die Spielzeit 2026/2027. (03.10.2026).
Am 14.11.2026 stellt die Komponistenklasse Dresden mit dem Dresdner Klangkollektiv Opus Eins die neuesten Kompositionen von Kindern und Jugendlichen aus Dresden vor. Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr eine Solo-Stimme in Kombination mit zwei Blas- bzw. Streichinstrumenten.
Als musikalischer Auftakt für 2027 ist beim Konzert der Reihe Happy New Ear das belgische Nadar Ensemble zu Gast, das mit Studierenden des Forschungsprojektes „Postdigital Interpretation“ der Hochschule für Musik und Tanz Köln neue Konzepte und Kompositionen entwickelt (16.01.2027).
Große Stücke
Die große kanadische Choreografin Marie Chouinard ist im Dezember mit einem Doppelabend in HELLERAU zu erleben, an dem sie Johann Sebastian Bachs „Magnificat“ sowie Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ auf ihre ganz unverwechselbare Weise interpretiert (03. – 05.12.2026). Und die bekannte Batsheva Dance Company ist nach langer Zeit mit ihrem Stück „MOMO“ wieder in Dresden zu Gast. Mit Musik der legendären Laurie Anderson und dem Kronos Quartet entfaltet sich auf der Bühne eine gemeinsame Leidenschaft aus tiefer Trauer und Schönheit (17. – 19.06.2027).