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Eine vertane Chance

Dieses Instrument blickte weit ins zwanzigste Jahrhundert voraus (Fotos: M.M.)

„Entdeckungen, Eleganz und musikalische Überraschungen“ versprachen für diesen Konzertabend etwas inhaltsärmlich die Musikfestspiele (beziehungsweise das vermutlich eingesetzte KI-Sprachmodell). Die gespielten Werke nahmen dann angeblich „bereits die Welt der langsamen Klaviersonatensätze eines Haydn oder frühen Beethoven vorweg“ beziehungsweise „blickt[en] weit in die folgende Epoche der Klassik voraus.“ Während die Musik in den fast völlig auferstandenen Ruinen des Palais im Großen Garten (die den Hollywood-Schauspieler Bill Murray im Pressegespräch am Samstag an Kuba erinnerten) also schon der Zukunft zugewandt war, hielten sich wohl nicht wenige Hörer noch in der Vergangenheit auf, genauer: bei der Frage, wer die Instrumente, die da gerade erklangen, wohl wann gebaut haben mochte. Die Stücke waren zumeist für Cembalo und Viola da Gamba geschrieben; zu hören und zu sehen war jedoch ein Cello und ein Hammerklavier.

Nun ist die Alte-Musik-Szene bei solchen Details äuuußerst pingelig, und sicherlich hätten viele im erlesenen Publikum gern gewusst, auf welchen Instrumenten denn nun Jean Rondeau und Nicolas Altstaedt da vorn eigentlich spielten. Da das Programmheft sich darüber ausschwieg, sei die Information hier wenigstens teilweise nachgereicht: Nicolas Altstaedt spielte seinen treuen Reisekumpan, ein 1749 in Piacenza gebautes Guadagnini-Cello, und zwar mit einem klassischen (oder nach klassischem Modell nachgebauten) Bogen. Und der Tausendsassa Jean Rondeau fand sichtlich und hörbar Vergnügen daran, einen Hammerflügel-Nachbau des US-Amerikaners Paul McNulty zu spielen, der seit dreißig Jahren in Mittelböhmen lebt – des Holzes wegen.

McNulty, der sein Instrument selbst anlieferte, ließ sich nach dem Konzert allzugern in ein Gespräch über seine Instrumente verwickeln, das immer tiefer in die Geschichten rund um den elsässischen Zweig der Silbermann-Familie und den dortigen Azubi Johann Andreas Stein führte. Stein, der bei Johann Andreas Silbermann und Johann Heinrich Silbermann in die Lehre gegangen war, ließ sich nach seinen Wanderjahren in Augsburg nieder, erhielt dort das Bürgerrecht und schlug selbst die von ihm gebaute Orgel der dortigen Barfüßerkirche. Sein Einkommen als Organist und Orgelbauer ermöglichte es ihm, ausführlich an der Spielmechanik der von Bartolomeo Cristofori erfundenen „Hammerklaviere“ herumzutüfteln, und er verbesserte sie so weitreichend, dass seine Instrumente von den größten Pianisten seiner Zeit (u. a. die Mozarts und Beethoven) ob ihrer Modulationsfähigkeit geliebt wurden. Rondeau kostete die am Donnerstag weidlich und hörbar begeistert aus und wies beim Schlussapplaus noch einmal dezidiert (und nur halb scherzhaft) auf den Stein-Nachbau.

Nachbau nach Johann Andreas Stein (1788)

Nicolas Altstaedt hatte in den gemeinsam empfundenen Sonaten ein weniger glückliches Händchen. War’s die tiefe Abendsonne, die das Instrument beschien, oder der Reisestress, sein Instrument war dem Hammerflügel nur selten brüderlich gewachsen, Intonationstrübungen und andere spielerische Unsauberkeiten schlichen sich bei ihm ein, und wirklich glücklich sah er nicht aus dabei.

So schön es also war, diesen außergewöhnlichen Kammermusikabend mit Werken von Bach und Sohn im Programm der Musikfestspiele zu finden – so schön wäre es gewesen, wenn die Programmacher rund um Jan Vogler das erklärte Bemühen um authentischen Klang und informierte Spielpraxis (siehe u. a. »The Wagner Cycles«) dahingehend ausgedehnt hätten, das Publikum auch auf dieser Klangreise freundlich an die Hand zu nehmen und umfassender zu informieren. Paul McNulty wäre doch der erste gewesen, der (vor dem Konzert?) liebevoll und kundig über die Hammerklavierszene und die neuesten Erkenntnisse der C.P.E.-Bach-Forschung hätte berichten können. Und vielleicht hätte Nicolaus Altstaedt als freundlicher Konzertmoderator etwas zu den Werken, den damals üblichen Gamben und Celli und vielleicht sogar zu seiner Spieltechnik, etwa dem vergleichsweise häufigen Flageolettablangen in den hohen Lagen etwas sagen können? Neben den wunderbaren musikalischen Überraschungen dieses klug zusammengestellten Programms, dessen Farbe den Musikfestspielen sehr gut tat, eine vertane Bildungschance.

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