Website-Icon Musik in Dresden

»Neue Anfänge in der Erinnerungskultur« – Musikfestspiele reden Tacheles

Der Pianist Alexander Malofeev im Kulturpalast (Foto: Stephan Floss)

Bei aller »Leichtigkeit des Seins«, wie ja das Motto der Dresdner Musikfestspiele aktuell lautet, auf gewichtige Inhalte soll im Programm nicht verzichtet werden.

Ein Festival im Festival, bei den Dresdner Musikfestspiele ist das nicht neu. Die »Cellomania« etwa, man kann den Titel ebenso deutsch wie englisch aussprechen, gibt es nun schon zum dritten Mal und bezieht sich natürlich auf das Instrument des Festspielintendanten Jan Vogler, das Cello. Das Cello allerdings in einem weitgefassten Plural. Vogler begründet das so:

»Cellisten sind sehr gesellig, sehen sich aber fast nie. Wir sind alle in Kontakt, aber begegnen uns nur sehr selten. Die Idee ist, dass wir uns nicht nur sehen, sondern auch gemeinsam musizieren. Das ist etwas, das man nirgendwo anders hören kann, wenn in der Langen Nacht des Cellos Ensemble gebildet werden, über drei, vier Generationen hinweg.«

Jan Vogler ist bekantlich bestens vernetzt. Er hat Cellistinnen und Cellisten aus aller Welt nach Dresden geladen. Große Namen dabei ebenso wie Newcomer, Solisten, Ensembles, nicht zuletzt die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker.

»Diese Kombination kann man nur hier bei Cellomania hören, das ist eine einmalige Chance nicht nur für Cello-Fans, sondern überhaupt für Musikfans. Weil Cellisten eine Kameradschaft entwickeln, die ganz ungewöhnlich ist, die gibt es so weder bei Pianisten noch bei Geigern, denn jedes Instrument entwickelt eine eigene Charakteristik.«

Allein die Zahl der rund vierzig mitwirkenden Cellistinnen und Cellisten in nicht weniger als 17 Cellomania-Konzerten ist beeindruckend, dass der Intendant in gleich drei Konzerten ebenfalls mit dabei ist, dürfte wohl kaum überraschen.

»Cellomania« trifft auf »Tacheles«

Aller im diesjährigen Motto beschworenen »Leichtigkeit« zum Trotz (die keinesfalls Banalität beinhalten soll) wird freilich auch Schwerwiegendes thematisiert. Insbesondere die inhaltlich und dramaturgisch durchdachte Verbindung mit der Initiative »Tacheles – das Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen« wird in mehreren Konzerten der Festspiele berücksichtigt. Gleich sechs Veranstaltungen (einige leider zeitgleich stattfindend) widmen sich diesem Themenkreis, der den Pianisten Igor Levit als »Tastenmagier mit Botschaft« offeriert. Gewiss keine zu hoch gegriffene Überschrift, denn an den Tasten macht dem 1987 in der Sowjetunion geborenen und seit 1994 in Deutschland lebenden Künstler so rasch niemand was vor. Und seine Botschaft ist ihm ebenso wichtig, wie er vor wenigen Wochen in seiner Dresdner Rede unter Beweis gestellt hat, Zitat:

»Ich sage das mit allem Selbstbewusstsein: Dieses Land braucht seine jüdischen Wurzeln, hier haben wir nämlich eine unendliche Quelle von Aufbruchskraft und es wäre wirklich nicht klug, sie zu verschenken. Ich habe erst in den vergangenen Jahren damit begonnen, nach dem jüdischen Teil meiner Identität zu fragen. Wer am Rand steht, sieht besser, hat weniger Scheu, Grenzen zu überschreiten, ohne Karte loszugehen und Neues zu versuchen. Jüdisch ist keine Wurzel, jüdisch ist ein Weg.«

Der musikalische Botschafter postulierte in seiner Rede klare Erwartungen:

»Es braucht neue Anfänge in der Erinnerungskultur. Es braucht aber auch eine neue Neugierde auf jüdische Traditionen. Und zwar nicht um Willen von uns Juden. Euretwillen. Um Willen dieses Landes.«

Erwartungen, die Igor Levit mit unüberhörbarer Kritik verband:

»Für mich fühlt sich diese Gegenwart in diesem Land an wie eine totale und eine bleierne Gegenwart. Das ist der erste Effekt jeder großen Krise. Dass wir den Blick nicht nach vorne, sondern nach unten richten. Dass die Weite des Denkens abhandenkommt. Ich erlebe Deutschland ausgetrocknet von Anfängen, energielos und blutleer.«

Geplant war in der Tacheles-Reihe auch ein Wiederhören mit Martha Argerich, der nun bald 85jährigen Grande Dame des Klaviers. Leider  musste sie absagen, an ihrer Stelle gab der 2001 in Moskau geborene Pianist Alexander Malofeev sein Dresden-Debüt. Der in Berlin lebende Künstler bedauerte, nicht schon früher in Dresden gewesen zu sein, freute sich nun aber auf diese unerwartete Chance. Obwohl er einräumen musste:

»Eine Martha Argerich zu ersetzen, das ist gar nicht möglich. Es kommt mir jetzt wie ein Déjà vu vor, denn ich habe erst kürzlich im Wiener Musikverein für sie einspringen dürfen und mit dem Rotterdam Philharmonisch Orkest unter Leitung von Lahav Shani das a-Moll-Klavierkonzert von Edvard Grieg aufgeführt.«

Das nun auch im Dresdner Kulturpalast erklang, eingebettet in Johan Wagenaars »Cyrano de Bergerac« sowie in die 2. Sinfonie von Johannes Brahms.

Weitere »Tacheles«-Konzerte der diesjährigen Dresdner Musikfestspielen gibt es in den kommenden Tagen mit der Sängerin Noa sowie Abende mit dem israelischen Dirigenten, Akkordeonisten und Pianisten Omer Meir Wellber, der einem Konzertabend mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und dem Trompeter Till Brönner ein »Klangvolles Musikabenteuer« (O-Ton Musikfestspiele) voller Überraschungen mit seinem Blauen Ensemble folgen lässt.

Die mobile Version verlassen